Neues Lenbachhaus München leuchtet  - jetzt noch heller

Die Heimat des "Blauen Reiters" erstrahlt in neuem Glanz - und zwar so sehr, dass der Anbau des Lenbachhauses von Star-Architekt Norman Foster wirkt wie Falschgold. Aber zum Glück ist in der berühmten Münchner Gemäldegalerie auch nach der Sanierung der Wurm drin.


Das Lenbachhaus war ja stets ein heiterer, ein lebenssatter Ort. Mit seiner toskanisch inspirierten Neo-Renaissance-Architektur wirkte es wie der südlichste Vorposten Münchens. Wer vom staubigen, verkehrsumtosten Königsplatz kam, tauchte ab im verwunschenen Garten des U-förmigen Gebäudeensembles. Hier zwitscherten die Vögel, die Luft schien eine Spur feuchter und das Grün rankte und blühte. Zum Runterkommen.

Kaum war man aber drinnen, wirkte vieles nicht mehr so ideal. Das Entrée war zu eng, die Orientierung schwierig, der Brandschutz veraltet, und Rollstuhlfahrer hatten es schwer. Der Bau war schlicht überfordert: 1929, als das ehemalige Wohn- und Atelierhaus des "Malerfürsten" Franz von Lenbach als städtische Gemäldegalerie öffnete, hatte man mit 10.000 Besuchern im Jahr gerechnet. 2008, kurz bevor für die Sanierung geschlossen wurde, wurden an die 450.000 gezählt.

Jetzt ist alles anders. Das Haus wurde vom Architekturbüro Foster + Partners generalsaniert, um einen kubischen Neubau und ein Geschoss erweitert. Es ist barrierefrei zugänglich und hat eine ausgefuchste LED-Beleuchtung. Und der Eingang liegt nicht mehr am Ende des Gartens an der Luisenstraße, sondern öffnet sich zum Königsplatz hin.

Dort liegt auch der mit messingfarbenen Bronzerohren verkleidete Neubau. Und der strahlt und der glitzert, als wolle er verkünden: "Ich bin ein güldenes Schatzkästlein." Dabei schillert der metallische Panzer neben dem ockergelben Altbau in Wahrheit wie Falschgold. Idee der Architekten war es, trotz innovativen Materials die Farben korrespondieren zu lassen und so die Ensemblestruktur zu erhalten. Nun bleibt die Hoffnung, dass die Oberfläche Patina ansetzt, matter wird und der Kubus stärker mit dem Altbau verschmilzt.

Kuddelmuddel im Atrium

An der Naht zwischen Alt- und Neubau betritt man die neue großzügige Eingangshalle. Dank gut lesbarer Schriftzüge kann hier jeder schnell die Fährte seines Faibles aufnehmen: zur Münchner Malerei des 19. Jahrhunderts, in die ehemaligen Wohn- und Repräsentationsräume Lenbachs, zum "Blauen Reiter", zur Kunst nach 1945 oder in den Trakt, der Joseph Beuys gewidmet ist.

Allerdings ist das Atrium auch ein Raum mit vielen disparaten Details. Ein großes Stück der ockergelben Altbaufassade ragt in ihn hinein. Treppen, eine Empore, unterschiedliche Fenster durchziehen ihn. Gut, dass dieses Kuddelmuddel von dem kronleuchterartig installierten "Wirbelwerk" des Künstlers Olafur Eliasson zentriert wird.

Herzstück des Hauses ist immer noch der "Blaue Reiter". Seine Präsentation beginnt jetzt im zweiten Stock des Kubus und zieht sich durch die gesamte, im Altbau neu hinzugewonnene zweite Etage: elf Kabinette, beginnend mit den Murnauer Landschaften von Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky und endend mit dem Marc-Macke-Saal mit den Publikumsfavoriten "Blaues Pferd I" und "Tiger" von Franz Marc.

Überall hängen die Bilder hier auf farbigen Wänden. Damit hat das Lenbachhaus schon 1992 begonnen. Was anfangs hitzig debattiert wurde, hat inzwischen viele Nachahmer gefunden. Das Lenbachhaus aber experimentiert weiter. Am radikalsten im Saal mit Kandinskys expressiven Abstraktionen: Er ist mit schwarzem Seidenmoiré ausgekleidet. Das erhöht die Strahlkraft der Bilder. Leider aber ist die Bespannung weiß abgesetzt und drängt sich so in den Vordergrund.

Für die Wahl von Schwarz allerdings gibt es einen guten Grund. In einem kürzlich gefundenen Dokument schildert ein Freund Kandinskys die erste Ausstellung des "Blauen Reiters" von 1911. Aufgrund von Schwarzweißfotos wusste man bisher nur: Die Wände waren mit dunklem Papier verkleidet. Die Farbe aber? Violett vielleicht? Grau? Die Aufzeichnungen des Zeitzeugen belegen nun: Das Papier war schwarz. Und die Bilder sollen darauf geleuchtet haben wie bunte Glasfenster in dunklen Kirchenschiffen.

Freche Skulpturen

Größte Herausforderung für das Lenbachhaus ist die Zuspitzung der Sammlung von Kunst nach 1945. Sind die Bereiche "19. Jahrhundert" und "Blauer Reiter" vom charmanten Ineinander von lokaler Verhaftung und von globaler Bedeutung geprägt, hat eine solche Ausrichtung bei den heute weitgehend internationalisierten Arbeitsweisen kaum mehr Sinn.

Die jetzige Präsentation - von Gemälden Georgia O'Keeffes bis zu Angela Bullochs Verpixelung von Antonionis "Zabriskie Point" - reflektiert deshalb die Ausstellungsgeschichte des Hauses und zeigt vor allem Künstler, die hier bereits Einzelschauen hatten. Besonderen Spaß macht dabei, dass das Erdgeschoss der Lenbachvilla samt seines historisierenden Pomps mit den nonchalant frechen Skulpturparaphrasen des Österreichers Erwin Wurm durchsetzt ist.

Der Neubau glitzert also ein wenig zu sehr, an innerer Strahlkraft aber hat das Lenbachhaus nicht verloren. Und dass der Wurm drin ist, ist ein Glück.


Lenbachhaus, Luisenstraße 33, 80333 München. Wiedereröffnung: 8. Mai. Bis zum 12. Mai freier Eintritt.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
alaunemad 07.05.2013
1.
Zitat von sysopNigel Young/ Foster+Partners Die Heimat des "Blauen Reiters" erstrahlt in neuem Glanz - und zwar so sehr, dass der Anbau des Lenbachhauses von Star-Architekt Norman Foster wirkt wie Falschgold. Aber zum Glück ist in der berühmten Münchner Gemäldegalerie auch nach der Sanierung der Wurm drin. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/lenbachhaus-in-muenchen-wiedereroeffnet-mit-erweiterungsbau-a-898571.html
Ich war gestern am Königsplatz und habe mir den neuen Trakt vom Lenbachhaus angeschaut (von außen). Es hat mich erschreckt wie hässlich die Fassade ist. Es sieht aus wie ein dreckiger Wohnblock im 70er-Jahre-Stil. Also mir persönlich gefällt es nicht, aber da soll sich jeder erst mal selbst eine Meinung bilden.
kumi-ori 07.05.2013
2.
Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie das "Gold" der Eingangshalle, das ja trotz seines Glanzes eine eher gedeckte Farbe ist, mit dem zwar matten aber dennoch quietschigen Orange der Fassade korrespondieren kann. Aus organisatorischen Gründen wird man wohl einen solchen Eingangswürfel brauchen. Es war ja schon früher so, dass bei Ausstellungen, die ein echter Publikumsrenner waren, die Eintrittskarten außerhalb in einem Container verkauft wurden, bevor man dann zum eingang ging. Der Zugang durch den Garten hatte Charme. Man konnte sich auch einfach nur so in den Garten setzen ohne Eintritt und von der Kassenhalle in die Ausstelungsräume spechten. Aber ich lasse mich natürlich gern von der neuen Konzeption überraschen. Wenn hier beklagt wird, dass der Bestand thematisch gesehen doch ein wenig "Sammelsurium" ist, muss man der Gerechtigkeit halber sagen, dass es sich ja um die städtische Sammlung handelt. Die Stadt hat und hatte weder die finanziellen Mittel noch das Gewaltmonopol (in früheren Zeiten), um Kunst in großem Maße in Auftrag zu geben, zu beschlagnahmen, zu säkularisieren, arisieren, oder aus dem Ausland zu erbeuten, wie das den Sammlungen des Bayerns oder Deutschlands möglich war. Man war auf Schenkungen angewiesen oder musste mit sehr sparsamen Mitteln und gezielt einkaufen. Dafür ist es dann doch sehr gelungen.
robert.lechl 07.05.2013
3. Atmospäre Kaput..
Diese schöne alte Villa, wen man über den Garten reinkam war das, wie wen man in einen alten der Film wäre. Man spürte richtig, dass hier einst die ersten Automobile anrollten und schicke Leute ein und ausgingen. Dieses verträumte Eck ist nun durch Einfallslosigkeit zur Belanglosigkeit abgestempelt worden. Wo ist eigentlich der Mensch in einer Architektur die aussieht als hätten die Bauarbeiter ihr Gerüst vergessen.
Swami 08.05.2013
4. Millionen, Millionen, Millionen ...
Alles schön und gut. Aber, brauchen wir sowas unbedingt? Über 50 Millionen für so was auszugeben kann man sich erst leisten, wenn Institutionen wie "Die Tafeln" (wo diejenigen, die nicht mal genug Geld haben, um sich mit den notwendigsten Lebensmitteln zum Überleben zu versorgen), verschwunden sind, weil man sie nicht mehr braucht, d.h. sie überflüssig geworden sind. Ihr solltet euch schämen und ich bete dafür, daß ich immer genug Schaffenskraft auch noch im hohen Alter habe, um mich mit dem Notwendigsten zu versorgen und nicht bei Institutionen, wie bei den Tafeln vorsprechen muß. Bevor ich mich in diesen Millionenpalast begeben würde, um das was dort ist, anzusehen, würde ich lieber ehrenamtlich den Dienst am Nächsten ausüben, sprich denjenigen,die die Tafeln in Anspruch nehmen müßen, Essen oder sonst was ausgeben.
dr.ideen 08.05.2013
5. Langweilig
Es hat nicht schon gereicht, dass die Pinakothek der Moderne so ein grauer, Bauhaus-Betonkasten ist, nein gleich nebendran klont man das Gebäude und setzt die Filmhochschule rein. Für die brandhorst Sammlung wählt man nicht etwa den Entwurf von Zaha Hadid...nein..man setzt wieder einen Kasten - nur dieses Mal um bunte Stäbchen an der Fassade erweitert - als Nachbarn zu den oben genannten. Und nun ja, in Luftlinie 200m von der besagten Öde macht man die Langeweile nun perfekt und die Verantwortlichen bestätigen, dass sie völlig inkompetent in Fragen Architektur sind, in dem man eine Kopie von Brandhorst in Gold hinstellt...anstatt mal die Stadt um eine architektonische Attraktion reicher zu machen, verödet die Landschaft und ich wünsche mir nun die Zeiten vom Ludwig II herbei, denn dieser hatte eine Vision, die er verwirklichte und so die architektonischen Attraktionen des Freistaats prägte.
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