Leni Riefenstahl Triumph der "Tiefland"-Häftlinge

Leni Riefenstahl darf nicht mehr behaupten, den Sinti- und Roma-Statisten, die in ihrem Film "Tiefland" mitspielten, sei nach dem Ende der Dreharbeiten nichts zugestoßen. Eine Überlebende der damals einem NS-Arbeitslager entliehenen "Zigeuner-Komparsen" erwirkte eine Unterlassungserklärung der umstrittenen Regisseurin.


Regisseurin Riefenstahl: "Wunden wieder aufgebrochen"
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Regisseurin Riefenstahl: "Wunden wieder aufgebrochen"

Köln - Eine ehemalige "Zigeuner-Komparsin" und Überlebende des Holocaust hat von der Filmemacherin Leni Riefenstahl, 99, eine Unterlassungserklärung erwirkt. Demnach darf die wegen ihrer NS-Propagandafilme umstrittene Regisseurin nicht mehr behaupten, sie habe "alle Zigeuner, die in "Tiefland" mitgewirkt haben, nach Kriegsende wiedergesehen. Keinem einzigen ist etwas passiert". Der Streifen entstand Anfang der vierziger Jahre, wurde aber erst später fertig gestellt und kam 1954 in die Kinos, ohne ein großer Erfolg zu werden.

Vertreter des gemeinnützigen Vereins Rom forderten am Freitag in Köln zudem eine Geste der Wiedergutmachung von Riefenstahl. An der Veranstaltung, die nach Drohanrufen von der Polizei gesichert wurde, nahmen die Autoren Ralph Giordano und Günther Wallraff sowie die ehemalige "Zigeuner-Komparsin" Riefenstahls, Zäzilia Reinhardt, 76, teil. Der Verein veröffentlichte eine Liste mit den Namen von 48 von Riefenstahl angeforderten "Zigeunern". Ein Abgleich habe ergeben, dass mehr als 20 der 48 Sinti und Roma in Konzentrationslagern endeten. "Für eine ganze Reihe ist vermerkt, dass sie dort umgekommen sind", sagte Vorstandsmitglied Kurt Holl.

Holocaust-Überlebende Reinhardt mit Riefenstahl-Porträt: "Infame Lüge"
AP

Holocaust-Überlebende Reinhardt mit Riefenstahl-Porträt: "Infame Lüge"

Mit Unterstützung des Vereins, der sich für die Verständigung von Sinti und Roma und Nicht-Rom einsetzt, hatte die überlebende Zwangsarbeiterin die Regisseurin aufgefordert, ihre kürzlich veröffentlichte Behauptung zu widerrufen. Reinhardt war nach eigenen Angaben mit 15 Jahren in das NS-Lager Max Glahn bei Salzburg gekommen. Die Riefenstahl GmbH habe sich damals an die Kriminalpolizei Salzburg gewandt und Häftlinge für "Tiefland" angefordert, sagte sie. Nach den Dreharbeiten mussten die Darsteller laut Reinhardt wieder ins Lager zurück. Die 76-Jährige nannte die Behauptung Riefenstahls, niemandem sei etwas passiert, "eine infame Lüge".

Der Verein Rom e. V. stellte nach eigenen Angaben außerdem Strafantrag gegen Riefenstahl wegen "Holocaust-Leugnung" bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Sie habe sich direkt des NS-Lagersystems bedient. "Um dies zu vertuschen, scheute sich Frau Riefenstahl nicht, die Zwangsarbeit und die spätere Ermordung ihrer "Zigeuner-Statisten" bis heute zu verharmlosen, ja zu leugnen", sagte Holl. Dies habe bei den Überlebenden zu einer "unglaublichen Traumatisierung" geführt. "All diese Wunden sind wieder aufgebrochen."

Mit Nachdruck forderten die Teilnehmer, Riefenstahl solle die Überlebenden entschädigen. Zudem sollten im Vorspann von "Tiefland" künftig die Namen aller Sinti und Roma aufgeführt werden, die Riefenstahl als Kleindarsteller zwangsverpflichtet hat.

Riefenstahl hatte nach Bekanntwerden der neuen Vorwürfe vergangene Woche in einer Stellungnahme die Verfolgung und das Leid bedauert, "das Sinti und Roma während des Nationalsozialismus haben erleiden müssen". Ihr sei "heute bewusst, dass viele von ihnen in Konzentrationslagern umgekommen sind". Sie habe sich jedoch immer gegen Behauptungen gewandt, sie hätte während der Dreharbeiten Kenntnis von den in Konzentrationslagern stattfindenden Gräueltaten gehabt. Die Behandlung der bei "Tiefland" mitwirkenden Sinti und Roma sei sehr zuvorkommend gewesen.

Der Zeitzeuge Ralph Giordano ("Die Bertinis") warf Riefenstahl dagegen am Freitag vor, sie halte an einer "Lebenslüge" fest. "Ich verlange, dass sie ehrlich ist und sich vielleicht auch aufrafft zu einer Geste und so bezeugt, dass sie etwas gelernt hat und dass sie ihre Lebenslüge durchbricht", sagte Giordano gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. "Ich denke, der 100. Geburtstag (von Riefenstahl) wäre ein guter Anlass für eine Geste", sagte Giordano.

Die Regisseurin, deren technisch und ästhetisch bahnbrechenden Dokumentarfilmen "Triumph des Willens" und "Olympia" noch immer der Ruch der Nazi-Propaganda anhaftet, wird am kommenden Donnerstag (22. August) 100 Jahre alt. Sie lebt am Starnberger See.



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