Lettlands Geschichte Abschied von der schönen neuen Welt

Der große Bruder wurde abgeschüttelt, sein Schatten fällt aber noch immer auf das Land. Um so wichtiger, dass das post-kommunistische Lettland seine Vergangenheit erforscht. Henryk M. Broder traf in Riga drei kritische Köpfe.


Schon als Schüler hatte Valdis einen großen Wunsch: Er wollte die "Schöne Neue Welt" von Huxley lesen, am liebsten in der Originalfassung. Er hatte von dem Buch gehört, aber bekommen konnte er es nicht, denn in der Sozialistischen Lettischen Sowjetrepublik wurde zersetzende westliche Literatur weder verlegt noch zum Kauf angeboten. Ähnlich schwierig war es, an Notenblätter ranzukommen. So lernte Valdis, kaum dass er im Alter von zehn Jahren begonnen hatte, Klarinette zu spielen, wie man improvisiert.

Nach der Schule in Viesite, 100 Kilometer südöstlich von Riga, besuchte er das Konservatorium der lettischen Hauptstadt und spielte anschließend zehn Jahre Klarinette und Saxophon im Blasorchester "Riga", das nicht nur für musikalische Unterhaltung sorgte, sondern auch einen Auftrag zu erfüllen hatte. "Etwa 40 Prozent unseres Programms war russische, je 30 Prozent lettische und Welt-Musik."

Valdis, 1947 geboren, war schon 37, als er wieder zu studieren anfing, diesmal englische Sprache und Literatur. 1989, im Alter von 42 Jahren, machte er sein Diplom – mit der Übersetzung eines Kapitels aus der "Schönen neuen Welt". Inzwischen hatten sich die Zustände in Lettland so weit liberalisiert, das ein Autor wie Huxley nicht mehr tabu war.

Valdis gab das Musizieren auf und wurde Übersetzer. "Nichts besonderes, nur Unterhaltungsliteratur." Unter den 20 Büchern, die er ins Lettische übertrug, waren auch zwei Romane von Agatha Christie. Viel lieber hätte er Huxley übersetzt, aber an dem war kein Verlag interessiert.

Heute entscheidet Valdis ganz allein, was er tun, lesen oder spielen möchte. Von September bis Mai gibt er privaten Englisch-Unterricht – "jeder bei uns will Englisch lernen, vom Schüler bis zur Oma" –, und von Anfang Juni bis Ende August macht er Straßenmusik. Er steht vor dem "Schwarzhäupterhaus", das vom 14. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs der deutschen Bruderschaft der unverheirateten Kaufleute als Zunfthaus diente, und spielt auf seinem Tenor-Saxophon Evergreens: "Summertime", "Over the Rainbow", "Smoke gets in your eyes".

Vorbei und vergessen sind die Zeiten, da er als Schüler Lenin-Texte auswendig lernen und als Musiker Stücke spielen musste, die sich der für Erziehung und Kultur zuständige Genosse im ZK wünschte. "Jetzt bin ich ein freier Mensch." Und er verdient gut, denn die Touristen sind großzügig, und das Geld, das sie in seinen Saxophonkasten werfen, muss nicht versteuert werden.

Agenten, Spitzel, Opfer

Auf dem Weg zur Arbeit geht Indulis Zalite fast jeden Tag an Valdis vorbei, aber die beiden haben noch nie ein Wort miteinander gesprochen. Für Zalite, 1953 in Riga geboren, ist Musik nur eine Nebensache. Er ist Naturwissenschaftler, hat Bio-Chemie studiert, an der sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau geforscht und zehn Jahre in einem lettischen Industriekomplex bei Olaine gearbeitet. Bis 1991 die Wende kam. "Es war nicht die Zeit, um in Ruhe weiter zu forschen. Viele haben ihren Beruf gewechselt."

Das lettische Parlament richtete ein "Zentrum für die Dokumentation der Folgen des Totalitarismus" ein, Zalite wurde gefragt, ob er mitarbeiten möchte. Seit 1995 leitet er das Zentrum, von seinem Büro schaut er auf den Domplatz, wo vor inzwischen 16 Jahren Tausende von Letten für die Freiheit ihres Landes demonstrierten.

"Damals ging es darum, die Geschichte zu erfassen, die Information zu organisieren", sagt Zalite und erklärt, was sein "Zentrum" von der deutschen "Gauck-Behörde" unterscheidet. "Wir waren eine Sowjet-Republik. Bei uns war der KGB aktiv. Der größte Teil der Dokumente wurde noch vor der Wende vernichtet oder nach Moskau gebracht."

Zurück blieb eine Datei mit einigen Tausend Namenskarten – von Spitzeln und Bespitzelten. Von 1953 bis 1991, schätzt Zalite, habe es rund 24.000 KGB-Agenten in Lettland gegeben, ganz am Ende waren es noch 4.500. Weil es aber kaum Unterlagen gibt, "müssen wir mit den Leuten reden"; Zelite und seine acht Mitarbeiter sammeln Zeugenaussagen und halten Erinnerungen fest, mit aller Vorsicht, denn: "Das eigene Gedächtnis funktioniert oft wie ein Zufallsgenerator."

Ein Projekt, an dem Zelite derzeit arbeitet, wird vom Goethe-Institut betreut und gefördert. Es ist die vergleichende Darstellung der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in acht ehemaligen Ländern des Ostblocks, von Estland über Polen bis Slowenien. Da gebe es einige Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterschiede. Die acht Studien sollen demnächst auf einer Website veröffentlicht werden, in den Sprachen der jeweiligen Länder - und auf Deutsch.

Wo die Revolution zu Hause ist

Wer heute schon eine kurze Reise in die jüngste Vergangenheit Lettlands machen möchte, der muss nur um die Ecke gehen, in ein unauffälliges Haus in der Kramu-Straße, gegenüber dem "naktsklubs angelika". Hier werden im "Museum der Barrikaden" in drei Räumen die entscheidenden Tage im August des Jahres 1991 rekonstruiert, als das kleine Lettland sich vom Großen Bruder im Osten lossagte.

In einem Raum hängen die Original-Plakate mit den Kampfparolen ("Gegen rote Faschisten!", "Geht schlafen, Besatzer!"); auf einem TV-Monitor sieht man, wie das Lenin-Denkmal im Zentrum der Stadt gestürzt wird. Im Raum daneben wird an die acht Menschen erinnert, die bei den Unruhen ums Leben gekommen sind, unter ihnen auch ein sowjetischer Milizionär, der sich auf die Seite der Letten gestellt hat. Das "Museum der Barrikaden" wird von der "Gesellschaft der Teilnehmer der Barrikaden" unterhalten, die 1995 gegründet wurde.

Aija Grinvalde, deren Mann auch damals in Riga auf dem Domplatz dabei war, hat die Exponate zusammen gestellt und führt die Besucher durch die Ausstellung. Die "Historikerin ohne Diplom" will einfach nicht, "dass die Menschen, denen Lettland seine Freiheit verdankt, vergessen werden"; aber sie weiß, dass auch Helden eine Verfallszeit haben, die nicht ewig anhält. Seit der Revolution ist viel passiert, Lettland ist der EU und der Nato beigetreten, und das Ansehen in der Gesellschaft hängt nicht davon ab, wer vor 16 Jahren auf den Barrikaden stand, sondern wer heute einen Lexus oder einen Porsche fährt.



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