Von Karin Schulze
Der König geht. Der Kaiser kommt. Im nächsten Jahr gibt Kasper König, 68, seinen Posten als Direktor des Kölner Museum Ludwig ab. Und Philipp Kaiser, derzeit noch Kurator am Museum of Contemporary Art in Los Angeles, übernimmt.
Vor der Amtsübergabe aber hat sich König noch eine programmatische Schau ausbedungen. Klar, dass da die Kunstwelt aufhorcht. Schließlich ist der Macher so legendärer Schauen wie "Westkunst" und "Von hier aus" der Erfinder der Skulptur Projekte Münster und der langjährige Leiter der Städelschule eine ihrer zentralen Figuren.
Was aber ist Thema der Schau, die sich dröge "Vor dem Gesetz. Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst" nennt und Installationen von Bruce Nauman oder Pawel Althamer mit Bronzen von Henry Moore oder Alberto Giacometti mischt? Befragt man den Katalog, so ist von Existentiellem die Rede, von Humanismus, von der Unantastbarkeit der Menschenwürde, und - im Zusammenhang mit der im Titel zitierten Erzählung von Franz Kafka - vom Verhältnis zwischen Mensch und Gesetz.
Gut, dass König es im Gespräch schlichter sagt: "Mir geht es hier um eine Kunst, die eine direkte, unmittelbare Erfahrung vermittelt. Viele Museumsbesucher scannen heute die Werke: Sie sagen 'Ah, ein Warhol' und gehen, ohne sich auf Inhalte eingelassen zu haben, zum nächsten 'Kunstkonsumartikel' über." Unbeachtet bleibe der historische Ort der Werke, ihr Bezug auf Wirklichkeit, ihr Einspruch gegen die Geschichte.
Was "Vor dem Gesetz" deshalb nicht zeigt, so König weiter, ist eine Kunst "im Geist der ästhetischen Fetischproduktionen eines Jeff Koons oder Damien Hirst". Statt auf optisch zugespitzte Labelkunst setzt die Ausstellung auf Werke, die so komplex sind wie die Wirklichkeit selbst: "Denn mir geht es", sagt König und formuliert so etwas wie ein Credo, "um Erkenntnis, um Aufklärung. Nicht um Weltverbesserung, aber um Kunst, die hilft, mit Widersprüchen besser umzugehen. Am Ende vielleicht um ein erfüllteres Leben."
Das ganze Museum wurde umgekrempelt
Deshalb auch der Rückgriff auf die figurativen Bronzen, die der coole Kunstbetrieb heute in die Schmuddelecke gestellt hat: "Auch wenn diese Plastiken vielleicht pathetisch und aufdringlich wirken - sie haben diese Direktheit", so König.
Die Plastiken von Moore, Ossip Zadkine oder Gerhard Marcks reflektieren Krieg und Faschismus, zeigen Versteinerung, Verzweiflung, Resignation. Ihnen ist die Positionierung zu Gesellschaft und Geschichte wesentlich und nicht Stil, nicht Innovation. Deshalb sitzen sie jetzt wie Scharniere zwischen den aktuellen Werken.
Für die von langer Hand geplante Schau wurde das ganze Museum umgekrempelt. Die ständige Ausstellung musste aus dem obersten Geschoss ins Souterrain weichen. So hat "Vor dem Gesetz" jetzt in den hohen Räumen unter dem Licht der Sheddächer viel Raum zum Atmen.
Hier wirken die Bronzen nicht mehr wie weihevolle Monolithe, sondern wie offene Zeichensysteme, die vor allem entlang des grandios inszenierten Mittelgangs mit den Gegenwartsarbeiten kommunizieren. Germaine Richiers in starre Fesseln verstricktes Krallenwesen von 1952 korrespondiert mit den Tierleibern im Gestänge des Karussells von Bruce Nauman, das sie über den Boden schleift. Und der gefällte, zersägte und im Kunstraum mit Nägeln und Klammern geflickte "Baum" von Zoe Leonard wirkt wie eine lakonische Antwort auf Giacomettis "Bein" von 1958, in dem die zerstückelten Körper des Krieges nachklingen.
Entstanden ist eine Ausstellung, die nicht so sehr ein Thema abhandelt, sondern eher ein atmosphärisches Plädoyer für Kunst mit Dringlichkeitsfaktor ist. Die kann dann so frech daherkommen wie die spitzen Graffiti-Sarkasmen, mit denen Monica Bonvicini die frauenfeindlichen Lehrsätze von Architekturtheoretikern wie Adolf Loos aufspießt.
"Eine Ausstellung ohne Bilder? Ist auch blöd"
Oder so bitterböse wie die von Jimmie Durham: Er hat eine desolate Anhäufung von Böden, Möbeln und Wänden mit diskriminierenden Statements von US-Persönlichkeiten gespickt und erinnert so daran, wie das amerikanisches Nation Building einherging mit der Zerstörung der Lebensweise der indianischen Ureinwohner.
Oder auch so subtil wie Karla Blacks Welt aus pastellfarbenen Puder, Folien und Fäden. Sie scheint ein Hauch zu sein, heiter, leicht. Doch die angedeuteten Kränze, Girlanden, Schleifen sind zerfetzt, als wäre ein Sturm in sie gefahren, der es nicht gut meint mit den unschuldigen Vergnügungen der Menschen.
Konsequent ist die Schau dabei nicht. Nicht wirklich Sinn ergeben etwa die minimalistischen Arbeiten von Ulrich Rückriem oder Carl Andre. Und irgendwo hängt dann zwischen all den Skulpturen und Installationen auch noch ein einzelnes Gemälde. Es ist von Werner Heldt, 1952 gemalt, und zeigt das zerstörte Berlin. Warum?
"Das Bild hängt sonst in meinem Büro," sagt König so nonchalant, wie man es sich leisten kann gegen Ende einer langen Kunstkarriere. "Ich wollte es immer schon mal ausstellen. Jetzt habe ich gedacht: Eine Ausstellung ohne Bilder? Ist auch blöd. Also hängt es jetzt da."
"Vor dem Gesetz. Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst", 17. Dezember bis 22. April 2012 im Museum Ludwig, Köln. www.museum-ludwig.de
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