Letzte Worte von Peter Glotz: "Ich war ein Fechtmeister und ein Sänger"

Auf dem Sterbebett schrieb Peter Glotz für das Magazin "Cicero" seinen letzten Text - über seine Familie, sein Leben, seinen nahen Tod. Bevor er ihn beenden konnte, starb er. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die letzten Zeilen des großen politischen Denkers.

Politiker Glotz: "Die deutsche Politik ist so lieblos polemisch"
DDP

Politiker Glotz: "Die deutsche Politik ist so lieblos polemisch"

Eigentlich hoffte man ja, man lebe noch den ganzen Abend. Bei mir zerschlug sich diese Illusion zu Anfang des Jahres 2005. Die Geschichte braucht nur ein paar Worte: Plattenepithel-Karzinom an der Tonsille, Operation, Komplikation mit Blut, das in die Lunge gedrungen war, zwei Monate Intensivstation, völliger Verfall des Bewegungsapparates, langsame Aufpäppelung, sechs Wochen Bestrahlung, Operation der Metastasen an den Lymphknoten der linken Halsseite (great neck dissection) - und nachdem dies alles Geschichte schien, ein großes Plattenepithel-Karzinom in der Lunge. Atemnot, Sauerstoff, und so fort, Chemotherapie.

Heute ist in Zürich Streetparade, angeblich kommen da eine Million Auswärtige in die Stadt mit einer Bevölkerung von 400.000. In Wirklichkeit waren es irgendwas zwischen 200.000 und 400.000. Der Bankenplatz möchte gern Partystadt sein. Durch das offene Fenster des Universitätsspitals wehen Trommel-, Trompeten- oder Tubatöne von weit. Die Morphine lassen die Töne schwimmen.

Ich habe mich immer auf mögliche Lebensstationen vorzubereiten versucht. Um nicht in die Mitläuferfalle hineinzutappen (in der sich meine Eltern gefangen hatten), trat ich mit 22 der SPD bei. Um von den Genossen mit "Bodenhaftung" nicht einkassiert und auf nahe liegende Denkmuster festgelegt zu werden, engagierte ich mich auf Außenposten: für Studiengebühren an Hochschulen, gegen Vertreibungen, für aktive Sterbehilfe. Solche Extratouren verhinderten den Aufstieg zu irgendwelchen Gipfelkreuzen, lieferten aber auf dem Weg bergauf lebhafte Dispute.

Ich war ein Fechtmeister und ein Sänger, der die Mythen zu Geschichten verarbeitete, aber kein Condottiere, kein Fähnleinführer einer Herrschaft. Darauf bin ich stolz. Es war lohnender, sich mit Biedenkopf und Geißler, Dahrendorf, Dohnanyi und Ehmke, mit Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger herumzuschlagen als mit den grünen Trachtenjoppen, den roten Pullovern und den Politikern, die Bergmannskapellen dirigierten ("Der Steiger kommt"). Was bedeutet ein früher Tod? Den Hungertod eines Kindes im Tschad, den Unfalltod einer 30-jährigen Mutter kann man nicht verstehen. Man kann über solch jähe Brüche auch nicht begütigend, tröstend hinweggehen. Es sei denn, man ist Pfarrer, da gehört das zum Beruf.

Den Tod eines 66-Jährigen kann man nicht "tragisch" finden, weil er statt 22 nur 21 Bücher schreiben konnte. Überhaupt sind wir Böhmen nicht tragisch, sondern vernünftig und rechenhaft. Tragisch ist die Sache mit Kreon und Antigone, aber auch ein bisschen übergeschnappt. Ich hätte gern noch einen Text mit dem Titel "Waldhaus" geschrieben. Das berühmte bündnerische Hotel wäre mir zum Schauplatz für die letzten vier Wochen des Lebens eines Alzheimerkranken aus der Flakhelfer-Generation geworden (Alzheimer ist eine schwere Last für das "Abendland", fast wie Aids für Afrika), der aus Sils-Maria Briefe an seinen Sohn, seine Frauen und Freunde geschrieben hätte, der noch Besuch - aus Prag zum Beispiel - empfangen hätte, der seine Illusionen bilanziert und seine Erkenntnisse über die Welt aus der Perspektive des Jahres 2000 zusammengefasst hätte. Wohl bitter. Die Zerweiterung und Zerweichung der EU ist eine schwere Enttäuschung für diese Generation. Dafür ist es jetzt zu spät.

Immerhin ist die Autobiografie noch fertig geworden: "Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers". Ich hatte keine gegebene Heimat, deren "schicksalhaften Bewegungen" man verbunden bleibt. Ich wurzele mich, wenn ich richtig gezählt habe, gerade in der siebten Heimat ein. Bei Beerdigungen benutze ich schon das schöne Schweizer Wort "Abgang".

Das Schlimmste war am ehesten man selber. Wer eine viel jüngere Frau heiratet und mit 58 ein Kind in die Welt setzt, muss wissen, dass er vergleichsweise früh diese Menschen allein lassen muss. Lion hat seiner Mutter angeboten, seine schönsten Steine - die er mit dem Nachbarjungen gesammelt hat - zu verkaufen, damit die beiden davon leben können. Ich hätte dieses eifrige, zärtliche Leben - Lion ist ein ausgesprochen soziales und kreatives Kind - gern noch ein paar Jahre mitverfolgt.

Das gilt nicht für die deutsche Politik. Sie ist zu einem rabulistischen Exerzierreglement gemacht worden. Wenn Frau Merkel gefragt wird, was sie von einer großen Koalition denkt, bellt sie zurück: "Sie wird nicht kommen; CDU/CSU und FDP gewinnen die Wahl." Will Frau Merkel die Mehrwertsteuer erhöhen - was die SPD auch über kurz oder lang müsste -, bellt Schröder: "Merkel-Steuer". Bei den großen Problemen - der Sanierung der Sozialsysteme und des Aufbaus Ost - sind beide Volksparteien inzwischen abgetaucht. Die SPD lässt sich von Lafontaine in einen sozialpolitischen Wahlkampf treiben, die CDU/CSU von Stoiber in einen regionalistischen.

Die deutsche Politik ist so lieblos polemisch, wie man sich die rumänische Publizistik langweilig vorstellt. So dick überwürzt wie die kroatisch-montenegrinische Küche, so exaltiert erdverbunden wie die Romane von Gisela Elsner oder Juli Zeh und so langweilig wie... bei uns in der Familie sagte man dazu: "wie toter Friseur".

Warum habe ich dann ein Vierteljahrhundert in dieser deutschen Politik verbracht? Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Ich habe es vergessen. Aber ich habe es natürlich nicht vergessen. Kennedy, Brandt, Kreisky, Palme hatten in uns Hoffnungen geweckt, übertriebene, zugegebenermaßen. Nach ihren Toden oder Ermordungen zog es uns fröstelnd um die Schultern. Der Power-Container des keynesianischen Wohlfahrtsstaats-Modells verlor einen Großteil seiner Macht.

Die, die sich um die Reste dieser Macht balgten, schienen nicht mehr viel zu bedeuten. Selbst die elenden Machtkämpfe der antimarxistischen und antikommunistischen Emigrationen schienen von irgendeinem Punkt an sinnvoller, großzügiger. Was dann nach jener Stunde sein wird, wenn dies geschah, weiß niemand, keine Kunde kam je von da, von den erstickten Schlünden von dem gebrochnen Licht, wird es sich neu entzünden, ich meine nicht...

(Anm. der Red.: Hier endet der durchgeschriebene Text, es folgen handschriftliche Gliederungspunkte des Autors)

Die Verkennung der Macht des Nationalstaats. Das großmäulige Verspielen der europäischen Option. Gegen Kohls ökonomischen Kurs der Wiedervereinigung. Das Leben im Krankenhaus. Das unwürdige Leben. Das Vorleben eines Sterbens unter Leiden durch Johannes Paul II. Aber ich bin nicht der Papst. Ich muss nicht symbolisch sterben. Der begleitete Tod.

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