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Letzter Tag der "DLZ": Sterben in Barsinghausen

Von , Barsinghausen

Wenn mit der Todesanzeige die Abokündigung kommt: Mehr als 126 Jahre lang versorgte die "Deister-Leine-Zeitung" die Menschen in Barsinghausen mit kleinen und großen Nachrichten. Doch jetzt sterben die Leser - und mit ihnen das Blatt. Requiem für ein Print-Produkt.

"Deister-Leine-Zeitung": Aus nach über 126 Jahren Fotos
DPA

Wer die Todesursache der "Deister-Leine-Zeitung" (DLZ) erfahren will, muss eigentlich keine einzige Ausgabe des Blattes zur Hand nehmen, auch ein Redaktionsbesuch ist nicht wirklich nötig - es reicht aus, sich in die S-Bahn zu setzen und, sagen wir, um die Mittagszeit von Hannover nach Barsinghausen zu fahren, und sich seine Mitfahrer anzusehen: junge Leute, die gerade von der Schule heimfahren.

Ausnahmslos alle haben ein Smartphone in der Hand, sie surfen im Netz, wenn sie in Gruppen unterwegs sind, dann lesen sie sich vor, was sie da gerade gefunden haben oder schicken sich lustige Links. Wenn sie alleine unterwegs sind, haben sie Kopfhörer im Ohr und starren stumm auf ihr Display. Eine Zeitung hat keiner von ihnen in der Hand.

Früher, da haben die Kinder, wenn die Eltern starben, das "DLZ"-Abo einfach übernommen. Das war so üblich seit mehr als hundert Jahren, aber in den letzten zehn Jahren lief es plötzlich anders: Da schickten die Hinterbliebenen mit der Todesanzeige gleich die Abokündigung in die Geschäftsstelle in der Bahnhofstraße. So erzählt es Helena Tölcke, Geschäftsführerin und Redaktionsleiterin der "DLZ", eine von den wenigen Chefinnen in der deutschen Medienbranche - bis heute. Jetzt wird sie noch einige Monate den Betrieb abwickeln, im Herbst müssen die "DLZ"-Räumlichkeiten besenrein übergeben werden - und dann ist das Blatt endgültig Geschichte.

Zum 125. gratulierten noch Wulff und Merkel

Noch im November 2010 feierte sich die Zeitung selbst mit einer Jubiläumsausgabe zum 125. Geburtstag, inklusive Grußworten des damaligen Bundespräsidenten, der Kanzlerin und des Ministerpräsidenten: "Pressevielfalt muss erhalten bleiben", stand über diesen, oder: "Zeitungen spielen eine wichtige Rolle", die üblichen Plattitüden eben, zusammengeschrieben von irgendeinem Referenten.

Lokalredakteur Wolf Kasse arbeitet seit fast 32 Jahren hier, sein Dienstjubiläum hätte er ausgerechnet am 1. März gefeiert, er fragt sich heute, warum die "DLZ" eigentlich schließen muss. Man hätte doch mit einer anderen Zeitung fusionieren können, mehr in den Internet-Auftritt investieren, ein neues Konzept ausprobieren. Er hat in den letzten vier Wochen viel Post bekommen, vor einem Monat wurde das drohende Aus publik, und jetzt schrieben die Leser, was sie demnächst vermissen werden: die Berichterstattung aus dem Kinder- und Jugendbereich der Gemeinde. Die verlässlich unbestechlichen Artikel über das Geschehen in der Verwaltung und Kommunalpolitik. Das Gefühl, ein Medium zu haben, das für sie gemacht ist und für sie da - eine "perfekte Marktanalyse" hätten sie da bekommen, sagt Kasse. Und dass er jetzt eigentlich richtig Lust hätte, die Zeitung nach den Wünschen der Leser zu reformieren.

Auch Kasse weiß, dass es so wie bisher nicht weitergegangen wäre. Zuletzt betrug die verkaufte Auflage noch etwa 4500 Stück. Gerüchten zufolge häufte die "DLZ" ein Minus von jährlich 400.000 Euro an - eine Zahl, die Geschäftsführerin Tölcke allerdings als frei erfunden zurückweist. "Wir kämpfen eigentlich seit zehn Jahren ums Überleben", erzählt sie.

Hier geboren, hier verwurzelt

Als Wolf Kasse sein Volontariat 1982 abgeschlossen hatte, stand die "DLZ" noch gut da: Die verkaufte Auflage lag bei 10.000 - bei einer Einwohnerzahl von etwa 30.000 bedeutete das in jedem Haushalt eine DLZ auf dem Frühstückstisch. Als Jungredakteur arbeitete er auch schon an der 100-Jahr-Ausgabe. Es sah so aus, als würden der "DLZ" noch viele gute Jahre bevorstehen.

Kasse hatte ein gutes Verhältnis zum Verleger, er hatte hier Entwicklungsmöglichkeiten, also blieb er. Er hat später jeden ausgebildet, der heute hier arbeitet, erzählt er, auch die jetzige Chefin. Hier geboren, hier verwurzelt. Hier leben und hier arbeiten: Nichts anderes hat ihn gereizt. So eine Bundespressekonferenz, sagt Kasse, die wäre sicher ganz interessant, so mit Merkel ganz nahe - aber da bliebe doch immer eine Distanz. Nicht in Barsinghausen, wo er den Objekten seiner Berichterstattung täglich auf der Straße begegnet, wo es nicht um die hohe Politik ging, sondern um die konkreten Lebensumstände. Kasse war lieber nahe dran an den Menschen seiner Heimat, also blieb er.

Und es ist ja beileibe nicht so, dass es hier nichts zu berichten gegeben hätte: An den Drei-Tage-Dauereinsatz bei einem schweren Unwetter Anfang der achtziger Jahre kann sich Kasse noch gut erinnern, halb Barsighausen stand unter Wasser, Menschen wurden obdachlos, Millionenschäden. Oder der Fall des kinderschändenden Arztes, Kasse hatte die Geschichte gesteckt bekommen, bekam sogar Tonbänder zu hören, auf welchen der Missbrauch dokumentiert war. Er begleitete die Mutter eines Opfers zur Polizei. Sechs Wochen hielt er auf Bitten der Staatsanwaltschaft dicht, bis die Polizei den Mann endlich verhaftete, dann erst berichtete er. Oder damals, als die Arbeitsplätze in der Barsinghäuser Bahlsen-Keksfabrik auf dem Spiel standen, als der Sturm "Kyrill" die Freilichtbühne verwüstete, über alles berichtete Wolf Kasse in der "DLZ".

Wildes Parken am Wendehammer

Dann wiederum: So viel passiert hier auch nicht, als dass sich täglich eine ganze Zeitung mit spannenden Lokalgeschichten füllen ließe, jedenfalls nicht mit einem Personal von nur vier festangestellten Redakteuren und einigen freien Mitarbeitern. In der vorletzten Ausgabe der "DLZ" berichtet das Blatt auf dem prominentesten Platz der Barsinghausen-Seite über einen Stau vor der Grundschule: "Wildes Parken im Wendehammer ein Problem", und im Sportteil schlagen die Schachfreunde Barsinghausen den SV Springe im Deisterderby.

Die Aufmacherseite, gestaltet von einer Mantel-Redaktion, bestimmen Themen, die jeder Barsinghäuser wohl bereits aus Internet und Tagesschau kennt: die Griechen-Hilfe, die Oscars, der "Maskenmann" und der globale Waffenhandel. Dafür ein Abo abschließen wollten immer weniger.

Das war einmal anders: Die "Deister-Leine-Zeitung", gegründet 1885 von Louis Rohrmeyer, nach wenigen Monaten übernommen von dem Unternehmer und Buchdrucker Philipp August Weinaug, war über viele Jahrzehnte die primäre Informationsquelle ihrer Leserschaft, informiert 1914 über die "Eröffnung des europäischen Krieges", vermeldet 1933 eine "Neue Presse-Notverordnung", 1954 den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft. Und sie kennt bereits am 23. November 1963 die Antwort auf ein von vielen bis heute ungelöst geglaubtes Rätsel der Weltgeschichte: "USA-Präsident Kennedy von einem Rassenfanatiker erschossen".

Mehr Konkurrenz, weniger Werbung

1913 gibt der Firmengründer die Zeitung weiter an seinen Stiefsohn Emke-Wilhelm Hillrichs, und in der Familie Hillrichs bleibt das Blatt bis zum Verkauf des Verlags an die Niemeyer-Gruppe aus Hameln im Jahr 2008, einen mittelgroßen Regionalzeitungsverlag, der unter anderem noch die "Deister- und Weserzeitung", die "Schaumburger Zeitung" und die "Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung" herausbringt.

Es existiert eine Kooperation mit der hannoveraner Madsack-Gruppe ("HAZ"), die überregionalen Nachrichten kommen von einer zentralen Mantel-Redaktion. Auch diese Vorgehensweise war dem Fortleben der "DLZ" kaum dienlich: Sie brachte dieselben Welt-Nachrichten wie die direkte Konkurrenz von der "HAZ", diese aber wegen ihres kleineren Druckformats gekürzt.

Ein kostenloses Werbeblatt, das zweimal in der Woche erscheint, hat der "DLZ" zuletzt auch noch Wasser abgegraben, demnächst soll noch ein zweites dazu kommen. Die Barsinghäuser sind längst nicht mehr so verwurzelt in ihrer Gemeinde wie früher, viele pendeln zur Arbeit nach Hannover und orientieren sich auch in ihrer Freizeit eher auf die Stadt. Es gibt immer weniger ortsansässige Einzelhändler, die Anzeigen in der Heimatzeitung schalten könnten, dafür immer mehr Ketten und Franchise-Nehmer - und über deren Werbebudget wird nicht in Barsinghausen entschieden. Das Interesse an der "DLZ" sank und sank und sank.

Immerhin: Die Mitarbeiter stehen nicht vor dem Aus. Die Festangestellten sollen in den anderen Zeitungen des Verlages unterkommen können, so lautet das Versprechen. Und die freien Mitarbeiter befinden sich längst auf der Suche. Am Tag, nachdem die Einstellung verkündet wurde, habe er einen Anruf von der Konkurrenz bekommen, erzählt einer.

Aber weh tut es doch. Ab März wird in Barsinghausen über die Konsolidierung des Haushalts entschieden, mit Bürgerbeteiligung und wohl harten Debatten. "Es ist für uns sehr traurig, dass wir darüber nicht mehr berichten können", erzählt Helena Tölcke. Davon werden die Barsinghäuser demnächst nur bei der Konkurrenz erfahren können. Oder vom Display ihrer Smartphones.

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1.
h.hass 29.02.2012
Das ist die Zukunft... auch die ganz großen Blätter wird es irgendwann erwischen. Für die Kids von heute, die digital vernetzt aufwachsen, sind Tageszeitungen ein Relikt und absolut uncool. Ich denke, dass es in den Industrieländern Mitte des Jahrhunderts keine Tageszeitungen mehr geben wird. Der Trend ist eindeutig.
2.
selkie 29.02.2012
Prinzipiell ein richtiger Artikel, das Sterben kleiner Zeitungen die Journalistisch arbeiten ist zu bedauern ... leider fehlen hier interessante Details wie der "zufällige" Archivbrand 1945, bei dem leider die Haltung zum Nationalsozialismus in Rauch aufging. So lange ich mich erinnern kann, ging der journalistische Anspruch der DLZ nie über Regionalfussball und Berichte über das Wirken des Kaninchenzüchtervereins hinaus. Unkritischer Dorfklatsch ohne Anspruch, dessen Verschwinden ja vielleicht Platz für neues schafft.
3.
Propagandarezeptor 29.02.2012
Na selkie, nur ein einziger Beitrag hier und dann gleich unter die Gürtellinie? Die Artikel in der DLZ waren deutlich besser recherchiert als in den Blättern von "Tante Luise M.".
4.
klowasser 01.03.2012
Zitat von h.hassDas ist die Zukunft... auch die ganz großen Blätter wird es irgendwann erwischen. Für die Kids von heute, die digital vernetzt aufwachsen, sind Tageszeitungen ein Relikt und absolut uncool. Ich denke, dass es in den Industrieländern Mitte des Jahrhunderts keine Tageszeitungen mehr geben wird. Der Trend ist eindeutig.
Es geht nicht um "cool" oder "uncool". Zeitungen sind an sich ein Relikt. Nachrichten, auch aus der Umgebung, erhalte ich über das Internet sehr viel schneller. Das, was in der Zeitung steht, ist vom Vortag und beim Zeitpunkt des Lesens längst alter Käse. Interessant sind Zeitungen für mich nur noch, wenn ich grad aus dem Ausland komme, nicht im Internet war, und wissen möchte, was die Tage passiert ist in Deutschland. Oder Leitartikel über Themen mit Hintergrundinformationen. Für reine Berichterstattung hat die Zeitung nun mal einfach ausgedient.
5. Doch - in Norwegen!
Dumme Fragen 01.03.2012
Zitat von h.hassDas ist die Zukunft... auch die ganz großen Blätter wird es irgendwann erwischen. Für die Kids von heute, die digital vernetzt aufwachsen, sind Tageszeitungen ein Relikt und absolut uncool. Ich denke, dass es in den Industrieländern Mitte des Jahrhunderts keine Tageszeitungen mehr geben wird. Der Trend ist eindeutig.
da werden die kleinen Zeitungen massiv subventioniert!
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