S.P.O.N. - Der Kritiker Herrenreiterin des Kleingeists

In künstlicher Befruchtung gezeugte Kinder sind "zweifelhafte Geschöpfe", und Lesben muss man daran hindern, Kinder zu bekommen? Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff lieferte in Dresden die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus. Der deutsche Literaturbetrieb muss Stellung beziehen.

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Autorin Lewitscharoff: "Halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas"
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Autorin Lewitscharoff: "Halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas"


Es ist deprimierend, es ist beschämend, und zwar für den gesamten deutschen Literaturbetrieb, der sich so gern mit sich selbst beschäftigt und sich die Preise zuschanzt. Der Auftritt von Sibylle Lewitscharoff am 2. März im Staatsschauspiel in Dresden ist eine Zäsur.

Was die Büchner-Preisträgerin an diesem Tag sagte, war so menschenverachtend, herrisch, gefühlskalt, reaktionär und ressentimentgeladen, dass all die Literaturkritikerinnen und -kritiker und all die Betriebsonkel und -tanten, die sie gefördert haben mit Preisen und Stipendien, vom Preis der Literaturhäuser über den Preis der Leipziger Buchmesse bis zum Kleist-, Ricarda-Huch-, Marieluise-Fleißer-, Wilhelm-Raabe- und eben Georg-Büchner-Preis, und all die Institutionen, in denen sie Mitglied ist, von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über die Berliner Akademie der Künste bis zur Villa Massimo in Rom, sich dazu verhalten müssen. Wie stehen sie zu einer Schriftstellerin, die bestimmte Menschen als "Halbwesen" bezeichnet?

Sibylle Lewitscharoff lieferte mit ihrer Rede "Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod" eine Kombination von Antimodernität, frömmlerischer Religiosität und dumpfer Wissenschafts- und Technikfeindschaft, die die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus bietet, der dort ansetzt, wo Faschismus immer ansetzt - bei der Frage nach dem Leben: Was ist Leben, was ist lebenswertes Leben, was sind die Kriterien, nach denen man über das Leben urteilen und entscheiden kann?

Sie hatte erst lange über den Tod gesprochen, über ihre gläubige Großmutter, die den guten, gottesfürchtigen Tod gestorben war, über ihre trunksüchtige Mutter und über den Vater, einen Gynäkologen, der sich erhängte, als Lewitscharoff noch ein Kind war.

Sie hatte dann die Patientenverfügung, die es einem Menschen ermöglicht, ein Minimum an Selbstbestimmung über den eigenen Tod zu behalten, als "lächerlichen modernen Köhlerglauben" bezeichnet, als Zeichen für die "um sich greifende Blähvorstellung der Egomanen" und einen "Frevel", weil der Mensch dadurch in Gottes Wirken eingreift.

Sie beschrieb, darauf muss man erstmal kommen, die "Reichsfrauenführerin Gertrud Scholz-Klink" und besonders die "in frauenbewegten Kreisen immer noch hoch verehrte Leni Riefenstahl" als "Ahnenfiguren" der Emanzipation.

Antiaufklärerisches, antimodernes Denken

Sie hatte schließlich über den "eigentlichen Horror" gesprochen, die Reproduktionsmedizin von "Frau Doktor und Herrn Doktor Frankenstein", die in die "Schöpfungsmythen" eingreifen, indem sie im Labor, im Reagenzglas, in ihren "Machinationen" Kinder erschaffen auf eine Art und Weise, die Sibylle Lewitscharoff für "absolut widerwärtig" hält und für "abscheulich" - was allerdings noch harmlos ist gegenüber der "grauenerregenden" Praxis der Leihmutterschaft, eine "wahrhaft vom Teufel ersonnene Art, an ein Kind zu gelangen": Die "Widerwärtigkeit", sagte sie, treibt das wirklich "auf die Spitze".

Um sich dann aber nochmal richtig ins Zeug zu legen: "Mit Verlaub", sagte diese Herrenreiterin des Kleingeists in ihrem schwäbischen Singsang, "angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor."

Wenn sie dort Schluss gemacht hätte, der Skandal wäre ihr sicher gewesen. Sie wollte aber mehr, sie wollte Verachtung.

"Ich übertreibe", fügte sie hinzu, "das ist klar" - nur um dann noch einen drauf zu setzen: "weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas."

Willkommen in der demokratiefeindlichen Muppetshow unserer Tage, die immer mehr bevölkert wird von reaktionären Knallchargen: Was sagt eigentlich Matthias Matussek dazu, fragt man sich da gleich, der sicher auch das "biblische Onanieverbot" für "weise" hält, besonders wenn es dazu dient, zu verhindern, dass zwei lesbische Frauen, Gott behüte, gemeinsam ein Kind bekommen.

Und so war die Rede von Sibylle Lewitscharoff auch kein Zufall, kein Versehen, es war nichts, was ihr mal so raus gerutscht ist oder sich nicht lange, lange, lange angekündigt hat, von Buch zu Buch, von Text zu Text, vor aller Augen, zum Beispiel an dieser Stelle anlässlich des Büchnerpreises im Sommer 2013: Es war eine weitere Etappe einer gefährlichen Diskursverschiebung.

Sie birgt die klassischen Bestandteile für einen Kulturpessimismus, der aggressiv zu werden droht: Antiaufklärerisches, antimodernes, antiindividualistisches Denken, das sich hinter Gläubigkeit und dem sogenannten gesunden Menschenverstand versteckt.

Sibylle Lewitscharoff ist eine schlimme Kulturkriegerin, und wer jetzt noch ein Buch von ihr liest, kann nicht mehr behaupten, er habe von nichts gewusst.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 298 Beiträge
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Seite 1
Captain Israel 06.03.2014
1. Bildunterschrift....
"Autorin Lewitscharoff: "Halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas"" Also bitte Herr Diez! Das ist nun wirklich unter der Gürtellinie!
vollpfostin 06.03.2014
2. Ziel erreicht
Jetzt kennt auch der Letzte die Dame und vermutlich werden jetzt ganz viele ihre Bücher lesen wollen, um nach zu verfolgen, was sich da so trefflich abgezeichnet hat. Es gibt nichts Besseres, als einen handfesten Skandal zu inszenieren, um seinen Bekanntheitsgrad und vor allem die Verkäufe der jeweiligen kreativen (?) Leistung zu steigern ...
friedberta 06.03.2014
3. ist das ein ungünstiges Foto ?
Zitat von sysopDPAIn künstlicher Befruchtung gezeugte Kinder sind "zweifelhafte Geschöpfe", und Lesben muss man daran hindern, Kinder zu bekommen? Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff lieferte in Dresden die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus. Der deutsche Literaturbetrieb muss Stellung beziehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-die-lewitscharoff-rede-zu-befruchtung-und-onanie-a-957342.html
... und sowas hat den Büchner-Preis.
puschkin17 06.03.2014
4.
Lieber Herr Diez, so geht das nicht. Sie haben in der Beurteilung von Frau L. m. E. in jedem Punkt recht, aber ihre Bücher nicht zu lesen, ist keine Option. Um sich mit einem Gegner auseinanderzusetzen, muss man ihn kennen. Und zum Boykott aufzurufen, ist imho auch eine Form der Intoleranz. Mfg FC
Mozzico 06.03.2014
5.
Zitat von sysopDPAIn künstlicher Befruchtung gezeugte Kinder sind "zweifelhafte Geschöpfe", und Lesben muss man daran hindern, Kinder zu bekommen? Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff lieferte in Dresden die Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus. Der deutsche Literaturbetrieb muss Stellung beziehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-die-lewitscharoff-rede-zu-befruchtung-und-onanie-a-957342.html
Der deutsche Literaturbetrieb BESTEHT doch aus angepassten Berufsempörten wie Ihnen, Herr Diez! SIE sind ja Teil des Problems der PC!
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