Kultur

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"Liberté" an der Volksbühne

Sommernachtssex und Hassausbrüche

Ein grandios seltsames Spektakel in der bislang nur lückenhaft bespielten Berliner Volksbühne: Albert Serra lässt in einer Waldlandschaft entfesselte Begierde preisen - mit Ingrid Caven und Helmut Berger.

Von

Román Yñan

Johanna Dumet, Anne Tismer in "Liberté"

Freitag, 23.02.2018   16:26 Uhr

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Es gab viel Gehuste, Gekicher und hin und wieder einen zornigen Zwischenruf in dieser Premiere in der Berliner Volksbühne, die keiner der Besucher so schnell vergessen wird - weil die Arbeit auf der Bühne so unglaublich leise, so schrullig und im Halbdunkel verrichtet wurde.

Das Publikum blickte auf ein mit Felsen, Bäumen und Teich ausstaffiertes Landschaftsidyll, das aussah, als habe es ein großer Malkünstler des 18. Jahrhunderts in Öl gepinselt. Grillen zirpten und Vögel zwitscherten. Kräftige Männer in altertümlichen Bundhosen und weißen Kniestrümpfen trugen Sänften auf die Bühne, hinter deren beiseite gerückten Gardinen die Gesichter von Schauspielerinnen wie Ingrid Caven, Anne Tismer und Jeanette Spassova zu erkennen waren.

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Die drei gaben sich zu erkennen als französische Herzogin, Gräfin und Äbtissin, während aus einer anderen Sänfte die Stimme des ebenfalls in einer Adligenrolle besetzten Darstellers Helmut Berger erklang; alle redeten von Verführung und Lüsternheit und frommer Zucht.

Román Yñan

"Liberté"

Der katalanische Film- und Theaterregisseur Albert Serra ist berühmt für Filme von extremer Künstlichkeit und Raffinesse. In denen lässt er Dracula und Casanova, Ludwig XIV. oder Don Quichotte auftreten und feiert mit famoser Ausgeruhtheit und Konzentration den Stillstand. Nun tut er in "Liberté", seiner ersten Arbeit auf einer deutschen Theaterbühne, das Gleiche.

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Das von ihm selbst geschriebene Drama schildert mit vielen hochtrabenden Worten ein Komplott zur Zeit Ludwig des XIV.; die Verschwörer um die vom Hofe Ludwigs verbannte Duchesse de Valselay (Caven) wollen die Libertinage-Ideen der heraufdämmernden französischen Revolution auch in Deutschland zum Blühen bringen, genauer: Die Freude am Exzess und die pure Lust sollen der preußischen Zucht und der Unsinnlichkeit ein Ende bereiten.

Keine Revolution, eine Meditation

Zu bestaunen ist auf der Bühne aber keine Revolution, sondern eine Meditation. In der nächtlichen deutschen Waldlandschaft (Bühnenbild: Sebastian Vogler) werden vier oder fünf geschlossene Sänften herbeigeschleppt und wieder fortgetragen. Die Schauspieler palavern in gestelzten Dialogen halblaut von der Entführung zweier junger Novizinnen (Leonie Jenning und Ann Göbel), vom Schmutz, von der Geilheit und von der Unbelehrbarkeit der Teutonen. "Sie kennen die Deutschen nicht. Die haben keine Ahnung von Freiheit", verkündet Helmut Berger einmal.

Román Yñan

Anne Tismer, Jeanette Spassova in "Liberté".

Zwischendurch werden sexuelle Handlungen simuliert: Eine junge Frau und ein junger Mann, beide mit Perücken bestückt, treiben es hinterm Fensterglas einer Sänfte. In freier Sommernachtsnatur schlägt ein Mann einer begeistert juchzenden Frau mit irgendeiner Patsche auf den nackten Po. Hin und wieder erklingt Musik, zuletzt singt Ingrid Caven aus dem ersten Stockwerk des Zuschauerraums.

Die meiste Zeit dieser grandios seltsamen Zweieinhalbstunden-Aufführung über aber passiert so gut wie nichts. Wie in Serras Filmen herrscht auch auf der Bühne eine Gespensterstimmung, geht es auch hier um die mitunter quälende Erfahrung von Zeit, um die Choreographie der Körper, um die Sezierung von Bewegungs- und Sprechakten.

Sein Ziel sei es, "etwas über die totale moralische und sexuelle Zügellosigkeit und über den Kapitalismus" zu erzählen, hatte der Regisseur vorher in einem Interview gesagt. In der Volksbühne spielt er zumindest für einen Großteil des Publikums effektiv den Unterhaltungskonsumdienstleistungsverweigerer.

Natürlich kann man diesen Theaterabend für ein Missverständnis halten, weil das Maß an Intensität, das der Filmemacher Serra durch Großaufnahmen und Schnitte erzeugt, sich im Theater, das dem Zuschauer immer nur die Totale präsentiert, nicht einstellen kann. Manche Besucher der "Liberté"-Premiere verließen kopfschüttelnd das Theater, manche riefen am Ende hasserfüllt Buh. Ein bisschen Beifall gab es auch.

"Schwül-gespreiztes Geschwafel"

Ein Kritiker des Deutschlandfunks wünschte sich am Freitagvormittag in seiner Schmähung "die schnellstmögliche Absetzung des Stücks" und behauptete: "Man möchte nicht lachen über diesen Abend, nicht hämisch sein, nicht wütend, man möchte ihn gar nicht betrachten, am liebsten nicht über ihn sprechen." Echt? Eine Kritikerin des Theaterportals "Nachtkritik" nutzte ihre negative Kritik sogleich für eine Attacke auf den umstrittenen Intendanten Chris Dercon, der die Volksbühne bisher nur lückenhaft bespielt und sich durch kaum mehr als "schwül-gespreiztes Geschwafel" auszeichne.

Diese Skandalisierung ist grotesk. "Liberté" zeigt auf meinetwegen angreifbare, jedenfalls radikale Art, wie sich der großartige Eigenbrötler Albert Serra der Illusionsmaschine des Theaters bedient. Er nutzt dabei ähnliche Mittel und den gleichen scharfen Intellekt, die ihn zu einem Großen des europäischen Kunstkinos machen.

Vielleicht ist Serras Séance allzu kurzschlüssig in ihrem Vertrauen darauf, dass die Erzähltechniken der Kinoarbeiten sich so leicht ins Medium Theater übertragen lassen. Aber ganz sicher ist "Liberté", diese zutiefst merkwürdige, bei aller kapriziösen Geschwätzigkeit immer wieder komische Inszenierung eine Attraktion, die sich anzugucken und über die es sich zu streiten lohnt.

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