Libeskind: Stimmt. Der einzige urbane Raum sind die Straßen. "Crystals" definiert den Städtebau für Las Vegas neu. Normalerweise ist das hier alles sehr illusionistisch, sehr kitschig, es sind nostalgische Träume von anderen Orten. "Crystals" ist schamlos zeitgemäß. In anderen Gebäuden in Las Vegas gibt es kein Tageslicht. Wir laden das Tageslicht ein. Außerdem ist es das größte Gebäude der Welt, das das Gold-Prädikat für umweltfreundliches Design trägt.
SPIEGEL ONLINE: Um Ihren Wiederaufbau des World Trade Centers in New York gibt es dagegen seit Jahren Streit. Ihre ursprünglichen Visionen wurden radikal verändert. Sind Sie überhaupt noch beteiligt?
Libeskind: Das ist ein enorm kompliziertes Projekt. Es gibt da nicht nur einen Kunden, nicht nur einen Investor. Sie haben die 9/11-Familien, die zwei Gouverneure von New York und New Jersey, den Koloss der Hafenbehörde, der das Gelände gehört, die Verkehrsgesellschaft und die U-Bahn zwischen New Jersey und Manhattan. Aber ich arbeite weiter jeden Tag daran. Man muss sich beteiligen, muss beteiligt bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Die "New York Times" nannte Sie im Zusammenhang mit Ground Zero den "unglaublichen schrumpfenden Daniel Libeskind". Sind Sie nicht frustriert?
Libeskind: Klar. So ein Projekt kostet Geld, hängt von der Konjunktur ab, und das kann frustrieren. Doch der Konsens basiert weiter auf meinem Masterplan von 2003. Ich wohne und arbeite direkt neben Ground Zero, und da tut sich inzwischen viel. Die Gedenkstätte wächst, Straßen werden gezogen, der Freedom Tower ist im Bau, einige der anderen Türme auch, selbst wenn man das noch nicht sehen kann. Doch wie schnell das alles gebaut wird, hängt eben vom Geld ab.
SPIEGEL ONLINE: Das Projekt zieht sich nun schon seit fast sieben Jahren hin.
Libeskind: Schauen Sie sich doch mal an, wie lange es gedauert hat, die ersten World-Trade-Center-Türme zu bauen: fast acht Jahre vom Entwurf bis zur Fertigstellung. Sie dürfen nicht vergessen, dass dies ein 6,5 Hektar großes Gelände ist, mit einer Million Quadratmetern Bürofläche. Das ist nicht einfach nur eine Gedenkstätte oder ein Turm. Das ist wie eine ganze amerikanische Stadt.
SPIEGEL ONLINE: Viele New Yorker Bauvorhaben Ihrer berühmten Kollegen - Norman Foster, Frank Gehry, David Childs - wurden wegen der Rezession verkleinert, auf Eis gelegt oder ganz abgesagt. Wie ist denn so die Stimmung in der Branche?
Libeskind: Eine schwierige Zeit, kein Zweifel. Aber die Menschen sehen erste Funken der Hoffnung. Ich selbst habe Glück, ich bin sehr, sehr beschäftigt. Ich arbeite auf der ganzen Welt, das hilft wahrscheinlich.
SPIEGEL ONLINE: Auch in Deutschland. Ihr geplanter Universitätsanbau in Lüneburg löst da jetzt schon Konflikte aus. Kritiker halten ihn für zu groß, zu pompös, bezweifeln die Finanzierbarkeit - wie ist der Stand?
Libeskind: Wir hoffen, dass da bald Entscheidungen getroffen werden. Ich habe aber kein genaues Datum. Der Bau muss noch viele Genehmigungsinstanzen passieren.
SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht einfacher, ohne Politiker zu bauen?
Libeskind: So eine abstrakte Frage! Architektur ist öffentliche Kunst, es geht ja nicht um irgendein Genie, das allein in seinem Atelier sitzt. Sie brauchen viel Geld, selbst für kleinere Projekte. Ich bin gerade dabei, ein kleines Haus in Connecticut fertigzustellen, selbst das erfordert Aufwand. Den öffentlichen Rahmen werden Sie immer haben. Das ist die Einschränkung der Architektur, aber auch ihr Kern. Architektur ist staatsbürgerlich. Ich glaube sogar, dass sich das noch verstärkt, dass die Bürger heutzutage mehr und mehr beteiligt werden wollen. Das Beste an Ground Zero war die Frühphase, in der die Öffentlichkeit mitreden konnte. Das ist die Natur der Demokratie.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn bisher die Reaktion in Las Vegas? Die Leute da sind ja eigentlich nicht an offene Räume mit Glas und Fenstern und Tageslicht gewöhnt.
Libeskind: Jeder, mit dem ich spreche, ist sehr enthusiastisch. Sogar ein Taxifahrer hat mir Feedback gegeben. Außerdem haben wir hier 12.000 Jobs geschaffen. Keine kleine Leistung.
SPIEGEL ONLINE: Mit anderen Worten: Weiter so mit Mega-Architektur, selbst in diesen Krisentagen?
Libeskind: Zugegeben, als die CityCenter-Klienten mich ansprachen, dachte selbst ich: Die sind ein bisschen verrückt. Aber das muss man wohl auch sein.
Das Interview führte Marc Pitzke
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Architektur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH