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28. Februar 2011, 15:04 Uhr

Libyscher Erfolgsautor Matar

"Der Vergleich mit Hitler-Deutschland ist hilfreich"

Sein Vater wurde von Gaddafis Schergen verschleppt, er selbst musste ins Ausland fliehen: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der libysche Schriftsteller Hisham Matar über die Revolution, sein Verhältnis zu dem Diktator - und erklärt, was seine Landsleute von Deutschland lernen können.

SPIEGEL ONLINE: Als die Proteste in Libyen begannen, haben Sie in Ihrer Londoner Wohnung eine Art Newsroom eingerichtet. Was genau machen Sie da?

Matar: Es ist ein Netzwerk von befreundeten Exil-Libyern. Wir rufen jeden Tag Dutzende Menschen in Libyen an. Wir sammeln, prüfen und veröffentlichen Augenzeugenberichte. Ärzte sind die besten Quellen: Sie sind daran gewöhnt, eine gewisse emotionale Distanz zu wahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Stimmung unter Ihren Freunden?

Matar: In den ersten Tagen waren wir sehr angespannt, wir wussten nicht, was passieren würde. Als die Dinge dann so schnell in Bewegung gerieten, wurden wir sehr optimistisch. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wie lange es dauert, bis Gaddafi aufgibt - und wie viele Menschen noch sterben müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wann waren Sie sicher, dass Gaddafi am Ende ist?

Matar: Am Samstag vor einer Woche, als Bengasi vollständig befreit war. Das war der Wendepunkt, weil es die Hauptstadt des Ostens ist und der Osten traditionell der politisch aktivste Teil des Landes ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Familie ist aus Tripolis geflohen, als Sie 15 Jahre alt waren. Sie sind erst nach Kairo gezogen, dann zum Studieren nach London gegangen. Ihr Vater, ein erfolgreicher Diplomat und Unternehmer, wurde 1990 von Gaddafis Schergen entführt und eingesperrt. Welche Rolle spielt Gaddafi in Ihrem Leben?

Matar: Er hat mir meinen Vater gestohlen, er hat meine Verwandten eingesperrt, er hat viele meiner Freunde getötet. Er ist mein Feind. Aber wichtiger als dieses persönliche Leid ist, dass er das Land zurückgeworfen hat und die Menschen gezwungen hat, in einem ständigen Zustand des Wahnsinns zu leben. Er ist wie ein Alptraum für Libyen, aus dem ich selbst auch gerade erst erwache.

SPIEGEL ONLINE: Ein Alptraum, der nie zu enden schien.

Matar: Alle wurden von den Ereignissen überrascht, selbst die Experten, die sich ihr Leben lang mit Libyen befassen. Aber als die Proteste erst mal angefangen hatten, erschien alles plötzlich ganz logisch. Ich spüre es in den Stimmen der Libyer, mit denen ich spreche und die ich seit langem kenne. Sie klingen anders, wie befreit von einem Würgegriff. Gaddafi war die Person, unter der wir alle gelitten haben. Diese gemeinsame Erfahrung ist es, die uns nun eint.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gedacht, als der Westen 2003 Gaddafi zum Partner erklärte und ihn fortan hofierte?

Matar: Ich hätte kotzen können. Wir reden schließlich nicht über irgendein armes afrikanisches Land, das dringend Libyens Geld braucht und deswegen über die Diktatur hinwegsieht. Wir reden über Europa und die USA, die reichsten Länder der Welt. So was erschüttert meinen Glauben an die Menschheit.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Westen die Diktatur verlängert?

Matar: Ohne jeden Zweifel. Aber das macht die Revolution umso bemerkenswerter: Gaddafi war nicht nur reich und skrupellos, er hatte auch noch internationale Unterstützung. Wir haben es trotzdem geschafft. Das gibt uns Selbstbewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nach Libyen zurückkehren, um beim Aufbau der Demokratie zu helfen?

Matar: Ich weiß es nicht. Ich bin Schriftsteller, und Künstler bereichern ihre Gesellschaft, indem sie sich ihrer Kunst widmen, nicht der Politik. Als Bürger werde ich vielleicht eine Rolle spielen. Ich freue mich jedenfalls auf den Tag, an dem ich mein Land und meine Leute wiedersehe.

SPIEGEL ONLINE: Den letzten Brief von Ihrem Vater haben Sie 1996 aus dem Gefängnis in Tripolis erhalten. Glauben Sie, er ist noch am Leben?

Matar: Ich hoffe es. Wenn die Revolution vorbei ist, werden mein Bruder und ich ihn suchen gehen. Im Moment können wir nichts tun. Für viele Libyer gibt es in diesen Tagen eine nationale Geschichte und eine persönliche. Die persönliche muss warten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird es nun weitergehen?

Matar: Was mir Zuversicht gibt, ist die Art und Weise, wie die Menschen in Libyen sich verhalten. Sie gründen Komitees, kümmern sich um Lebensmittel und Infrastruktur. Als die Demonstranten in Bengasi 18 Söldner gefangen hatten, gaben sie ihnen Kleidung und etwas zu essen, sie haben sie medizinisch versorgt, ihre Pässe auf einen Tisch gelegt und einen Anwalt gerufen…

SPIEGEL ONLINE: …statt sich zu rächen…

Matar: Genau das macht mir Hoffnung. Es geht bei dieser Revolution nicht um den Sturz Gaddafis, das ist nur ein Aspekt. Es geht vielmehr darum, dass wir Libyer wieder entdecken, was es heißt, ein Volk und eine Gesellschaft zu sein. Man kann eine Revolution nicht nur negativ begründen - dass man jemanden stürzen, loswerden, ausradieren möchte. Es muss darum gehen, was man schaffen will. Die Libyer versuchen gerade, nach dem Ideal zu leben, von dem sie so lange geträumt haben. Gaddafis Sturz ist nur Mittel zum Zweck.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn er weg ist?

Matar: Die DNA des künftigen Libyen muss die Revolution sein. Das Wesen dieser Revolution ist friedlich, niemand hält ideologische oder religiöse Banner in die Luft. Es geht um Freiheit, Würde und Sicherheit. Libyen ist ein moderates, weltoffenes Land.

SPIEGEL ONLINE: Was geschieht mit den Helfershelfern des Regimes?

Matar: Sie müssen zur Verantwortung gezogen werden. Aber Rache bringt keine Gerechtigkeit. Ich habe keine Rachegedanken, nicht einmal gegen die Leute, die meinen Vater gefoltert haben. Andere Regime-Opfer denken ähnlich. Es wird einen langen Versöhnungsprozess geben, getrieben von dem Wunsch, dass so etwas nie wieder passiert. Wir haben schon gesehen, dass die Diplomaten, die in den letzten Tagen mit Gaddafi gebrochen haben, von den Demonstranten mit offenen Armen empfangen wurden. Wir wissen alle, wie lange sie das Regime verteidigt haben, aber es gab kaum Kritik.

SPIEGEL ONLINE: Eine Wahrheitskommission wie in Südafrika wäre eine mögliche Lösung?

Matar: Ja, ich habe bereits mit Freunden in Südafrika gesprochen. Wir brauchen eine tiefe intellektuelle und psychologische Auseinandersetzung mit diesem nationalen Wahnsinn, so wie Deutschland es nach der Nazi-Zeit gemacht hat. Gaddafi ist nicht Hitler, aber der Vergleich mit dem deutschen Beispiel ist hilfreich. In Italien lief es anders, da haben sie einige Leute des Mussolini-Regimes vor Gericht gestellt und nach vorn geschaut. Es gab nie eine echte Aufarbeitung der Psychose.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Roman "Im Land der Männer" haben Sie über das Leben einer Familie unter dem Gaddafi-Regime geschrieben. Wann können wir mit dem Buch zur Revolution rechnen?

Matar: Kunst reagiert nur sehr langsam auf politische Ereignisse. Fragen Sie mich in 20 Jahren noch mal.

Das Interview führte Carsten Volkery

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