Von Kaspar Heinrich
Als Anthony McCall auf dem Dach des SPIEGEL-Gebäudes steht, in gut 60 Metern Höhe, geht alles recht schnell. Ein Scheinwerfer leuchtet auf und wirft eine kilometerlange Lichtsäule in den Hamburger Abendhimmel. McCall wechselt ein paar Worte mit den Männern um ihn herum, einem Architekten und einem Techniker. Er blickt dem Strahl nach, in Richtung Bahnhofsviertel - und tritt dann den Rückweg zum Fahrstuhl an. Er ist zufrieden.
Ein eisiger Wind bläst an diesem Februarabend durch die HafenCity, was der eine Grund ist für den schnellen Abgang McCalls. Aber der Brite hat ja auch alles so vorgefunden wie gewünscht: die Farbe des Lichts weiß wie der Mondschein. Die Strahlkraft der Lampen stark. Die Position der Suchscheinwerfer hoch genug, um kein Gebäude direkt anzustrahlen.
Anthony McCall ist in Hamburg, um die Stadt zusammenwachsen zu lassen, symbolisch, mit seinem Werkzeug: der Kunst. "Hamburg besteht aus vielen kleinen Teilen", sagt er. Die Elbe zerschneide die Stadt genau wie die Themse London, und wie es Hudson und East River mit McCalls Wahlheimat New York tun. "Meine Idee war es", so McCall, "die Teile durch sich überlagernde Strahlen miteinander zu verbinden." Ab diesem Freitag wird der Künstler an jedem Abend drei schmale Lichtkegel aufleuchten lassen, von drei verschiedenen Orten in Hamburg aus.
Die drei Scheinwerfer stehen auf dem SPIEGEL-Gebäude an der Nordseite des Flusses, auf dem Dach der Sammlung Falckenberg an der Südseite sowie auf einem Hochbunker in Wilhelmsburg, im Zentrum der Elbinsel. Ein Dreieck bilden die Orte, Nord- und Südspitze sind gut zehn Kilometer voneinander entfernt.
Kunst trifft Mathe
Genau ein Jahr lang sollen seine Lampen an jedem Abend für 21 Minuten den Himmel erleuchten. "Die Arbeit soll nicht einfach ein Teil des Nachthimmels sein", erklärt McCall, "sondern sie ist als Ereignis gedacht, das innerhalb des Nachthimmels erscheint - und dann wieder verschwindet." Deshalb sei es wichtig, dass die Dauer an jedem Abend begrenzt bleibt. Und 21 Minuten hätten sich eben richtig angefühlt, so der Lichtkünstler.
Der Moment, an dem die Schweinwerfer angehen, wird sich im Laufe der Zeit verschieben, denn er richtet sich nach dem Sonnenuntergang: Jeweils neunzig Minuten danach beginnt das Schauspiel. Im Hochsommer also eine halbe Stunde vor Mitternacht, im Dezember bereits um halb sechs am Abend. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", sagt McCall, "wir pflegen dieselben Dinge an jedem Tag zur selben Zeit zu tun. Meine Arbeit ermöglicht durch ihren Rhythmuswechsel den Bewohnern von Hamburg immer wieder neue Zugänge."
Als McCall nach seinem Kontrollgang auf dem Dach in einem warmen Büro des SPIEGEL-Hauses sitzt, holt er aus einer Mappe handgezeichnete Skizzen heraus, für jede Woche eine, denn alle drei Lichtkegel rotieren im Laufe des Jahres. Der mittlere wird seinen Winkel alle sieben Tage um 30 Grad verändern und somit nach drei Monaten einmal um die eigene Achse gewandert sein. Im selben Zeitraum werden die beiden Strahlen, die von Norden und Süden ausgehen, ihre Winkel um die Hälfte geändert, also einen Halbkreis vollzogen haben. Kunst hat hier auch mit Mathematik zu tun.
Wenn McCall über seine Skizzen gebeugt ist und mit dem Finger die Richtungen abfährt, in die seine Scheinwerfer strahlen werden, hat das etwas Liebevolles. Dann wird deutlich, dass hinter den akribischen Berechnungen von Winkeln und Lichtstärken eine künstlerische Vision steht. Auf einem Blatt verweilt er länger, zwei der Lichtkegel kreuzen sich darauf in einem besonders spitzen Winkel. "Stellen Sie sich vor, Sie stehen hier", sagt McCall und tippt auf die Stelle kurz hinter dem Schnittpunkt der Linien. "Das wird großartig sein", vollendet er den Satz beiläufig selbstbewusst.
Licht ist seit den frühen Siebzigern McCalls Ausdrucksmittel. Damals begann er mit experimentellen Filmen, in denen sich die Zuschauer im Projektionsraum bewegen und so in die Arbeiten eingreifen konnten. Später verdiente er sein Geld mehr als zwanzig Jahre lang als Grafikdesigner. Seit Beginn des neuen Jahrtausends ist er als Künstler zurück, mit digitalen statt mit analogen Mitteln. Bekanntheit erlangte McCall zuletzt durch seine "Solid Light"-Installationen, scheinbar massive Skulpturen aus Licht, die er in dunklen Räumen erschafft. Im vergangenen Herbst zeigte sie der Hamburger Bahnhof in Berlin im Rahmen seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland.
In Hamburg, so erzählt McCall, habe er die Strahlen ursprünglich jeden Abend rotieren lassen wollen, wie bei einem Leuchtturm. Doch die Hafenbehörden erlaubten das nicht, eine Gefahr für den Schiffsverkehr, hieß es. Das berüchtigte wechselhafte Wetter der Stadt steht McCall hingegen nicht im Weg, im Gegenteil: "Bei klirrender Kälte wird man die Lichter sehr gut sehen können, bis zu 15 Kilometer weit. Nach einem Regenschauer und bei hoher Luftfeuchtigkeit ist die Sicht dagegen schlecht und der Strahl wird ein wenig zerfasern." Selbst wenn man gewissenhaft Tag für Tag das Schauspiel verfolgen würde, sagt McCall, sei also klar: "Was man sieht, wird jedes Mal anders sein."
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