Lichtkünstler Dan Flavin: Beleuchter der Moderne

Von Jenny Hoch

Er sicherte der Leuchtstoffröhre einen Platz in der Kunstgeschichte. Doch wer wie Dan Flavin Lichtkunst aus Kunstlicht schafft, gerät schnell in Verdacht, ein Dekorateur und Effektehascher zu sein. Eine große Schau in München korrigiert das Vorurteil in glänzender Weise.

"Mein Name ist Dan Flavin. Ich bin 32 Jahre alt, übergewichtig und unterprivilegiert, ein Kaukasier im Jahr des Negers." Diese vermutlich halb ironisch, halb ernst gemeinte autobiografische Selbstvorstellung notierte der amerikanische Künstler 1965. Dan Flavin war zu dieser Zeit kein Nobody mehr, sein künstlerischer Durchbruch lag bereits zwei Jahre zurück. Seine Idee, mit Lichtkunst ein vollkommen neues artistisches Terrain zu beschreiten, hat nicht nur ihm, sondern auch der Leuchtstoffröhre für immer einen Platz in der Kunstgeschichte gesichert.

In der großartigen Retrospektive, die die Münchner Pinakothek der Moderne dem Lichtmagier und wichtigstem amerikanischen Minimalismus-Vertreter neben Donald Judd widmet, lässt sich eben jene Stunde Null der künstlerischen Selbstfindung eindrucksvoll nachempfinden. Deren Ausgangspunkt bildete ein im Grunde simpler Vorgang, der im Nachhinein zu Recht zu einem der vitalsten Mythen der Avantgarde-Kunst verklärt wurde: Am 25. Mai 1963 hängte Dan Flavin eine exakt 244 Zentimeter lange Leucht-Röhre in sein Atelier und knipste das Licht an.

Der Clou dabei war, dass er die Lichtquelle weder zum Zwecke der funktionalen Ausleuchtung seines Arbeitsraumes an die Decke schraubte noch vertikal oder senkrecht an der Wand befestigte. Er hängte sie diagonal und nannte das Ergebnis "Diagonale der persönlichen Ekstase". Durch diesen minimalen Eingriff erzielte Flavin einen enormen Effekt. Hatte er für diese Arbeit doch nicht das kalte, unpersönliche Licht gewählt, das weltweit Millionen von Supermärkten, Bürogebäuden oder Parkhäuser erhellt, sondern eine goldene Tönung, die die gewollte Profanität des Werks mit einem buchstäblich spirituellen Glanz versah.

In die Röhre schauen

Davor hatte der 1996 verstorbene Flavin Aquarelle gemalt und Collagen aus Fundstücken, die er bei seinen langen Spaziergängen entlang des Hudson-Rivers aufgelesen hatte, gefertigt. Unzufrieden mit dieser "drei Jahre alten Romanze mit der Kunst als tragischer Praxis" wurden Leuchtstoffröhren sein ausschließliches Gestaltungsmittel, sein "technologischer Fetisch", wie er es nannte. Es ist faszinierend zu sehen, wie aus diesem reduzierten Formenrepertoire – Flavin verwendete ausschließlich seriell gefertigte Röhren in handelsüblichen Farben – ein enorm vielfältiges Werk entstanden ist.

Die lichten Raumfluchten der von Stephan Braunfels entworfenen Pinakothek sind wie geschaffen, um den raumgreifenden Installationen Flavins den Platz zu geben, den sie brauchen. Umgekehrt wird der Raum durch das farbige Licht und die klaren geometrischen Formen der Arbeiten dezent strukturiert und kommt umso besser zur Geltung.

Den Mittelpunkt der Ausstellung bilden 24 der bekannten "'monuments' for Vladimir Tatlin" entlang der 140 Meter langen Mittelachse des Museums. Diese hauptsächlich in den sechziger Jahren entstandene Werkserie zeugt neben Flavins Sinn für reduzierte Geometrie von seinem politischen Anliegen. Er widmete die durchgängig weißen Objekte dem russischen Künstler-Ingenieur Tatlin, der mit waghalsigen Zukunftsphantastereien von sich Reden gemacht hatte.

Tatsächlich wurde sein Entwurf eines sich spiralförmig in 400 Meter Höhe schraubenden Turms nie realisiert. In seinem ersten 'monument' antwortete Flavin dem kommunistischen Vordenker: Mit nur sieben kalkweißen Leuchtstoffröhren bildete er die Umrisse des Empire State Buildings nach, dem damals bekanntesten Symbol des Kapitalismus. Eine andere Arbeit bestehend aus blutroten Röhren, von denen eine aggressiv in den Raum hineinragt, widmete er allen Menschen, "die in einem Hinterhalt getötet wurden".

Lichtblicke der Täuschung

"You see what you get" war Flavins ironischer Kommentar zu seiner Kunst, deren Betrachter er unumwunden dazu aufforderte, sich zu amüsieren. Er wollte schnelle Wahrnehmung erreichen und nicht andachtsvolle "Kontemplation, Psychologie, Symbolismus oder Geheimnis". Doch so schlicht, wie es scheint, ist Flavins auf den ersten Blick ästhetisch eingängiges Werk nicht aufgebaut.

Wahrnehmungstäuschungen, hervorgerufen durch das Zusammenspiel kalter und warmer, intensiver und schwächerer Farben, überzeugen vom Gegenteil. Eine Lichtbarriere in einem engen Korridor, bestehend aus senkrecht angeordneten sonnenblumengelben Röhren lassen nur einen Schlitz frei, durch den eine weitere Farbwelt verheißungsvoll türkis schimmert. Geht man um die Installation herum, zeigt sich, dass nichts so ist, wie es schien: Das Hauptlicht auf dieser Seite ist in Wahrheit grün, das zuvor gelb erscheinende Strahlen auf der anderen Seite wirkt nun orangefarben.

Dan Flavin hätte eigentlich Priester werden sollen. Sein Vater, ein streng gläubiger irischer Offizier, hatte diesen Beruf für ihn vorgesehen. Doch der Junge zeichnete lieber, diente im Koreakrieg als Luft- und Wetterdienstbeobachter und studierte später Kunstgeschichte in New York. Und obwohl sich Flavin immer wieder dagegen wehrte, seine Werke in einem metaphysischen oder gar religiösen Kontext zu sehen, bleibt ein sakraler Eindruck.

Spirituell, nicht grell

Eine der formal strengsten Arbeiten, "the nominal three (to William of Ockham)” widmete Flavin dem britischen Franziskanermönch William von Ockham, eines der bedeutendsten Philosophen des europäischen Mittelalters. Ockham beharrte auf der strikten Trennung von Glaube und Wissen. "Meine fluoreszierenden Röhren werden niemals verbrennen in der Sehnsucht nach einem Gott", schrieb der Lichtkünstler.

Dabei rührte Flavins Erleuchtung ursprünglich von russischen Ikonen, die er im Metropolitan Museum gesehen hatte. Anders als in der perspektivischen abendländischen Kunst strahlt auf diesen Bildnissen ein goldener Bildgrund auf den Betrachter ab und nimmt ihn förmlich auf in ihr göttliches Licht. Flavin war fasziniert von diesem Sog und nahm ihn als glänzendes Beispiel für seine Arbeiten. Corinna Thierolf, die Münchner Kuratorin der Schau, die in kleinerem Umfang zuvor in London und Paris Station gemacht hat, bringt es in - Bezug auf ein leuchtendes Eckquadrat - auf den Punkt: "Dan Flavin hat den Herrgottswinkel der Minimalisten erschaffen."


Dan Flavin - Retrospektive. Pinakothek der Moderne, München. 23. November 2006 bis 4. März 2006.

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