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Lidl-Chef Gehrig bei Kerner: Keine Shakehands mit Herrn Dings

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Lidl macht mobil: Mit einer Interview-Offensive will der Discounter sein Schmuddel-Image loswerden, den Überwachungsskandal vergessen machen. Bei TV-Talker Kerner ging das nach hinten los – Aufsichtsratschef Gehrig zeigte sich selbstgerecht, arrogant, uneinsichtig.

Hamburg - Es gibt manchmal Sätze, die mit wenigen Worten ungeahnte Klarheit in umständliche Debatten bringen: "Haben Sie denn gelesen, was ich geschrieben habe?", fragt der Journalist und Undercover-Rechercheur Günter Wallraff sein Gegenüber. Der Mann schüttelt den Kopf, verzieht abfällig den Mund und sagt ohne zu zögern: "Nein, habe ich nicht."

Kunden in einer Lidl-Filiale: Discounter-Chef Gehrig will die Firma aus der Krise reden
DPA

Kunden in einer Lidl-Filiale: Discounter-Chef Gehrig will die Firma aus der Krise reden

Hätte Klaus Gehrig einen Kommunikationsberater, wäre das wohl der Moment gewesen, in dem dieser hinter den Kulissen aufgestöhnt und seinen Chef verflucht hätte.

Aber der Lidl-Aufsichtsratschef hat keinen Image-Helfer - er scheint sich selbst für ausreichend clever zu halten, um mit jeder Frage, jedem Angriff und jeder Kritik fertig zu werden. Auch, wenn ihn ZDF-Talkmaster Johannes B. Kerner nur wenige Wochen nach dem Skandal um die heimlich überwachten Mitarbeiter zum Gespräch bittet und ihm ausgerechnet die beiden Journalisten Markus Grill und Wallraff zur Seite setzt.

Wobei "zum Gespräch bitten" nicht ganz trifft: Denn tatsächlich mühen sich Journalisten in ganz Deutschland seit Jahren um Interviews mit den Managern des Discounters - vergeblich. Vom Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz existieren noch nicht einmal aktuelle Fotos und auch Gehrig hat sich bislang rar gemacht. Seit seinem Eintritt in das Unternehmen 1976 gab er nur ein einziges Interview: 2004 reagierte er so auf die Vorwürfe aus dem "Schwarzbuch Lidl", das die Arbeitsbedingungen in den Filialen anprangerte. Schon damals relativierte Gehrig die Aussagen, gelobte Besserung - und zog sich alsdann schnell aus dem Blick der Öffentlichkeit zurück.

Immer das gleiche Lidl-Spiel

Jetzt also das gleiche Spiel, ausgerechnet bei dem für seine sanfte Gesprächsführung bekannten Kerner. Wieder ist der Konzern so massiv in die Schlagzeilen geraten, dass das Toter-Mann-Spielen keinen Zweck mehr hat: Ende März hatte der Stern-Journalist Grill Hunderte von Protokollen heimlicher Videoüberwachung von Lidl-Mitarbeitern veröffentlicht. Wenig später wurden die Recherchen Wallraffs bekannt. Dieser hatte wochenlang unter falschem Namen in einer Lebensmittelfabrik gearbeitet, die ausschließlich für den Discounter Brötchen herstellt - und dort massive Verletzungen grundlegender Arbeitnehmerrechte aufgedeckt.

Deshalb sitzt Gehrig nach etlichen anderen Auftritten und Interviews nun bei Kerner - und man weiß nicht so recht, ob es Unverfrorenheit oder Dummheit ist, die ihn treibt.

Die einzige Sorge, die dieser Mann zu haben scheint, ist die Angst vor den Umsatzeinbußen, das wird schon nach seinen ersten Äußerungen deutlich. Weder will Gehrig etwas an den Strukturen ändern, noch scheint er ernsthaft zu bedauern, was in dem Konzern unter seiner Verantwortung passiert ist: "Dumme Dinge" nennt er die detaillierten Protokolle, bescheinigt den Detektiven "Dappigkeit" - und provoziert damit den ersten wütenden Zwischenruf von Wallraff.

Tatsächlich ist es eine seltsame Mischung aus Dreistigkeit und Weinerlichkeit, mit der Gehrig seinen Konzern reinwaschen will: Er habe erst gar nicht glauben wollen, was ihm nach seinem Urlaub erzählt wurde, sei erschüttert gewesen, trage natürlich die Verantwortung und sei wohl in manchen Dingen zu nachsichtig gewesen, so leitet Gehrig seine Abbitte ein - um dann zum Angriff überzugehen: Er lasse nicht zu, dass durch solche Einzelfälle der Großteil der Mitarbeiter zu Schaden komme. Schließlich sei die Mehrheit der Mitarbeiter sehr zufrieden - außerdem sei es ungerecht, dass alle immer nur über Lidl redeten, wo doch in der gesamten Branche ähnliche Probleme herrschten.

Eine Weltsicht, die von Grill und Wallraff nicht geteilt wird - vor allem Letzterem merkt man sein Unbehagen an, mehr als eine Stunde neben Gehrig sitzen zu müssen. So distanziert ist seine Körpersprache, so viel Verachtung liegt in seinem Blick.

Bei Kerner ist Lidl-Mann Gehrig in der Defensive

Trotzdem gelingt es Wallraff und Grill fast schon spielend, den Lidl-Manager in die Defensive zu bringen - zumal sich Talkmaster Kerner mit eigenen Fragen zurückhält: Lobt Gehrig das Vertrauen der Mitarbeiter, kontert Grill, dass die großformatigen Anzeigen, die eben dies belegen sollen, Führungskräfte als einfache Mitarbeiter ausgeben. Erklärt Gehrig, man habe sich bei den betroffenen Mitarbeitern entschuldigt, zitiert Grill eine Angestellte, mit der noch niemand geredet hat. Redet sich Gehrig damit heraus, keinen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen bei einem Zulieferer zu haben, zieht Wallraff einen internen Vermerk aus der Tasche, der eben dies widerlegt.

So sehr gehen dem nicht an Widerspruch gewöhnten Top-Manager die beiden Journalisten auf die Nerven, dass er schließlich etwas tut, was er besser vermieden hätte: Lidl-Mann Gehrig offenbart, wie egal ihm ist, was Wallraff und Grill herausgefunden haben. "Sie leben doch davon, dass Sie solche Berichte schreiben", raunzt er Wallraff an, als der ihm in wenigen Sätzen die Arbeitsbedingungen der Großbäckerei schildert. Und sagt dann: "Ich würde mir lieber selbst ein Bild davon machen."

Eine Idee, die den Kurz-Zeit-Bäcker begeistert: "Lassen Sie uns einen Deal machen", schlägt Wallraff vor: "Sie sind doch ein Sportsmann, ein Golfspieler, wir machen da zusammen ein bis zwei Schichten, dann wissen Sie, wie anstrengend das ist." Das aber stößt bei Gehrig auf wenig Gegenliebe, empört ihn so, dass ihm entfährt: "Ich mache hier doch nicht Shakehands mit einem Herrn Dings! Ich gehe da mit ihm nicht hin, da sehe ich überhaupt keine Notwendigkeit!" Um dann zuzugeben, dass er Wallraffs Enthüllungen gar nicht gelesen hat.

Wie geht es wohl weiter? In ein, zwei Wochen wird Gehrig vermutlich wieder aus den Medien verschwinden, doch an den Arbeitsbedingungen bei Lidl wird sich wahrscheinlich wenig ändern. In zwei, drei Jahren könnte dann der nächste Skandal den verschwiegenen Manager in die Offensive zwingen. Vielleicht meldet sich dann sogar Lidl-Gründer Schwarz selbst zu Wort. "Ich habe all die Jahre nichts davon geahnt, ich war schockiert" - so könnte seine Verteidigungsrede anfangen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 134 Beiträge
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1. Was für ein schwacher Auftritt
Thandres 07.05.2008
Um Gottes Willen! Ist das ein Verantwortlicher in unserer Wirtschaft? Noch nicht mal geheuchelter Respekt vor dem Herrn (Wallraff)Dings & Co. Nur Allgemeinplätze und dröges Geschwafel von Herrn Lidlbumms (Gehrig). Ich bin mir sicher für einen Verantwortlichen eine Ebene tiefer hätte ein Auftritt dieser Qualität und Inhaltslosigkeit Konsequenzen. Wenn ich vorher nicht überlegt habe Lidl zu boykottieren, dann neige ich jetzt dazu darüber nachzudenken. So ein sturer Kerl! Das hat nicht dem kleinen 1x1 der Öffentlichkeitsarbeit entsprochen, finde ich! Schade! Was für eine vertane Chance für den ganzen Einzelhandel! Gute Nacht!
2. Ich finde Frau Amanns Beitrag ist zu einseitig (Empörungsartikel)
spam.nirwana 07.05.2008
Sehr geehrte Frau Amann, ich finde, Sie machen es sich sehr einfach mit dem Satz "Aufsichtsratschef Gehrig zeigte sich selbstgerecht, arrogant, uneinsichtig." Ich finde, dafür, dass er einen schlechten Stand hatte, hat er sich gut verkauft. Entsprechend hat das auch Fuchsberger kommentiert. Es gibt eben Menschen, die in solchen Positionen sind und ein Schweinegeld verdienen. Aber "arrogent" nur einfach so abzuleiten ist schon schwach. Eigentlich ist Ihr Artikel ziemlich einfallslos, ehrlich! Sie nehmen das naheliegendste, was die meisten Leser so abnicken und bauen auf deren Abneigung gegen "die da oben". Sie sollten wirklich trennen, zwischen Inhalt und Form. Ich finde von der Form und von der Präsentation her, hat der Lidel-Dings ganz gut abgeschnitten. Was den Inhalt angeht, so sollten wir alle unbedingt genau hinhören und uns nicht von diesen Anzeigen mit "Verkäuferinnen" verarschen lassen. Ich finde es sehr gut, dass es dem Lidel-Typen nicht leicht gemacht wird. Was allerdings Wallraff etc. erkannt haben ist, dass es nicht darum geht, den Typen völlig zu demontieren, sondern den Mitarbeitern in den Läden zu helfen, deren Situation zu verbessern. Dabei geht es darum die Strukturen von der Wurzel her zu ändern. Wenn Sie sich also derartig empören, dann sollten Sie es auch sein, die den nächsten investigativen Bericht schreiben oder zumindest auch tiefer in die Materie einsteigen. Wenn nicht, dann ist das, was Sie hier geschrieben. Ansonsten haben Sie hier nur mal eben schnell Rauch abgelassen und sonst nichts. Sehr wichtig war beispielsweise auch der Hinweis auf die wirtschaftlichen Zusammehänge (Billig-Brötchen-Billig-Lohn).
3. Jeder weiss es eigentlich schon immer!
avollmer 07.05.2008
Wer sich die Preise der unteren Produktschiene insbesondere der Eigenmarken der Discounter anschaut, der muss schon immer wissen: das ist nur über Ausbeutung der in der Produktionskette beteiligten Beschäftigten kalkulierbar. In der Pressemitteilung zu den Wallraff-Vorwürfen entschuldigt sich Lidl netterweise mit ähnlichen Preisen und Verfahrensweisen der Konkurrenten - nicht nur, dass an der Stelle das Kartellamt laut aufschreien müsste, nein das ist eine Anklage an die ganze Branche! Wundern muss man sich auch, dass nach den "Schimmel im Brötchen" Ereignis nicht flächendeckend die behördliche Aufsicht eingegriffen hat, Proben genommen hat und die Märkte wegen des Verkaufs ekelerregender Lebensmittel geschlossen hat. Für einen gesundheitsbewussten Esser sind große Teile der dort angebotenen Nahrungsmaterialien, Lebensmittel kann man das nicht nennen, sowieso seit Jahren ekelerregend. Dass die soziale Situation anscheinend große Teile der Bevölkerung dazu zwingt dort einzukaufen ist der nächste Skandal. Eigentlich sind die ursächlich Verantwortlichen die Gewerkschaften, die durch Lohnzurückhaltung die Menschen dazu verdammen solches Zeug zu essen. Brötchen aus Schimmelfabriken! Milch von Gott-weiss-woher und von Kühen die Gott-weiss-was zu fressen kriegen weil der Preis nicht mehr hergibt! Wassermelonen aus Panama zum gleichen Preis wie europäische Wassermelonen, was da für die mittelamerikanischen Bauern nach Abzug der Frachtrate übrigbleibt? Wer meint, er könnte das Problem umgehen, indem er nur FairTrade-Artikel kauft irrt. Das Siegel prüft nur die Verhältnisse vom bäuerlichen Erzeuger bis zum Importeur und Verpacker, nicht den Endhandel. Wir brauchen ein entschlossenes und umfassendes Handeln von Gewerkschaften und Politik. Für saubere Nahrung aus fairer Produktion und fairem Handel bis zum Endverbraucher.
4. Typisch !
PowerReader 07.05.2008
Herr Gehrig hat sich bei Kerner als das gezeigt, was man offenbar bei Lidl und anderen sein muss: Ein arroganter Karrierist dem Menschen vollkommen egal sind, der sich unangreifbar glaubt und dümmliches Gesülze von sich gibt, wenn man seinen Verein erwischt, wie dieser seine Angestellten ausbeutet und kujoniert ! Leider gibt es von diesen "Elementen" immer mehr, so daß unsere Unternehmenskultur immer noch schlechter wird, als sie bereits dank solcher Leute ist. Ich habe mich vor gut einem Jahr mal mit einem ehemaligen Lidl-Bereichsleiter unterhalten, der mich darüber aufgeklärt hat, wie es dort wirklich zugeht. Insofern überrascht mich nicht, was jetzt an die Öffentlichkeit gekommen ist. Bei Lidl und Co. wird sich GAR NICHTS ändern, außer daß man versuchen wird, in noch stärkerem Masse zu verhindern, daß die tatsächlichen "Sitten" dort publik werden !
5. Boykott ist das einzige das etwas ändert
yato, 07.05.2008
Ich habe die Sendung gesehen. Wir brauchen nicht nach China oder Burma blicken um einen Diktator und seine Denke zu sehen. Solche Leute treiben als moderne Sklavenhalter ihr Handwerk mitten unter uns und werden seltsamerweise nicht bestraft, was längst fällig wäre. Lidl Aufsichtsratschef Gehrig war extrem arrogant, uneinsichtig und selbstgerecht dauerquasselnd. Besonders übel fand ich auch seine Heuchelei zum Thema Gewerkschaften bei Lidl: "Lidl Mitarbeiter sind so zufrieden, dass sie keine Betriebsräte brauchen und wollen" (es gibt nur ca 7 Betriebsräte bei tausenden Filialen und Lidl mobbt Mitarbeiter oder schliesst sogar Filialen wenn sich Betriesräte bilden) "Aber sicher, wenn sie wollen könnten sie jederzeit einen Betriebsrat bilden". Dies ist der übliche Zynismus der Diktatoren (Gründen dürfen sie schon einen, wenn sie die Konsequenzen aushalten - He He He). Bei dem ausgelagerten Bäckereibetrieb mit übelsten Zuständen, in dem Wallraff gearbeitet hat, kam die übliche Masche der Ausbeuterfirmen: Dafür sind wir nicht verantwortlich, wenn die sich krankschuften dann liegt das nicht an uns. Wir sind blos der einzige Kunde dieser Firma (und bestimmen über ihr sein oder nicht sein) und wundern uns immer, daß die immer freiwillig alles tun, was wir sagen - Ha Ha Ha. Die Sendung war sehr gut, weil sie die Dreistigkeit und Borniertheit diktarorischer Firmen und ihrer Köpfe deutlich zeigt Lidl = Boykott!
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