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Transgender-Debatte: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch

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Die Regisseurin Lilly Wachowski ist eine Transfrau. Die Schlagzeilen über ihr Coming-out zeigen, wie beschränkt Geschlecht noch immer wahrgenommen wird. Und wieso das gefährlich sein kann.

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Filmszene aus Matrix

Lilly Wachowski ist eine Transfrau. Und schon beginnen die typischen Schlagzeilen: "Aus Andy wird Lilly", "Die Matrix-Brüder sind jetzt Schwestern". "Zweiter Wachowski Bruder outet sich als Transgender".

Warum die Schlagzeilen in diesem Fall wichtig sind? Weil Lilly Wachowski nicht aus freiwilligen Motiven ihr "Coming-out" vollzogen hat. Lilly Wachowski hat mit ihrer Schwester Lana Wachowski die "Matrix"-Trilogie, "Cloud Atlas" und zuletzt für Netflix die Serie "Sense 8" gedreht.

In einem Statement in der "Windy City News" schreibt sie: "Sex Change Shocker - Wachowski Brothers Now Sisters!!! Das ist die Schlagzeile, auf die ich die letzten Jahre gewartet habe." Doch sie kam nicht. Die Schlagzeile. Bis jetzt. Wachowski schreibt in ihrem Statement, wie ein Reporter der britischen Boulevardzeitung "Daily Mail" vor ihrer Tür stand. Der Reporter wollte unbedingt ein Foto mit ihr machen, und sie müsse sich unbedingt mit ihm zusammensetzten. Weil ihre Geschichte so inspirierend sei.

Wachowski verstand das als Drohung und entschied, selbst ihre Geschichte zu erzählen, um so lange die Macht über sie zu haben, wie es nur geht. Mittlerweile kam von Seiten der "Daily Mail" ein Dementi: Man habe Wachowski nicht genötigt.

Eine Bedrohung

Wachowski beschreibt in ihrem Statement auch, wie die "Daily Mail" die Lehrerin Lucy Meadows öffentlich als Trans outete und sie als Gefahr für die Schulkinder darstellte. Meadows nahm sich drei Monate nach Veröffentlichung der Geschichte das Leben, schreibt Wachowski.

Nicht selbst entscheiden zu können, wann und wie die eigene Geschichte erzählt werden soll, kann lebensgefährlich sein. Es stellt eine Bedrohung dar. Transmenschen, vor allem Transmenschen of Color, sind statistisch gesehen die häufigsten Opfer von Gewalt und Morddelikten.

Deswegen können Coming-out-Geschichten wichtig sein. Es ist wichtig, dass Schauspielerin Laverne Cox, bekannt aus "Orange is the New Black", für die Rechte von Transmenschen kämpft. Genauso wie die MSNBC-Moderatorin Janet Mock. Oder, vielleicht das berühmteste Beispiel, Caitlyn Jenner. Sie alle sorgen für Sichtbarkeit von Transmenschen in den Medien.

Aber sobald die Geschichte veröffentlicht wird, verlieren sie zugleich die Kontrolle über ihre eigene Geschichte. Deshalb macht es eben einen Unterschied, ob die eigene Geschichte freiwillig erzählt wird oder eben nicht.

Lilly Wachowskis Schwester Lana Wachowski entschied sich im Jahr 2012 in einem Promo-Video für den Film "Cloud Atlas" dazu, der Öffentlichkeit zu sagen, sie sei "transgender". Vier Jahre später schreibt Lilly Wachowski. "So yeah, ich bin transgender. Und yeah, ich habe transitioned." Obwohl sie Schwierigkeiten mit den Begriffen habe. Einerseits weil für sie "transgender" in den dogmatischen Begriffen Mann-Frau verhaftet sei. Andererseits weil "Transition" für ein Davor und Danach stünde. Doch Wachowski würde ihr ganzes Leben weiter "transitioned".

Und hier zeigten sich die Grenzen der deutschen Sprache: Wie soll "Transition" übersetzt werden? Muss es das überhaupt? Oder kann auch "Transition" als deutsches Wort funktionieren, im Sinne eines Übergangs?

Es ist aber keine Verwandlung, wie es oft heißt. Und deswegen stimmen die Schlagzeilen wie "vom Mann zur Frau" auch viele Transmenschen so ärgerlich, weil es keine Entscheidung ist, die plötzlich da war. Sondern ein Prozess. Trans-Sein heißt nicht unbedingt, sich in den Kategorien von Mann und Frau zu bewegen, sondern eventuell auch dazwischen.

Eine andere Welt

Die Schlagzeilen zeigen somit ebenfalls die Fixierung auf die Binarität der Geschlechter: Es gibt Frau, es gibt Mann. Fertig. Doch so einfach ist es eben nicht.

Wachowski schreibt: "Binarität ist ein falsches Ideal." Und trotzdem bleibe sie optimistisch. In ihrem Büro habe sie ein Zitat des Queer-Theoretikers José Esteban Muñoz. Es lautet: "Queerness ist wesentlich die Zurückweisung des Hier und Jetzt und das Beharren auf die Möglichkeit einer anderen Welt."

Wie diese andere, neue Welt aussehen könnte, haben die Wachowski-Schwestern in ihrer Serie "Sense 8" schon mal in Teilen dargelegt. Eine globale Gesellschaft zwischen all den Identitäten.

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