Linke Ratlosigkeit Nachdenken abgeschafft

Es gibt wieder Feinde, wir müssen kämpfen - aber Politik und Medien lassen sich seit einer ganzen Weile von rechts vor sich hertreiben. Was würde Marx dazu sagen?

Karl-Marx-Monument in Chemnitz
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Karl-Marx-Monument in Chemnitz

Eine Kolumne von


Wo sind die linken Schriftsteller, wenn man sie mal braucht, fragte die linke Schriftstellerin Jana Hensel vor ein paar Tagen, und sie hatte natürlich Recht und sie blieb dabei doch ein oder zwei Schritte hinter dem zurück, was die eigentliche Frage dieser Tage ist.

Denn was so viele beschäftigt, bei Abendessen und auf Podien, bei Straßenunterhaltungen, Tech-Kongressen und Workshops zur wiederholten Weltrevolution, ist ja nicht unbedingt, warum gerade Juli Zeh oder Ilija Trojanow nichts zum Kulturkampf von rechts sagen - sondern was die größeren Strategien dagegen sein könnten und wo die Allianzen wären, wo die Denker, wo die Ideen.

Es geht ja darum, so viel wird langsam klar, wie man einer Rechts-Verschiebung begegnet, die lange Jahre im Schatten und mit heiligem Zorn auf Aufklärung, Menschenrechte, Diversität, überhaupt die Komplexität der Welt vorbereitet wurde, mit Zeitschriften und Think Tanks, mit der Wiederholung der immer gleichen Angstmotive und Untergangsszenarien und überhaupt der ganzen Schnoddrigkeit von Nazi-Enkeln.

Und richtig ist dabei, dass viele, die sich links nennen würden, immer noch irgendwie schwanken in ihrer Reaktion, zwischen ungläubig und peinlich berührt, zwischen der Unfähigkeit zu klaren Gedanken oder konkreten Aktionen und dem Unwillen, die eigene bequeme Blase von Biografie, Karriere, Eigentumswohnung zu verlassen und die Arbeitsweise oder den Aggressionspegel so zu verändern, dass klar wird: Es gibt wieder Feinde, wir müssen kämpfen.

Aber wie? Und, genau, wofür?

Die Rechten, das ist deutlich, haben den Vorteil, dass sie die Widersprüche der Gegenwart reduzieren können und klare Parolen formulieren: Deutschland den Deutschen etwa, heute etwas sarrazinesker verpackt. Oder: Merkel, die Muslime, die Medien sind an allem Schuld. Vor allem aber: Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge.

Die Art und Weise der Berichterstattung über den Polizeieinsatz in der Flüchtlingsunterkunft in Ellwangen zeigt dabei, wie wirkungsvoll diese Methode ist: Im panischen Gleichklang wurde der Untergang des Rechtsstaats besungen, unterfüttert mit martialischen Bildern, die eher an Bürgerkrieg erinnerten oder erinnern sollten.

Politik und Medien lassen sich seit einer ganzen Weile von rechts vor sich hertreiben, unfähig zum Atemholen, Nachdenken abgeschafft, ein Einzelfall jagt den anderen und wird zum größeren Gesamtbild verdichtet, zur Gefahr, zum Symptom, es ist die bekannte Eskalationsstrategie der Diskursverschiebung: Der Ausnahmezustand als Normalität.

Wie soll man darauf reagieren, als Linke, die sich immer gern selbst zerfleischt hat oder in Melancholie verliert - wobei diese Melancholie ja gar nicht die Tradition der Linken ist, die stets der Sonne, der Zukunft zustrebte, es ist nur in vielem ihre Realität.

Angstland von Angstmenschen

Ohne die Sonne also, ohne die Zukunft wird es keine linke Antwort geben auf den revisionistischen Riesenstaubsauger der Rechten, mit dem sie diese Gesellschaft in eine scheußliche, enge, egoistische, fremdenfeindliche Vergangenheit verwandeln will, ein Angstland von Angstmenschen, die jubeln sollen und sich sicher fühlen, wenn vermummte Polizisten einen Mann festnehmen, um ihn doch nur nach Italien abzuschieben.

Wo aber findet sich diese Sonne, wo ist diese Zukunft, in all dem Nebel, in all der Angst?

Es ist die Technologie, könnte man zum 200. Geburtstag mit Karl Marx, für Karl Marx sagen, denn die Technologie wird am Ende den Kapitalismus in seinen Widersprüchen überwinden helfen und den Menschen befreien - wenn nur nicht, und das ist ein weiterer Twist, die Technologie selbst mit so viel Angst belegt wäre, als Dystopie von Überwachungs- und Datenkapitalismus.

Aber, und auch da ist Akzelerationist Marx ein guter Gesprächspartner, diese Widersprüche, diese Dialektik, diese Antagonismen sind es gerade, die zur Veränderung und zur Freiheit führen - die Sonne also ist tatsächlich in der Technologie zu suchen, in der Emanzipation durch und mit den Maschinen.

Gemeinschaftlicher Besitz, der anders funktioniert

Wie das gehen könnte, oder auch nicht, das war in der vergangenen Woche in Berlin zu beobachten: Auf der einen Seite der Technologiekongress re:publica, eine vage Menge zwischen Internet-Euphorie und Internetskepsis, alles in allem mit den Mitteln zur Veränderung, aber ohne den wirklichen Willen dazu.

Und auf der anderen Seite der Marx-Kongress der Rosa-Luxemburg-Stiftung, eine deutlich kleinere und anders vage Menge zwischen Heldenverehrung und Revolutionssehnsucht, auch sie haben im Grunde die Mittel zur Veränderung, die Theorie von Marx lässt sich ziemlich gut auf die heutigen Widersprüche des globalisierten Kapitalismus anwenden, aber auch ihnen fehlte etwas, die Form und Gestalt von Veränderung.

Dazwischen, so scheint es, liegt die Realität von Technologie und Revolution - also eine linke Praxis, die auf Umverteilung und Kooperation baut, die andere Eigentumsformen erfindet, die Hierarchien umstürzt und von der Vision vom Ende der Arbeit keine Albträume bekommt, sondern die Chance sieht, das anders zu definieren, was den Menschen zum Menschen macht.

Hier, an dieser Schnittstelle könnte man anfangen, über eine Welt nachzudenken, in der der gemeinschaftliche Besitz anders funktioniert, es ist die Idee der Commons, wie sie in der digitalen Open-Source-Bewegung eine große Rolle spielt, also Gemeinschaftseigentum an wesentlichen öffentlichen Gütern, Wasser, Luft, Algorithmen, wie sie, neben anderen linken Denkern, auch Michael Hardt und Antonio Negri in ihrem neuen Buch "Assembly" propagieren.

Wer also schafft Werte in einer Gesellschaft?

Die Arbeit also an einer anderen linken Idee von Gesellschaft entsteht durch den gleichzeitigen Blick zurück und nach vorn, sie ist praktisch und pragmatisch und zugleich von utopischem Willen getragen, sie ist grundsätzlich, weil es darum geht, die Menschen aus der neoliberalen Apathie zu befreien, und sie ist visionär, weil diese Gesellschaft mit den Mitteln einer Technologie gestaltet wird, die wir heute nur ansatzweise verstehen.

Blockchain und das bedingungslose Grundeinkommen sind dabei nur zwei der Schlagworte, die gern wiederholt werden - sehr viel naheliegender und nur scheinbar unaufregender ist aber etwa das, was die Ökonomin Mariana Mazzucato vorschlägt, in einer losen Linie von Marx und Karl Polanyi zu John Maynard Keynes: Der Staat, so beschreibt sie es in ihrem neuen Buch "The Value of Everything", als zentraler Akteur einer gerechten Form von Markt, dessen Versagen in der Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 deutlich geworden ist.

Der Staat also, und das ist die Verbindung zu Marx, der seit Jahrzehnten mit postkommunistischem Mantra als behäbig und korrupt, als ineffizient und innovationsfeindlich porträtiert wurde, ein Bild, das sehr gut zur gegenwärtigen Politik der Austerität passt - dieser Staat erlebt bei Mazzucato sein Comeback als rationaler Akteur in einem System von kapitalistischer Irrationalität.

Wer also schafft Werte in einer Gesellschaft? Und wie? Und wofür? Und wer schöpft diese Werte nur ab? Wer also fördert die Ökonomie, im ganz grundsätzlichen Sinn, als Lehre vom Guten, vom Gesetz, von der Pflege des Hauses und damit der Gemeinschaft, und wer fördert sie nicht?

Das ist die zentrale Frage von Mazzucato, das ist auch die zentrale Frage in einer Zeit der wachsenden Ungleichheit, auf die bislang nur die Rechte eine Antwort gefunden hat: Ausgrenzung und Abgrenzung. Hier muss dann auch die Linke ansetzen, bei der ökonomischen Form und Praxis.

Anders gesagt: Kulturelle Kämpfe sind nicht das Mittel, mit dem die Linke wieder Leben findet.

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Kolumne - Der Kritiker


insgesamt 101 Beiträge
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T.A.L. 2.0 06.05.2018
1. Brüder zur Sonne...?
"Tradition der Linken ist, die stets der Sonne, der Zukunft zustrebte" - wie im 20. Jahrhundert in Russland, China, Kambodscha, usw.usf., und heute immer noch in Venezuela und anderswo? Es ist die große Lebenslüge der Linken, dass ihre Ideen in der Theorie immer progressiv, emanzipatorisch und demokratisch sind und diese Ideen nur leider in der Praxis schlecht ausgeführt wurden. Nein, die linken Diktaturen haben sich immer auch auf linke Vordenker berufen und dabei unzählige Menschenleben auf dem Gewissen. Wenn ich nun wieder lese: "Es gibt wieder Feinde, wir müssen kämpfen.", dann wird mir vor diesem historischen Hintergrund doch sehr unwohl!
Wassup 06.05.2018
2. Die linke im Nahen Osten vollständig ausgelöscht
Falls es die Linke in Deutschland noch nicht mitbekommen hat: Fastzt überall im nahen Osten wurde die Linke vernichtet, ob das nun die linke in der Türkei ist, Saddam Husseins Baath Partei, oder sonst irgendeine säkulare linke Partei. Die USA hat es geschafft, z.B. durch die Förderung der "Mudschahidin" in Afghanistan die russisch unterstütze LInke zu zerstören, indem religiöse Eiferer mit Waffen und Geld unterstützt wurden. Wer Wind säht, erntet Sturm. Der Westen hat die religiösen Eiferer gegen die Linke unterstützt oder zumindest die Unterstützer wie Erdogan gewähren lassen. Nun ist die säkulare Linke auf dem geschlagen und der IS und andere reigiösen Eiferer auf dem Vormarsch. Gratulation!
diorder 06.05.2018
3. Mal was von Sahrah Wagenknecht gelesen?
Und das Programm der Linken ? Über die Rechten wird jeden Tag geschrieben, aber die Linken nahezu nichts, weil die an die Wurzeln gehen, die schon Marx benannt hat : Die Aneignung des Mehrwerts, der steigende Anteil am Vermögen und die relativ daran soziale Verarmung. Kriege dafür zu führen....
w.o. 06.05.2018
4.
Sie haben Marx offensichtkich besser versatanden als viele orthodoxe "Linken" und viele links sein wollenden. Die Abschaffung der entfremdenden Arbeit (Ersatz durch Maschinen) gibt dem Menschen die Zeit. sich um Kultur und ähnliches zu kümmern..
conocedor 06.05.2018
5. Kein kraftvolles Kontra mehr gewöhnt?
Ohne die Sonne also, ohne die Zukunft wird es keine linke Antwort geben auf den revisionistischen Riesenstaubsauger der Rechten, mit dem sie diese Gesellschaft in eine scheußliche, enge, egoistische, fremdenfeindliche Vergangenheit verwandeln will, ein Angstland von Angstmenschen, die jubeln sollen und sich sicher fühlen, wenn vermummte Polizisten einen Mann festnehmen, um ihn doch nur nach Italien abzuschieben. Es muss nicht nur um die von Diez bejammerte Kampfkraft der politischen Linken schlecht stehen, sondern auch um das linke Feuilleton. Sonst würde er nicht solche hanebüchenen und herbeiphantasierten Untergangsszenarien zu Papier bringen. Fragt sich angesichts dessen, wer hier eigentlich hasserfüllt, ängstlich und voller Feindbilder ist. Zum Vorwurf: Die Rechten, das ist deutlich, haben den Vorteil, dass sie die Widersprüche der Gegenwart reduzieren können und klare Parolen formulieren: Deutschland den Deutschen etwa, heute etwas sarrazinesker verpackt. sei für Herrn Diez noch ergänzt, dass solche Forderung kein Alleinstellungsmerkmal ominöser "Rechter", sondern auch in der linken, bunten, vielfältigen, diversen Ecke zu Hause ist, dort nur etwas gefälliger heißt und vorzugsweise dann angemahnt wird, wenn die Buntheit, Vielfalt und Diversity ins eigene Karree einzubrechen droht: Die "lang gewachsene Kreuzberger Mischung erhalten" (http://www.achgut.com/artikel/wie_in_kreuzberg_das_Narrativ-der_guten_kollabiert)
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