Literaten Der Pass des Anarchisten

Nach dem Verlust seiner Staatsbürgerschaft kämpft der zumeist auf Jamaika lebende Schriftsteller Peter-Paul Zahl darum, wieder Deutscher zu werden: Ein bizarres bürokratisches Possenspiel, das allerdings für den Betroffenen weniger amüsant ist.

Von


Autor Zahl: Kein Zubrot mehr
Enno Kapitza

Autor Zahl: Kein Zubrot mehr

Als Peter-Paul Zahl im September 2002 die deutsche Botschaft in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston aufsuchte, ahnte er nichts Böses. Der Schriftsteller, der mit seinem Roman "Die Glücklichen" der alltäglichen Anarchie im Berlin-Kreuzberg der siebziger Jahre ein literarisches Denkmal gesetzt hat, wollte sich ein paar Dokumente beglaubigen lassen. Doch eine resolute Regierungsamtfrau mochte sich mit dem Ansinnen des Literaten erst gar nicht befassen. Seine deutsche Staatsbürgerschaft sei erloschen, erklärte sie ihm, Zahl besitze deshalb zu Unrecht einen deutschen Pass, den er umgehend abzuliefern habe.

Als die Diplomatin gar mit Zwangsmaßnahmen drohte, rückte Zahl, 60, der seit 1985 den größten Teil des Jahres auf der Karibik-Insel lebt, zunächst seinen schmucken Euro-Pass heraus. Dann begann er sich zu ärgern. Nicht, dass der Dichter ein mustergültiger Deutscher wäre - der bekennende Anarchist wurde in 1976 nach einer Schießerei mit Polizisten zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt - doch eine solche "klammheimliche Ausbürgerung" mochte er auch nicht hinnehmen.

Seit anderthalb Jahren kämpft der Dichter deshalb darum, wieder Deutscher zu werden. Schließlich schreibt er auf Deutsch, arbeitet regelmäßig in Deutschland, hat hier sowohl erwachsene Kinder, als auch Grundeigentum und bezahlt brav Steuern. Zunächst legte Zahl Klage gegen das Auswärtige Amt wegen "Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit und Abnahme meines Reisepasses" ein. Das Berliner Verwaltungsgericht allerdings macht bislang keinerlei Anstalten, sich in dem Casus "Zahl./.BRD" zu einer Entscheidung durchzuringen.

Nicht ganz unschuldig an der Heimatlosigkeit

Darüber hinaus beantragte der Schriftsteller, der in Deutschland rund 30 Bücher veröffentlicht hat und in sieben Sprachen übersetzt wurde, beim Bundesverwaltungsamt seine "Wiedereinbürgerung in den deutschen Staatsverband". Die Kölner Beamten jedoch beschäftigten sich wegen der Vorstrafen des Anarchisten erst gar nicht mit dem Antrag. Der Rechtsstaat schlägt eben auch mit Verspätung zurück.

Dabei ist Zahl, wie er durchaus selbstkritisch einräumt, an seiner Heimatlosigkeit nicht ganz unschuldig. Als er im Herbst 1994 von der Frankfurter Buchmesse nach Jamaika zurückkehrte, nahm ihn ein Beamter bei der Passkontrolle beiseite. "Sie leben hier", sagte der Mann von der Immigration, "Sie haben zwei Kinder hier und sprechen unserer Sprache Patois. Bringen Sie ihre Angelegenheiten mal in Ordnung und beantragen Sie einen Pass."

Nicht viel später bekam Zahl, dessen Sammlung karibischer Volksmärchen vom ehemaligen Kulturminister Jamaikas verlegt wurde, einen Pass des Inselstaats. Was er nicht wusste: Mit dem Erwerb einer neuen Staatsbürgerschaft erlosch nach dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz seine deutsche automatisch.

Im Gegensatz zu einigen deutschen Bekannten Zahls, die problemlos mit zwei Pässen auf Jamaika leben, hatte der Dichter es versäumt, bei seiner heimischen Meldebehörde in Ratingen bei Düsseldorf um eine "Beibehaltungsgenehmigung" nachzusuchen.

Konsequent legte ein Jurist des Auswärtigen Amtes inzwischen in einer Klageerwiderung dem Berliner Verwaltungsgericht dar, warum der Reisepass gänzlich rechtens entzogen wurde. Und als wäre das nicht genug: Zahls "Eigenschaft als Deutscher" stehe ja nicht fest.

"Lieber Joschka"

Um eine unbürokratische, schnellere Erledigung der zähen Angelegenheit voranzubringen, schrieb Zahl sogar an den Außenminister ("Lieber Joschka"), doch der einstige Genosse half ihm ebenso wenig wie Joscha Schmierer, der zwar einst als gläubiger Maoist dem Massenmörder Pol Pot einen Solidaritätsbesuch abstattete und heute, umfassend geläutert, im Planungsstab des Außenministeriums arbeitet.

Zunächst hatte Zahl die Auseinandersetzung um sein Deutschsein als bürokratisches Possenspiel zu goutieren versucht, doch inzwischen beschert ihm der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft finanzielle Probleme. Wenn er nämlich mit seinem jamaikanischen Pass in seine Heimat einreist, darf er hier nicht mehr arbeiten, mithin keine Theaterstücke mehr inszenieren. Damit hatte er sich lange ein Zubrot zu den eher kärglichen Buchhonoraren verdient.

Zahl, den das intellektuelle Musikmagazin "Spex" als "Fossil im Exil" charakterisierte, sieht sich als politisches Opfer deutscher Bürokraten und zitiert gerne Bertolt Brecht. "Der Pass ist der edelste Teil des Menschen", schrieb der von den Nazis ausgebürgerte Kommunist. "Er kommt nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch."

Ansonsten sitzt Zahl in Long Bay auf der Terrasse vor seinem Häuschen mit Blick auf die blaue Karibik und zeigt sich störrisch wie einst als Kreuzberger Anarchist. Weil seine Großmutter und Mutter jüdisch waren, glaubt der Literat, könnte er vielleicht auf einem Umweg wieder in den Besitz eines deutschen Passes gelangen: Wenn er zunächst die israelische Staatsbürgerschaft beantrage und bekomme, könnten ihm anschließend die Deutschen ihre nicht verweigern. "Aber so lange der Scharon seine Mauer nicht abbaut", sagt Zahl, "will ich kein Israeli werden."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.