Literaten und der Luftkrieg: "Es war das eigentlich Nicht-Mögliche"

Von Volker Hage

Vor 60 Jahren entfachte die alliierte "Operation Gomorrha" in Hamburg einen wahrhaft biblischen Feuersturm, der zehntausende Opfer forderte. Entgegen der These des Schriftstellers W.G. Sebald haben deutsche Literaten auf die Schrecken des Luftkriegs keineswegs mit sprachlosem Entsetzen reagiert.

Bronzestatue "Friedensgebet" von Edith Breckwoldt vor der Ruine der Hamburger Nikolai-Kirche:  "Es war das eigentlich Nicht-Mögliche"
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Bronzestatue "Friedensgebet" von Edith Breckwoldt vor der Ruine der Hamburger Nikolai-Kirche: "Es war das eigentlich Nicht-Mögliche"

Ruinen, Trümmergrundstücke und Brachland bestimmten noch ein Dutzend und mehr Jahre nach 1945 nicht nur in Hamburg das Bild. Jene weißen Pfeile neben den Haustüren, die nach unten in ehemalige Luftschutzkeller wiesen, sind erst Jahrzehnte später endgültig von den Fassaden und der Bildfläche verschwunden; viele der damals gebauten Bunker stehen bis heute. Für die Nachkriegskinder war der Anblick so vertraut, dass manche ihn "für eine sozusagen natürliche Gegebenheit aller größeren Städte" halten mochten - wie es später der Schriftsteller W. G. Sebald, Jahrgang 1944, formuliert hat, für den in jungen Jahren "Schutthalden, Brandmauern und Fensterlöcher" geradezu Stadt definierten.

Sebald war es auch, der Ende der neunziger Jahre in einer Poetikvorlesung (und danach in einem Buch) zu der Überzeugung kam, dass in der deutschen Literatur das Thema der Bombennächte weitgehend ausgespart worden sei - Grund war nach seiner Meinung: "das über die äußere und innere Zerstörung verhängte Tabu". Überhaupt wollte es ihm nahezu unmöglich vorkommen, "die Tiefen der Traumatisierung in den Seelen derer auszuloten, die aus den Epizentren der Katastrophe entkamen".

Also lieber davon schweigen? Der Begriff "Katastrophe" war schon den Hamburger Zeitzeugen im Sommer 1943 sogleich zur Hand: Der abschließende interne Polizeibericht vom Dezember ("Nur für den Dienstgebrauch!") trug in der Anlage "Erfahrungen" die Überschrift "Die Hamburger Luftangriffs-Katastrophe im Juli-August 1943". Der Schriftsteller Hans Erich Nossack nannte seinen eigenen, ebenfalls im Dezember 1943 abgeschlossenen, erst nach dem Krieg publizierten Bericht schlicht "Der Untergang" - und er fragte sich schon damals verzweifelt, ob man das "Bild der völligen Verwüstung", das sich ihm in seiner Heimatstadt in den Tagen nach jenen Angriffen bot, überhaupt der Nachwelt vermitteln sollte: "Wozu dies alles niederschreiben? Wäre es nicht besser, es für alle Zeiten der Vergessenheit preiszugeben?"

Der Schock saß tief, und Nossack, der mit seiner Wohnung auch fast alle Manuskripte und Tagebücher verloren hatte, konnte ihm nur begegnen, indem er wie ein Chronist, um äußerste Nüchternheit und Sachlichkeit bemüht, notierte, was er sah und hörte: "Was uns umgab, erinnerte in keiner Weise an das Verlorene. Es hatte nichts damit zu tun. Es war etwas anderes, es war das Fremde, es war das eigentlich Nicht-Mögliche." Der klare, unpathetische Stil macht seinen Bericht zu einem Musterfall einer auch nach Jahrzehnten noch überzeugenden Darstellung des verheerenden Luftangriffs - oder besser: von dessen Folgen, denn Nossack, der das eigentliche Bombardement nicht in Hamburg selbst, sondern zufällig vor den Toren der Stadt erlebte, lässt den eigentlichen Schrecken nur indirekt, durch die Erzählungen von anderen einfließen - "was sie erzählen, wenn sie überhaupt davon sprechen, ist so unvorstellbar grauenhaft, dass es nicht zu begreifen ist, wie sie es bestehen konnten".

Seit britische Bomber die Hansestadt zum ersten Mal angeflogen hatten (am 18. Mai 1940 waren dabei 34 Menschen getötet worden), waren bis zum Juli 1943 insgesamt 137 Angriffe auf die Stadt registriert worden. Und doch war niemand in Hamburg - und wohl auch sonst nirgendwo auf der Welt (die alliierten Planungsstäbe inbegriffen) - auf das vorbereitet, was mit dem 138. Angriff in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli begann und mit dem 144. Angriff in der Nacht vom 2. zum 3. August endete (es folgten bis Mai 1945 noch mehr als 70 Bombardements, ohne eine annähernd vergleichbare Wirkung zu erzielen). Selbst der "Jahrtausend"-Angriff auf Köln im Vorjahr, Deckname "Millennium", der erste Luftangriff mit mehr als 1000 Bombern, war im Endeffekt nichts im Vergleich zu dem, was Hamburg bevorstand - wobei übrigens schon diese gigantische Attacke vom Mai 1942 ursprünglich der Großstadt im Norden gelten sollte: Schlechtes Wetter über der Alster ließ das britische Bomber-Kommando damals davon Abstand nehmen, die Hansestadt pünktlich 100 Jahre nach dem großen Hamburger Brand von 1842 anzufliegen.

Hamburger Straßenszene nach dem Feuersturm: "Qualm stieg von der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen"
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Hamburger Straßenszene nach dem Feuersturm: "Qualm stieg von der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen"

Allein drei der nächtlichen Angriffe auf Hamburg, geflogen im Sommer 1943 von Piloten der RAF (der britischen Royal Air Force; die US-Bomber griffen tagsüber Ziele im Hafen an), ließen am Boden jeweils mehr als 10.000 Tote zurück, und bei einem davon wiederum - dieser Angriff mit 729 Maschinen begann am 27. Juli um 23 Uhr 40 - entstand zum ersten Mal in der Kriegs- und Menschheitsgeschichte das, was später als "Feuersturm" zum Begriff wurde und in seinen Auswirkungen vielleicht sichtbar, aber letztlich nicht begreifbar war und ist. Dass in dieser Nacht gut 18.000 Menschen im Südosten der Stadt (auf rund zwölf Quadratkilometer Fläche) verbrannten, erstickten, in den Kanälen ertranken und von Trümmern und Splittern erschlagen wurden, ist am Ende nur eine Zahl - wie auch die der mehr als 40.000 Toten bei dieser von den Alliierten ahnungsvoll "Gomorrha" genannten Operation insgesamt. Vollends zur puren Statistik wird der immense Verlust an Wohnraum.

Dass das Ergebnis dieser Angriffswellen tatsächlich "biblische Ausmaße" gewinnen würde, wie es einer der Augenzeugen in Hamburg, der Schriftsteller Walter Kempowski später formulierte, war auch von alliierter Seite nicht vorauszusehen. "Qualm stieg von der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen", heißt es im 19. Kapitel des ersten Buches Moses, wo beschrieben ist, wie Schwefel und Feuer vom Himmel auf die Städte Sodom und Gomorrha regnen: In Hamburg waren es im Juli 1943 die hochsommerlichen Temperaturen (sie hielten sich auch nachts bei bis zu 30 Grad Celsius), die zur Umsetzung der biblischen Vorgabe führten - "darauf folgten atmosphärische Reaktionen in Stärke eines Pazifikorkans, der drei Stunden raste, dann war nichts Brennbares mehr vorhanden", so beschreibt es der Historiker Jörg Friedrich in seinem Buch "Der Brand". Die alliierten Luftverbände mussten nur noch ihre Unmengen von Spreng- und Brandbomben abwerfen: "Mit einem Schlag liefert ihnen ein undurchschaubares Zusammenspiel ihrer Waffe mit der Wucht der Elemente Zerstörungsdimensionen, wie sie zuvor nur in Papieren, doch nie am Kriegsschauplatz auftraten." Ein Schlot von Feuer und Rauch erhob sich rund sieben Kilometer in die Luft.

Schriftsteller Sebald: "Mehr, als man aushalten kann"
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Schriftsteller Sebald: "Mehr, als man aushalten kann"

Wer noch konnte, verließ daraufhin die Stadt, die schon Anfang August 1943 weitgehend entvölkert war. Friedrich, Jahrgang 1944, berichtet als Nachgeborener zugespitzt: "900.000 Personen flohen das qualmende Häusergerippe, in dem die Rattenplage das einzig Lebendige war." Bis zum 4. August waren allein mit Sonderzügen rund 700.000 Menschen dem Schreckensort entflohen, zusätzlich noch einmal mehr als 100.000 auf rasch bereitgestellten Schiffen - ein Exodus, der innerhalb so kurzer Zeit wohl ebenfalls ohne Beispiel war. Ob in Berlin, Bayreuth oder Dresden: überall tauchten in diesen Tagen die erschöpften und entgeisterten Hamburger auf und "tragen Berichte des Grauens ins ganze Reich", wie am 30. Juli Ursula von Kardorff in ihr Tagebuch schreibt. Die Berliner Journalistin notiert am selben Tag: "In Hamburg sollen ganze Viertel wie ein Feuermeer gewesen sein, die Menschen blieben im flüssigen Asphalt stecken, erstickten im Feuersturm, weil er den Sauerstoff fortnahm." In Dresden vermerkt am 17. August Victor Klemperer in seinem Tagebuch: "Hamburg, dessen Flüchtlinge zahlreich hierher kommen - Frauen im Nachthemd, nur einen Mantel darüber -, wirkt auf alle verstörend."

Es sprach sich in der Welt schnell herum, dass sich in und über Hamburg etwas bislang nie Dagewesenes ereignet hatte. Ob Ernst Jünger, Wehrmachtssoldat in Paris, oder Bertolt Brecht, Exilant in den USA - in ihren Tagebüchern ist die Erschütterung spürbar. In New York referiert der Schriftsteller Julien Green in seinem Tagebuch kommentarlos eine Meldung aus Stockholm (die er der "New York Times" vom 5. August entnommen hat): "Ein deutsches Kind, Flüchtling aus Hamburg, erreicht die Grenze nach der grauenvollen Bombardierung Hamburgs durch die RAF. Das Kind ist zwölf Jahre alt. Es trägt zwei Säcke, die es vor den Zöllnern öffnen muss; der erste enthält die Kaninchen des kleinen Jungen, der zweite den Leichnam seines zweijährigen Bruders."

Die Frage, ob am Ende nur Zeit- und Augenzeugen dazu berufen sind, ein dermaßen bedrückendes, den Nachgeborenen nur schwer vorstellbares Geschehen zu beschreiben, drängt sich immer wieder auf. "Von dem Grauen selber wissen nur jene, die dem Glutatem des Feuersturms entrannen", befand etwa 1950 Otto Erich Kiesel. Der Skeptiker Sebald hat gegen solche Erwägungen einen grundsätzlichen Einwand gemacht, indem er feststellt: "Das anscheinend unbeschadete Weiterfunktionieren der Normalsprache in den meisten Augenzeugenberichten ruft Zweifel herauf an der Authentizität der in ihr aufgehobenen Erfahrung." Es komme ihm überhaupt unwahrscheinlich vor, dass jemand, der einem Feuersturm entronnen ist, "davongekommen sein soll mit ungetrübtem Verstand".

Zerstörter Hamburger Stadtteil Eilbek: "900.000 Personen flohen das qualmende Häusergerippe"
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Zerstörter Hamburger Stadtteil Eilbek: "900.000 Personen flohen das qualmende Häusergerippe"

Und doch hat gerade Sebald in einer kurzen Passage seines Essays über "Luftkrieg und Literatur" vorgeführt, dass eine erzählerische Annäherung auch dem Nachgeborenen möglich ist: Auf wenigen Seiten zeichnet er den Hamburger Feuersturm höchst eindrucksvoll nach, getreu dem eigenen Anspruch, dass die Berichte der Augenzeugen durch einen "synoptischen, künstlichen Blick" ergänzt werden müssten. Ohne den distanzierten Blick aufzugeben, taucht der Erzähler tief hinein in die Hölle der Vergangenheit.

Es sind nur wenige Seiten, auf denen Sebald, der 2001 bei einem Autounfall ums Leben kam, vom Theoretiker des Luftkriegs zum Erzähler wird, aber sie zeigen doch, was vielleicht auch hinter seinen Thesen von der unzureichenden Nachkriegsliteratur steht: der Wunsch, dass die Lücke noch gefüllt werde, die Hoffnung, vielleicht sogar selbst die recherchierten Fakten irgendwann in literarische Form überführen zu können. Dazu ist er in größerem Maßstab nicht mehr gekommen - vielleicht hätte die Trostlosigkeit solcher Szenen ihn auch, wie andere, vorzeitig erschöpft. In einem Interview, wenige Monate nach Erscheinen seines Buches "Luftkrieg und Literatur", hat er geäußert: Man könne sich "mit all diesen Dingen" nicht sehr lange beschäftigen, "ohne Schaden zu nehmen, auch an der eigenen Gesundheit". Selbst wenn man nur versuche, "das zu skizzieren", sei das eigentlich mehr, "als man aushalten kann".

Dennoch: was Hamburg angeht, lässt sich von einer thematischen Lücke in der deutschen Literatur kaum sprechen. Geschrieben worden ist viel über die Juli-Nächte 1943 - erstaunlich ist, wie viel davon schnell wieder in Vergessenheit geriet. Das mag zum Teil mit der literarischen Qualität zu tun haben (ein Text wie Nossacks "Untergang" bleibt eine gültige, zu Recht viel gerühmte Darstellung der Tragödie), es hat aber gewiss auch mit einer prinzipiellen, bis heute anhaltenden Abwehr des Themas zu tun. Niemand wohl kann die Schreckensschilderungen lesen, ohne irgendwann genug davon zu haben - und zwar fast unabhängig von der Frage der Darstellungsweise.

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