S.P.O.N. - Der Kritiker Wir wärmen uns am Gestern

Die Literatur schwelgt in der Vergangenheit, weil die Literaten Angst vor der Gegenwart haben - so wie Buchpreisträger Lutz Seiler und auch Nobelpreisträger Patrick Modiano.

Eine Kolumne von

Buchpreisgewinner Lutz Seiler: Plumpfüßiges Epos
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Buchpreisgewinner Lutz Seiler: Plumpfüßiges Epos


Der ästhetische und strukturelle Konservatismus der Buchbranche ist beeindruckend - und wenn nun der digitale Tsunami jede einzelne der Gewissheiten, die es so gar nicht gab, wegspült, dann hält man sich eben an allem fest, was schwer ist und trotzdem schwimmt, und sei es ein Roman, der auch noch "Kruso" heißt.

"Kruso" wegen Robinson Crusoe. Und weil der Roman auf einer Insel spielt. Und weil auch die Literatur so eine Insel ist. Und weil die Verschworenen der Literatur eine andere Welt schaffen, egal ob draußen die DDR droht oder der Kapitalismus wütet. Und weil diese Gegenwelten etwas an Wärme und Rotweinhaftigkeit bieten, in diesen "Zeiten des abnehmenden Lichts".

So hieß ein anderer DDR-Roman, der - wie dieses Jahr Lutz Seiler und sein treibsandiges, schwermütiges, plumpfüßiges Hiddensee-Vorwende-Trakl-Abspüler-Gegenweltler-Epos "Kruso" - mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Ein Preis, der sich langsam zu einer Art branchenfinanzierter und weltkulturerbiger Rettungsgemeinschaft für den Roman verwandelt, in seiner spezifisch deutschen Form der Ernsthaftigkeit, das heißt: durcharbeiten, aufarbeiten, reinwühlen, Hauptsache tief und klumpig.

Die Trümmer der Vergangenheit

Leichtigkeit ist nichts, wofür man diesen in Verkaufszahlen sehr wirkungsvollen Preis gewinnt, Eleganz nicht und Gegenwart auch nicht - es muss schon mindestens eine deutsche Diktatur sein, so war das in drei der letzten vier Jahre: "Abenteuerromane" hat Andreas Platthaus diese Bücher genannt und auf die spezifische Funktion hingewiesen, die besonders die DDR-Buchpreisromane haben bei der Konstruktion einer neuen und künstlichen, rückwärtsgewandten gesamtdeutschen Identität.

Während draußen also die Welt in Trümmer geht, scharen sich die Literaten, die sich selbst in guter Geheimbundart als solche erkennen, um die Trümmer der Vergangenheit und schauen und staunen, wie da jemand aus diesen Trümmern etwas konstruiert, das die Wirklichkeit durch einen Ausschnitt ersetzt und die Vergangenheit zum Teil ordentlich verklärt, die DDR etwa in Uwe Tellkamps "Turm", Buchpreisträger 2008.

Diese Feier des Unpolitischen, diese Erzählung von bildungsbürgerlich verschworenen Gemeinschaften, die ein Gegengewicht und Gegenbild zum Sturm der Geschichte bilden, aber auch zum Tosen der Massengesellschaft und zu den realen Verbrechen von realen Menschen, diese Feier des Unpolitischen ist dabei ganz und gar nicht unpolitisch.

Sie formt ein Dogma, das fast schon eine Ideologie ist - denn wenn die Gegenwart der Feind ist oder wenigstens nicht preiswürdig, weil zu schmutzig und zu hässlich, dann fehlt auch das Moment, das Neue zu erkennen oder die Veränderung zu ermöglichen. Der Roman - der ja von John Dos Passos bis Alfred Döblin, von F. Scott Fitzgerald bis Jörg Fauser, von James Joyce bis David Foster Wallace schon viel weiter war - wird so letztlich seiner ästhetischen Möglichkeiten und auch seiner gesellschaftlichen Brisanz beraubt.

Flüchtig wie die Erinnerung

Auf ganz andere Art passt auch die an sich sympathische Nobel-Entscheidung für den Franzosen Patrick Modiano dazu: Leicht sind sie und auch elegant, seine Romane, flüchtig auf eine Art und Weise, wie es die Erinnerung eben ist. Sie beschwören die Vergangenheit, aber nicht schwerfällig, sie sind privatistisch, und warum auch nicht?

Aber im Vergleich etwa zum Erkenntnisschock, den Michel Houellebecqs Schreiben bedeutet, der den Roman seit 20 Jahren immer wieder neu und aufregend anders definiert, als Mittel der Provokation und der Recherche, des Reflektierens und des Polemisierens, im Vergleich dazu ist Modianos Werk doch recht harmlos.

Houellebecq aber, der ein toller Nobelpreisträger gewesen wäre, ist niemand, der Kritiker, Jurys, den ganzen Literaturbetrieb braucht oder mag - und das ist schwer zu ertragen für diesen geltungssüchtigen, gern gekränkten und narzisstisch verbohrten Betrieb, das macht Houellebecq unsympathisch und suspekt.

Die Dynamik der gegenwärtigen Veränderungen führt aber dazu, den Zusammenhalt zu beschwören - deshalb etwa die große und fast schon gedankenlose Einigkeit aller, also ALLER in der Buchbranche im Kampf gegen Amazon, den Konzern, der ja das unbedingte Böse des Internets verkörpert.

Das ist der Hintergrund, vor dem der ästhetische Konservatismus eines Romans wie "Kruso" zelebriert wird und erklärbar wird: der digitale, wirtschaftliche, möglicherweise auch politische Epochenbruch. Dieser Roman, der Roman an sich, so wie er gerade definiert wird, ist damit vor allem eine Schutzbehauptung der Erinnerung.

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insgesamt 26 Beiträge
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licorne 10.10.2014
1. Wer bestimmt, was preiswürdig ist?
Durch den Rückblick aus der Gegenwart lässt sich die Geschichte im Kontext besser einordnen. Das hat nichts mit Wohlfühlliteratur, Gegenwartsangst oder Amazonpanik zu tun. Experimentelle Literatur hat es sicher schwerer, ihren Weg zu finden und da biietetdas Internet bessere Verbreitungsmöglichkeiten. Fitzgeralds Salonliteratur oder James Joyces Langatmigkeit sind nun wirklich keine guten Beispiele für neue Literatur. Den Bogen von Seiler und dem dtsch Buchpreis über den Nobelpreisträger Modiano hin zu Amazonuntauglichkeit zu ziehen, ist schon abenteuerlich.
gerlijuli 10.10.2014
2.
Während die "Welt in Trümmer" geht, scharen sich andere um die "Trümmer der Vergangenheit", schreiben Sie, Herr Diez. Und der Roman als solcher, jedenfalls jene, von denen Sie schreiben, sei leider nicht brisant genug, um dieser Trümmerwelt was Adäquates entgegenzusetzen. Es ist verworren, was Sie da mitteilen, jedenfalls ist am wenigsten von Kunst die Rede, davon, mit welchen Mitteln einer das komponiert, was er darstellt, und ob das einander entspricht. Wer sagt, es solle doch lieber was anderes geschrieben werden, als geschrieben wurde - und wer anderes als preiswürdig empfunden werden, als es nun mal geschehen ist, der sieht meistens nicht besonders souverän aus. Es könnte doch sein, daß es, auf ihre Art, ganz gute Bücher sind, das von Herrn Seiler, und die von Monsieur Modiano?! Und daß Ihnen, Herr Diez, nur "Trümmer" den Weg verstellen, das wahrzunehmen? Und es könnte auch sein, daß es noch andere Bücher gibt als jene, die Sie kennen, Herr Diez, also andere als die von Monsieur Houellebecq. Auf meiner Liste stünde z.B. "Fleur" von Benito Wogatzki. Habe ich gerade gelesen: modern und rasant geschrieben: Montagen, skurrile Wahrnehmungen, schmissige Dialoge...; handelt in der Gegenwart: Brüssel, Europa-Dinge, Lobbyisten und Taschendiebe, eine schöne Frau, sowas eben. Und hat sogar eine Vergangenheit, kommt von wo, ist nicht wurzellos. Und ist übrigens sehr zum Lachen! Seltsam, nicht? Sollten Sie mal lesen!
Werner Holt 10.10.2014
3. Völlig richtig
Ich habe dies bei SPON schon vor Jahren geschrieben. Die gesellschaftliche Realität des hier, heute und jetzt wird in keinster Weise literarisch reflektiert. Und falls doch, geht es lediglich um eine individuelle Bauchnabelschau um eine verkorkste Kindheit oder verlorene Liebe. Gesellschaftlich Fragwürdiges oder politisch Unkorrektes ( Mit Ausnahme rechter Hetzkampagnen ala Sarrazin / Auch Publizistik und Journaillistik gehören zur Literatur ) fehlen völlig oder fallen in Ungnade wie z.B. Robert Kurz oder Daniela Dahn, die Niemand kennt, was kein Zufall ist.
jackdrei 10.10.2014
4. Umschrift
Man könnte aber auch schreiben: Der Literaturblog schwelgt in der Gegenwart, weil der Blogger Angst vor der Vergangenheit hat - so wie Kritiker Georg Diez und andere Kolumnisten. Der ästhetische und strukturelle Avantgardismus der Buchblogger ist beeindruckend - und wenn wieder einmal ein analoger Roman jede einzelne der Gewissheiten, die es so gar nicht gab, wegspült, dann hält man sich eben an allem fest, was leicht zu machen ist und trotzdem schwimmt, und sei es eine Kritik ohne Zitate oder einfach an der schlimmen unliterarischen Welt da draußen.
brille000 11.10.2014
5. Nicht der Mühe wert
Da wollte ich mir mal die Mühe machen und versuchen zu ergründen, was denn der Herr Diez so über Literatur und Literaten so schreibt. Nun, ich habe es wirklich versucht, dieses neokratische Gestammel wenigstens zu lesen. Es inhaltlich zu erfassen, nun, diese Mühe habe ich mir dann doch nicht gemacht. Ich weiss nun garnicht, was uns der Diez damit sagen will oder wollte oder noch wird ... egal halt, wie alles, was der Diez so von sich gibt. Nacht ... .
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