Literatur zur Sendung Bleiben Sie dran, blättern Sie um!

Ob GZSZ, DSDS oder Pfarrer Fliege: Fast jede TV-Sendung hat heutzutage ein Begleitbuch oder -Magazin. "Medienverbundliteratur" nennt sich diese Cross-Promotion zwischen Schundroman und Fanpostille - eine lukrative Marketing-Maßnahme, auch wenn der Markt fast überquillt.

Von Jan Freitag


Von wegen: Die Deutschen lesen nicht, sie sehen lieber fern. Bücher müssen nur nach Glotze klingen, schon schmökern auch Literaturverweigerer. "Er zog Beatrice zu sich heran, strich ihr andeutungsweise über den Oberarm, fasst zärtlich ihren Nacken und drückte ihr einen langen Kuss auf die Lippen." Diese holprige Passage der Romanze "Liebe gut eingefädelt" erinnert nicht nur stilistisch an ARD-Schmonzetten - es ist eine.

Das Script der Reihe "Lilly Schönauer" wurde vom vgs-Verlag in eine Art Groschenroman verwandelt. Gedrucktes Fernsehen also. "Medienverbundliteratur" heißt diese Quervermarktung populärer TV-Formate im Printbereich. Und die ist so lukrativ wie neu.

Bediente sich das Fernsehprogramm bis in die achtziger Jahre ausschließlich bei der Literatur, so läuft es mittlerweile andersrum. Jede nennenswerte Serie landet irgendwann im Buchladen, selbst Filme, Shows und Ratgeber erscheinen eher früher als später auf Papier. "Sobald ein Thema im TV einen bestimmten Hype erreicht hat", sagt Daniela Stehle, beim Panini-Verlag zuständig für Cross-Promotion dieser Art, "decken wir den Infobedarf der Zielgruppe mit einem Magazin oder anderen Printprodukten".

Nach diesem Prinzip bringen die Sammelbildexperten von "CSI" über "Teletubbies" bis hin zu "Gute Zeiten, schlechten Zeiten" theoretisch alles auf den Lesemarkt, was vorab flimmert. Allein das monatliche GZSZ-Magazin ging seit 1995 rund 35 Millionen Mal über die Theken. Und der Berliner Verleger Oliver Schwarzkopf profitiert noch immer von seinem "Kracher": 100.000 verkaufte Begleitbücher zu "Sex and the City". Refinanziert hätte es sich bereits bei 3000 Exemplaren.

Neben der Egmont-Sparte vgs oder dem kleinen Heel-Verlag hat sich Schwarzkopf geradezu darauf spezialisiert, die Programmzeitschriften nach adaptionstauglichen Sendungen aller Kanäle abzugrasen, vornehmlich mit Nostalgischem von "Columbo" bis "Ekel Alfred". Ein Format müsse drei Kriterien erfüllen, sagt Heel-Sprecherin Corinna Tandonnet: "Kultstatus, hohe Einschaltquoten, gute Präsenz des Themas". Und weil Ally McBeal dies seinerzeit bestens erfüllte, hat sich die kleine Firma aus Königswinter mit dem offiziellsten aller Bücher geradezu saniert.

Gerangel um die quotenstärksten Formate

Was vor 30 Jahren mit Comics von "Maja" und "Heidi" noch zaghaft begann, ist längst integraler Bestandteil gegenseitiger PR-Konzepte – Medienverbundliteratur als Werbeträger fürs Fernsehen und umgekehrt. Für hohe Auflagen sollte sie folgende Zutaten enthalten: Starfotos, Making-of-Strecken, Episodenguides. Mit diesen Standards, ergänzt um Bonbons wie den "Sieben tollsten Sexszenen", hat es der kleine Querverlag geschafft, die Startauflage von 5000 Begleitbänden zur Lesbenserie "The L-Word" sofort abzusetzen.

Fernsehbücher tun gut daran, sich ein Stück weit vom TV-Motiv emanzipieren. So wie bei der Bestatterserie "Six Feet Under". Schwarzkopf ließ die Familienchronik der Fishers darin im Buch kurzerhand weiterspinnen. "Man muss über die Infos in Zeitschriften hinausgehen", sagt auch Corinna Tandonnet. Serienguides ohne kreative Ergänzungen funktionieren so wenig wie Bildbände ohne Text.

So enthält "Das Wunder von Berlin" in Lizenz der ZDF-Enterprises übers lesbar gemachte Drehbuch hinaus eine Chronik des Mauerfalls. Der Velber-Verlag generiert aus der Sat.1-Show "Clever!" Experimente für daheim und vgs aus "Das perfekte Dinner" Menüleitfäden, die eigentlich nur das Logo mit der Kochsoap gemein haben. Die telegene Pokerwelle schlug sich sofort im Printsektor nieder, Rowohlt lässt die Pro7-Halbwissenssause "Galileo" als "Physik unter der Dusche" nachbasteln, und "Die kleine House-Apotheke" hat mit Michael Reufsteck gerade ein echter TV-Experte verfasst. An die quotenstärksten Serien lässt man eben keine Laien.

In Prosaform gegossen

Doch obwohl das Glossar seltsamer Krankheiten mit Filmzitaten des hinkenden Arztes gute Verkaufszahlen verheißt, ist der Wettbewerb laut Volker Busch von vgs härter geworden. Bis zu acht Prozent vom Ladenpreis erhalten Lizenzgeber vom Verlag, der Sender kassiert auch, und da die Vorschüsse proportional zur Einschaltquote steigen, "geht die Kalkulation oft kaum noch auf". Schließlich wächst nicht nur die bloße Zahl der Fernsehbücher, sondern auch jener, die sie drucken. Die offiziellen Rechte an "Desperate Housewifes" etwa hat sich Fischer gesichert, dessen Frauensparte Krüger ansonsten mit Medienverbundliteratur so wenig zu tun hat wie Heyne, der ein fades Stückwerk zur Hausfrauenserie herausgab.

Der Drang zur Zweitverwertung geht so weit, dass sie bereits in Serienkonzepte fließt. Belangloses wie "Schmetterlinge im Bauch" (Sat.1) wurde bei vgs parallel in Prosaform gegossen, während die Heftromanfabrik Cora auch dann "Lotta in Love" fortsetzte, als die Serie bei Pro7 aufs Abstellgleis lief. Marktgrößen von Ullstein bis Rowohlt wildern im lukrativen Fach, das ZDF lanciert Knopps Histotainment oft Wochen zuvor schriftlich. Und wer die 1000. Folge der "Lindenstraße" nicht abwarten wollte, konnte deren Inhalt schon einige Episoden vorher im Folianten des Schwarzkopf-Verlags einsehen – für 149 Euro sogar im schicken Schuber mit Autogrammen.

Vielen Fans versüßt Medienverbundliteratur wie diese die Zeit zur nächsten Staffel. Oder lindert den Trennungsschmerz. Das trifft importierte Quotenerfolge à la "Grey’s Anatomy" nicht weniger als ARD-eigene Rohrkrepierer wie "Das Geheimnis meines Vaters". Wenn zwei Liebende "in einem leidenschaftlichen Kuss" versinken und sich auch zum Schluss der 50. GZSZ-Adaption wünschen, "nie mehr aufzutauchen", kann der echte Fan ruhig einschlafen. Ganz ohne Fernseher.



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