Live-Art-Festival "Postspectaclism" in Hamburg: Hoch mit dem Hintern!

Von Tobias Becker

Selbst das Bühnenlicht bedienen, die Dialoge mitsprechen, in einer Pool-Installation planschen: Das Hamburger Theaterfestival "Postspectaclism" aktiviert die Zuschauer. Es will nicht einfach nur unterhalten - sondern politisch wirken.

Kampnagel-Theaterfestival: Erst reden, dann ausziehen Fotos
Vincent Cavaroc

Sich im Plüschsessel zurücklehnen, klugen und wahren und schönen Gedanken nachhängen, schöne Körper in schönen Kostümen goutieren, irgendwann im Rausch des Pausen-Proseccos wegdämmern - so sehen Theaterbesuche nicht selten aus. Kultur als kulinarischer Genuss. Als Konsum.

Die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel geht dagegen nun einmal mehr an: Vom 30. Mai bis 9. Juni lässt das vierte Live Art Festival den Gästen keine Ruhe. Es verwandelt Zuschauer in Teilnehmer. Ob sie wollen oder nicht.

Die Kuratorinnen Nadine Jessen und Melanie Zimmermann haben das Festival mit dem Motto "Postspectaclism" überschrieben, einer Wortschöpfung, die auf die Theorien der "Situationistischen Internationale" verweist. Die linksradikale Künstler- und Intellektuellengruppierung um Vordenker Guy Debord hatte 1960 in einem Manifest formuliert: "Gegen das Spektakel führt die verwirklichte situationistische Kultur die totale Beteiligung ein. Gegen die konservierte Kunst ist sie die Organisation des erlebten Augenblicks - ganz direkt." In der Situation sollte die Rolle des wenn nicht passiven so doch zumindest als bloßer Statist anwesenden Zuschauers verringert werden, während der Anteil derer zunehmen sollte, "die zwar nicht Schauspieler, aber in einem Sinn des Wortes Lebemänner genannt werden können."

Keine Angst vorm Mitmachtheater!

Jessen und Zimmermann haben daher vorwiegend Produktionen eingeladen, die keine Shows im klassischen Sinne sind, die sich also nicht an passive Kulturkonsumenten richten. Jeder Besucher ist mitverantwortlich für das, was abends geschieht - ein politisches Signal. "Alle unsere Produktionen gehen von emanzipierten und bewussten Besuchern aus", sagt Jessen. Vor klassischem Mitmachtheater - ein Schreckbild für viele konventionelle Stadttheatergänger - müsse sich dennoch niemand fürchten: "Bei uns werden keine Individuen rausgegriffen und vorgeführt, die Besucher sollen eher als Gruppe agieren."

So verteilt die estnische Choreografin Kroot Juurak in ihrer Performance "Scripted Smalltalk" Süßigkeiten und Wodka und Mikrofone - und lässt die Besucher dann gemeinsam Dialogskripte vortragen. Es sind Texte über Liebe, über TV-Serien - und über die Angst, als Zuschauer in Theaterproduktionen beteiligt zu werden.

Der in Holland lebende Künstler David Weber-Krebs verbindet jeden einzelnen Besucher seiner Performance "Tonight, Lights out!" per Lichtschalter mit einer von 80 Glühlampen, die als wolkenähnliche Skulptur über der Bühne schweben. Weber-Krebs gibt, so lässt es sich wohl buchstäblich beschreiben, die Dramaturgie des Abends aus der Hand.

Besucher planschen im Pool

Nun ist das Format Festival natürlich in der Regel ein prototypischer Bestandteil dessen, was Guy Debord als Gesellschaft des Spektakels gebrandmarkt hat, und so versuchen Jessen und Zimmermann, das Format neu zu denken. Sie begreifen Kampnagel nicht einfach als Repräsentations- und Abspielort, sondern wollen das Gelände als Lebensraum gestalten. Die Wiener Künstlerin Djana Covic errichtet draußen eine Swimming-Pool-Installation: zwei kleine Vulkankrater, Auffangbecken für die Besucher gewissermaßen, in denen sie rumhängen können und sogar planschen, in denen sie aber auch in kleine soziale Choreografien integriert werden.

Zudem entwerfen Urban-Design-Studierende der HafenCity Universität eine temporäre Wohninstallation in der Vorhalle, in der 80 Mitglieder der Young Performing Arts Lovers, eines europaweiten Netzwerks junger Zuschauer, während des Festivals leben und auch schlafen. "Auf so etwas ist ein Theater normalerweise nicht vorbereitet", sagt Jessen. "Das wird ein sozialer Ausnahmezustand, in dem wir alle Kompromisse eingehen müssen."

Die meisten Produktionen des Live Art Festivals sind recht klein, von recht unbekannten Künstlern, so dass sie nicht Teil des Festivalzirkus sind. Sie werden nicht von Stadt zu Stadt durchgereicht - und unterlaufen allein dadurch die Spektakel-Erwartungen des konventionellen Kulturpublikums.

Ganz ohne bekannte Namen kommt jedoch auch das Live Art Festival nicht aus: Constanza Macras ist zu Gast mit "Open For Everything", ihrer neuen, bislang größten Produktion, die Anfang Mai bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde; ihre Compagnie Dorky Park trifft darin auf Tänzer und Musiker aus der Volksgruppe der Roma. Zudem zeigt der französische Choreograf Xavier Le Roy seine Arbeit "Low Pieces". Ein Spektakel für Tanzkenner, das mag sein, aber eines, das die Besucher involviert: Das Ensemble bringt sich zunächst ins Gespräch mit dem Publikum - und zieht sich dann aus.

Die Show beginnt.


"Postspectaclism": Live-Art-Festival vom 30. Mai bis 9. Juni. Kulturfabrik Kampnagel Hamburg, Jarrestraße 20, Kartentelefon 040/270 949 49.

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