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"Live Earth" in New York: Mit dem SUV zum Klima-Woodstock

Aus East Rutherford berichtet

Es war die größte globale Rock-Show aller Zeiten: Bei "Live Earth" feierten sich Hunderttausende als Boten einer neuen Umweltbewegung. Nahe New York heizten Bon Jovi, The Police und andere Bands mehr als 50.000 Besucher fürs Klima an. Mit dem Öko-Bewusstsein nahmen es nicht alle so genau.

East Rutherford - Dass "Live Earth", nach langer Wanderschaft über Asien, Europa und Afrika, nun in den USA gelandet ist, zeigt sich gleich zu Beginn der Mammut-Show. Ein kleiner Werbeflieger kreist unermüdlich über dem Giants Stadium und schleppt ein Banner: "Glaubt Al Gore nicht. Fordert eine Debatte."

So einen Unsinn gibt es fast nur noch hier. Die Erderwärmungs-Leugner - gechartert hat das Flugzeug eine obskure Lobby mit Website zur "dunklen Seite der Umweltbewegung" - lassen auch heute nicht locker, am Tag des weltweiten Klima-Woodstocks. Doch im Giants Stadium in East Rutherford (New Jersey), im Schatten der Manhattan-Skyline, kratzen die Argumente von vorgestern keinen.

Wie zuvor schon in Shanghai, Tokio, Sydney, Johannesburg, Hamburg, London und Washington sowie später in Rio de Janeiro sind Zehntausende gekommen, um in praller Sommerhitze die Öko-Flagge zu hissen. Und um es den Berufszynikern und Profi-Skeptikern zu zeigen, die diese über sieben Kontinente gestreckte Mega-Show - die größte globale Entertainment-Veranstaltung aller Zeiten - so schnell vorab verspottet haben.

Zum Beispiel Jill und James aus Long Island. Sie rauschen zwar, typisches Umweltsünder-Klischee, im Dodge Durango an, einem SUV-Monster - aber mit sichtlich schlechtem Gewissen. "Irgendwo muss man ja anfangen", windet sich James, schaufelt die McDonald's-Tüten aus dem Wagen und knüpft sein "Live-Earth"-Kopftuch um die Halbglatze. Fünf Nachbarn haben sie mit eingepackt. Das spare doch Benzin.

Akustik-Gitarre spart auch Energie

Der Parkplatz des Giants Stadiums wimmelt vor spritschluckenden Jeeps, Ford Excursions und Hummers. Doch immerhin, er ist halb leer. Viele New Yorker, per se autolos, ziehen die Shuttle-Option vor: Mit dem Bus für zehn Dollar hin und zurück, knapp 15 Minuten Fahrtzeit.

Halb leer sind zunächst auch die Tribünen, die 80.000 Menschen fassen. Die meisten tummeln sich noch in den kühlen Kolonnaden, wo es Bio-T-Shirts gibt ("pestizidfrei, aus nachhaltigen Resourcen", 30 Dollar), Souvenir-Programme ("Recycling-Papier aus Wäldern mit FSC-Zertifikat", zwölf Dollar) sowie wie immer Hot Dogs, Brezeln und Flaschenwasser (alles um die vier Dollar).

Ein Teenager hat sich den Aufkleber "Startet die Revolution" auf den nackten Oberkörper geklatscht. Die Recycling-Container sehen offenbar nicht alle. Bald watet man durch leere Plastikbecher, obwohl überall Schilder "null Toleranz" für Schmutzfinken predigen: "Absolut kein Rauchen, Kaugummis, Sonnenblumenkerne, Essen oder Getränke auf dem Spielfeld."

Auftakt-Sängerin KT Tunsdall trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Save The Future". Sie bittet das Publikum um eine "emotionale Bewusstseins-Revolution" und zupft auf einer energiesparenden Akustik-Gitarre, begleitet von einem energiesparenden Kazoo-Membranophon. Im Pressezelt erläutert sie, sie habe ihre Wohnung "grün renoviert" und fliege nur noch mit Virgin Airlines, weil die so ökobewusst seien.

Heute wird jeder alte Song zur neuen Klima-Hymne

Exakt alle zwei Minuten rauscht ein Düsenjet tief über das Stadion. Es liegt genau in der Einflugschneise des Flughafens Newark - 240 Maschinen in acht Konzertstunden. Erstes Highlight für die Massen ist Leonardo DiCaprio, Hollywoods Umwelt-Lover Nr. 1. Er gibt das Motto der neuen Bewegung aus: Hoffnung und Aufbruch statt Frust und Nörgelei, jene uncharmanten Merkmale der ersten Öko-Generation. "Unsere Handlungen von heute an werden die Zukunft bestimmen", sagt DiCaprio und stellt den Mann vor, der sich das alles ausgedacht hat: Al Gore.

Der Ex-Vizepräsident und Ex-Präsidentschaftskandidat hat sich zuvor schon verausgabt, als er das Washingtoner Konzert eröffnete und dann mit dem Eilzug nach East Rutherford raste. In Jeans und Hemd hält er sich hier dankenswert kurz, trommelt für DiCaprios Umweltfilm "11th Hour" und ruft dann etwas redundant: "Ihr seid 'Live Earth'!"

Ein stilüberspannendes Wagnis im Dienste der Erde: Ein Country-Star und eine R&B-Queen singen im Duett einen Rock-Klassiker. Keith Urban und Alicia Keys grölen "Gimme Shelter" von den Rolling Stones. Es geht zwar um Krieg, Gewalt und Liebe, doch lässt sich das heute gut als Klima-Hymne uminterpretieren. Wie fast alle Song-Texte, wie sich später zeigt.

"Fantastisch", jubelt Amber aus Brooklyn, die in der klimatisierten VIP-Lounge an Krabbenröllchen knabbert. "Stars, tolle Bands und was für die Umwelt tun!" Das Souvenir-Programm hat dazu viele praktische Tipps parat. Etwa: "Digitale Musik online kaufen, um Öl für den CD-Transport zu sparen." Artig wirft Amber ihren Pappteller in die Trenn-Tonne.

Madonna walzt, New Jersey schunkelt mit

Patrick Stump, Leadsänder der Punk-Pop-Band "Fall Out Boy", bringt den Zwiespalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit der neuen Umweltjünger auf den Punkt. "Ihr tut's nur, wenn es euch gelegen kommt", schilt er die Menge, die trotzdem fröhlich weiterjubelt. "Für die nächsten paar Tage macht ihr's, und dann macht ihr's nicht mehr."

Jetzt hat sich das Stadion fast gefüllt, von 52.000 Zuschauern sprechen die Veranstalter. "Erderwärmung heißt, unsere Kinder zu berauben", sagt der Neffe von John F. Kennedy, der Umweltanwalt Bobby Kennedy Jr., der mit seinen zwei Söhnen schwitzend auf einer Mauer sitzt. Zuvor hat Kennedy - als einziger hier - den Konzertmarathon ohne Umschweife politisiert und das wahlberechtigte Publikum ermutigt, "diese Konzern-Kröten" in Washington "loszuwerden" und "des Verrats anzuklagen".

Zurück zum Entertainment: Madonna als "Mutter aller Popstars" ist live aus Wembley dazu geschaltet. Sie singt, samt Kinderchor, ihren eigens komponierten Klima-Walzer "Hey You". New Jersey schunkelt mit.

Eine Weile wogt das so hin und her zwischen London und New Jersey: John Mayer hier, Genesis und Phil Collins dort. Melissa Etheridge singt passend "I Need To Wake Up", einen grünen Recycling-Pfeil am Gitarrenband. Slogans flimmern über die Großbildleinwände: "Fahrt öffentliche Verkehrsmittel", "Wechselt Glühbirnen aus", "Esst euer Gemüse". Als wolle die Erde ihre Erwärmung demonstrieren, brennt die Sonne gnadenlos - 35 Grad im Stadion. Die Umweltgruppe WWF gibt Fächer mit traurigen Pandas aus. Motto: "Heißer, als mir sein sollte."

Oscar-Preisträgerin Rachel Weisz bringt Jane Goodall, 74, auf die Bühne. Die Aktivistin und Affenforscherin begrüßt das US-Publikum mit gutturalen Schimpansen-Lauten und erneut dem Leitmotiv Hoffnung: "Jeder von uns kann einen Unterschied machen."

Zu Hause wartet die Klimaanlage

Die Kombination aus Sonne und Bier fordert ihren Tribut. Auf den Tribünen geht es immer wilder zu. Die Songtexte der Dave Matthews Band lesen sich abermals in ganz neuem, düsteren Klima-Licht: "Don't Drink the Water." Und als der ergraute Ex-Pink-Floyd'ler Roger Waters - ebenfalls mit Kinderchor - seinen Ur-Protesthit "Another Brick In The Wall" anstimmt, grölen alle mit. "We don't need no education! We don't need no thought control!"

Kelly Clarkson hat die wohl jüngsten Fans in der Menge. "Ich bin keine gute Rednerin", kichert die Pop-Göre, verzichtet auf jegliche Umwelt-Ansprache und singt Songs von ihrem neuen Album, das sich durch die Charts müht. Sting und The Police bringen das Ganze aber wieder auf Linie - mit ihrem Klassiker "Message In A Bottle", passend zum Abend: "I'll send an S.O.S. to the world. I hope that someone gets my message in a bottle." Hip-Hop-Star Kanye West sekundiert: "We can save the world!"

Hoffnung statt Frust: Die Flaschenpost ist zumindest in East Rutherford angekommen. Trunken, schweißdurchnässt und ökobewegt schwankt das Publikum auf die Ausgänge zu. "Vielen Dank fürs Kommen", ruft ihnen Gore zum Abschluss heiser hinterher, Tipper im Arm.

Am Horizont schimmert das Empire State Building, die Spitze ganz in Grün angestrahlt. Zu Hause, auf der dampfenden Betoninsel Manhattan, wartet derweil die Klimaanlage.

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