Live Earth-Spektakel Rette sich, wer kann!

Freuen Sie sich auch schon auf das gute Gefühl, dabei gewesen zu sein? Morgen steigt mit dem globalen Klimaschutz-Event "Live Earth" die umfassendste Benefiz-Sause, die die Welt je gesehen hat. Kommerz und Protest verschmelzen endgültig zum großen Geschäft mit der Moral.

Von Reinhard Mohr


Man will es eigentlich gar nicht aussprechen, aber die Worte, einmal im Kopf, lassen sich nicht unterdrücken: Erst retten wir Afrika und dann die ganze Welt! So scheint es jedenfalls.

Und am Ende womöglich die ganze Galaxie.

"Hey You!", ermuntert Madonna, das Material Girl der achtziger Jahre, uns alle.

Hey hey, wir schaffen das.

Die Botschaft ist also schon mal klar.

Konzertvorbereitungen in Hamburg: Erst die Hälfte der Tickets verkauft
REUTERS

Konzertvorbereitungen in Hamburg: Erst die Hälfte der Tickets verkauft

Ging es vor einem Monat, beim "Move against G8" in Heiligendamm, bloß um den ärmsten Kontinent der Welt und vor einer Woche beim "Concert for Diana" in Wembley allein um die "Prinzessin der Herzen", so soll morgen 24 Stunden nonstop der weltweite Weckruf auf allen – angeblich jetzt schon sieben – Kontinenten erschallen: SOS – "Save Our Selves". Retten wir uns selber! We are the World. Sie erinnern sich.

Es wird wohl das größte Popkonzert aller Zeiten sein, ein Mega-Event mit über 150 Popstars, das von weit über 100 Fernsehstationen, ungezählten Radiostationen und Internet-Sites rund um die Uhr übertragen wird. "Band Aid" und "Live Aid", die Vorbilder von 1985, als "Nackt im Wind" und "Do they know it's Christmas" die globale Popgemeinde erschütterten, waren Provinzveranstaltungen dagegen.

Heute sorgen Hunderte Sponsoren, darunter Microsoft, DaimlerChrysler, Pepsi und Philips, dafür, dass die neun Großkonzerte in Sydney, Rio de Janeiro, London, Shanghai, Hamburg, Tokio, Johannesburg, New York und in der Antarktis mit Megastars wie Shakira, Bon Jovi und Jennifer Lopez glatt über die Bühne gehen. Nur eine kleine Bitte an die internationale Popszene hat der Ökoberater von "Live Earth"-Initiator Al Gore noch, bevor es losgeht: "Wir raten davon ab, Privatjets zu benutzen."

Diesem Hinweis schließen wir uns gerne an. Lassen Sie die Dinger einfach mal im Hangar stehen! Schließlich geht es um die Reduzierung des CO2-Ausstoßes, um die Verhinderung der Klimakatastrophe. Vorbildlich sind hier natürlich wieder einmal die deutschen Organisatoren aus Hamburg. Zwar gibt es noch jede Menge unverkaufte Tickets für die AOL-Arena, aber der "Recycling-Report" für zehn Tage nach der Veranstaltung wird schon mal vorbereitet. Deshalb raten wir auch jetzt schon davon ab, Pappbecher wegzuwerfen. Den Rest, 77 "Essentials", können Sie im gerade erschienenen "Live Earth Global Warming Survival Handbook" nachlesen.

SOS – Save our Sales

SOS – "Save our Sales". Derart gemein haben feuilletonistische Kritiker, die Zyniker vom Dienst, das Motto der Veranstaltung unterdessen schon umgedichtet, und tatsächlich lässt sich hier nun endgültig keine Unterscheidung mehr treffen zwischen Moral und Geschäft, Politik und Musikindustrie, Emotionalisierung und Massenmedien, Ideen und Marketing, Protest-PR und purem Kommerz.

Wenn praktisch alle mitmachen – und wer wäre schon gegen die mögliche Verhinderung einer Klimaerwärmung mit dramatischen Folgen? –, dann ist die gute alte Kritik an der "Kommerzialisierung" der Protestkultur obsolet, gegenstandslos geworden. Wer wie Al Gore, ehemals Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, nun Vorkämpfer gegen den Klimawandel, "Milliarden Menschen" ansprechen will, läuft freilich Gefahr, am Ende niemanden wirklich erreicht zu haben. Jedenfalls nicht "nachhaltig", und schon gar nicht aktiv und konsequent.

Wenn Weltverbesserung zum Entertainment wird, Engagement zur Pose und der "Weckruf" beziehungsweise "Urknall" ein Shakira-Song oder ein Lied von Silbermond, dann fühlt sich der Einzelne eben nur in der Masse angesprochen, nur im Moment des wogenden Gemeinschaftsgefühls, auf dem Wellenkamm der Erregung.

Am Montagmorgen steigt er dann wieder in seinen Landcruiser und braust vollklimatisiert zur Arbeit, während zu Hause der riesige Plasmafernseher im Standby vor sich hin blubbert.

Was bleibt, ist das gute Gefühl, dabei gewesen zu sein. Und das gute Gewissen, die Probleme erkannt zu haben, ganz vorne dran zu sein. Lösen können sie dann ruhig andere. Zum Beispiel die, die man sonst gerne als "die Politiker" verachtet. Unfähig und nichtsnutzig, wie sie sein mögen, tragen sie aber die volle Verantwortung – wenn es sein muss bis zur siebten Novellierung der Bundesenergiesparlampenverordnung.

Das Unbehagen an Mega-Events wie "Live Earth" hat jedoch längst auch die Popszene erfasst. So sagt Roger Daltrey von "The Who": "Das Letzte, was dieser Planet braucht, ist ein Rockkonzert."

Wenn er das sagt ...

Man kann die Sache aber auch einmal andersherum sehen und die ästhetisch äußerst unangenehmen Begleiterscheinungen dieser politisch korrekten Mega-Events – die penetrante Ansammlung von Eitelkeit, Bigotterie, Selbstgerechtigkeit und Verlogenheit – mal beiseite lassen.

Getting Gored

Warum soll Shakira eigentlich nicht das Lob von Energiesparlampe und Solardach singen? Warum soll George Clooney nicht mit seinem "Tesla Roadster" durch Beverly Hills gurken, ein brandneues, tiefer gelegtes Elektroauto mit Spitzengeschwindigkeit 210 und einer Reichweite von 400 Kilometern bis zur nächsten Aufladestation? Warum soll es nicht auch in Hollywood schick werden, den coolen neuen Kühlschrank nicht nur nach Hubraum und Design, sondern auch nach der Menge seines Stromverbrauchs auszuwählen?

Schon geht das Wort vom "getting Gored" um. Erst gegoogelt, dann gegoret. Motto: Gut gegoret ist halb gerettet. Die Frage ist nur, ob das auch außerhalb von Hollywood gilt, für den Rest der Welt.

Dafür spräche immerhin ein alter Lehrsatz des kapitalistischen Theoretikers Adam Smith, der meinte, man erweise der Moral den besten Dienst, wenn man sie zum Geschäft mache.

Das Problem ist nur: Hätte das immer so schön funktioniert, dann wüsste heute niemand, wer Karl Marx ist. Es stimmt zwar, wie die "Zeit" in ihrer neuesten Ausgabe schreibt, dass im (post)modernen "Lifestylekapitalismus" eine "Moralisierung der Märkte" (Nico Stehr) stattfindet nach dem Motto: "Moral ist gut für das Geschäft, und das Geschäft ist gut für die Moral". Doch das gilt allenfalls für den hoch entwickelten Teil der globalisierten Welt, und auch dort nur zum Teil. Nach wie vor, vor allem in Afrika und Lateinamerika, ist eher die Unmoral gut fürs Geschäft, allein schon deshalb, weil die entsprechende Marktmacht der Konsumenten fehlt.

Deshalb ist beiden, den Weltrettern der singenden politischen Korrektheit aus dem Geiste des "Wenn jeder nur ein bisschen...", und den Apologeten der "moralischen" Märkte, der Begriff von den materiellen "Interessen" und ihren Widersprüchen entgegenzuhalten. Ob in der Wirtschaft oder in der Politik, nicht zuletzt im Alltagsleben. Sie sind realer und wirkmächtiger als sämtliche gut gemeinten Appelle und Predigten zusammen. Die katholische Kirche weiß ein Lied davon zu singen.

Während morgen also weltweit geklampft, gesungen, geredet und geklatscht wird, sterben zugleich Tausende einen sinnlosen Tod ganz ohne Klimakatastrophe – in Pakistan und Darfur, im Irak, Afghanistan und im Gazastreifen.

Wäre die Moral doch bloß auch dort ein gutes Geschäft.



insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
M@ESW, 05.07.2007
1.
Zitat von sysopDutzende Stars treten bei den weltumspannenden Live-Earth-Konzerten auf - ein weiteres Rock-Spektakel, das global Menschen für politische und soziale Probleme sensibilisieren soll. Aber was bringen solche Events? Können sie ihre Ziele erreichen? Oder bleibt am Ende nur der Entertainment-Faktor?
Für 99% der Besucher nur das und nicht mehr. Für 99% der auftretenden Stars ebenfalls. Vom Benefizkonzert beim G8 Gipfel habe ich gehört wie die Stars, nachdem sie gegen den Hunger in Afrika gesungen haben, sich auf der Aftershowparty am reichhaltigen Luxusbuffet vollgefressen haben (und Journalisten das Fotografieren dieser Fressorgie nach dem Anti-Hunger-Auftritt verboten wurde)
Merry, 05.07.2007
2.
meiner Meinung nach ist das doch alles eine riesen Heuchelei. Die Stars, die hier gegen Erderwärmung singen, verpuffen doch alle ein x-faches an Energie, als ihre Fans. Und sie werden ihren Lebensstil, bis auf ein paar Alibi-Übungen auch nicht ändern. Man will einfach ein guter Mensch sein und ist dann "gegen Umweltverschmutzung", "gegen Armut", "für den Frieden". Irgendwie kindisch, lächerlich, oder halt eben ein heuchlerischer Selbstbetrug, bei dem einen oder anderen vielleicht sogar eiskalt berechnete Businessstrategie. Heute ächzt man gegen die Abzocker in den Manageretagen, man wäre erstaunt wenn ausgerechnet diese Superverdiener ein Event gegen die Armut durchführen und dabei Bilder von Mutter Theresa ausstellen würden. Aber Leute wie Madonna zocken mehr ab, sind noch reicher und tun genau das. Ich glaube nicht, dass dadurch ein Gramm weniger CO2 in die Welt kommt, aber bestimmt werden wir wieder Tausende Menschen mehr haben, die sich zu den Guten zählen werden, nur weil da mitgefeiert haben.
RobWe, 05.07.2007
3.
Zitat von sysopDutzende Stars treten bei den weltumspannenden Live-Earth-Konzerten auf - ein weiteres Rock-Spektakel, das global Menschen für politische und soziale Probleme sensibilisieren soll. Aber was bringen solche Events? Können sie ihre Ziele erreichen? Oder bleibt am Ende nur der Entertainment-Faktor?
Spaß für die Anwesenden und eine Beruhigung für das eigene schlechte Gewissen. Wenn darüberhinaus noch jemand zu Nachdenken angeregt wird ist das schon eine ganze Menge und mehr kann man m. E. auch gar nicht erwarten.
Polymorph, 05.07.2007
4.
Zitat von sysopDutzende Stars treten bei den weltumspannenden Live-Earth-Konzerten auf - ein weiteres Rock-Spektakel, das global Menschen für politische und soziale Probleme sensibilisieren soll. Aber was bringen solche Events? Können sie ihre Ziele erreichen? Oder bleibt am Ende nur der Entertainment-Faktor?
Es wird nicht nur sensibilisiert, es wird sogar eine bizarre Art von Erlebensgemeinschaft geschaffen. Die dritte Welt leidet sich, wir amüsieren uns zu Tode. Das Gute daran: ein paar dekadente Unterhaltungskünstler können Ihr schlechtes Gewissen erleichtern. Hat doch was...
XoldeuropeX 05.07.2007
5.
Ich bin der gleichen Meinung wie Merry: diese Konzerte sind eine riesen Umweltsauerei: sogenannte Stars werden mittels hohem Kerosinverbrauch durch die Weltgeschichte geflogen, zehntausende von Besuchern werden einen riesen Müllberg hinterlassen und dann natürlich noch die Energie, die beim Betreiben der Bühnen freigesetzt wird. Diese ganze Veranstaltung steht dermaßen konträr zu dem eigentlichen Ziel das es weh tut. Hier in Hamburg haben sie bsiher kaum Karten abgesetzt und ich freue mich darüber; ich hoffe ernsthaft das die Live Earth-Veranstaltung ein Riesenflop wird.
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