Lokaljournalismus: Meine Straße, mein Zuhause, mein Blog

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Brandheißes aus der Nachbarschaft: Weil ihnen der Bratwurst-Lokaljournalismus der etablierten Zeitungen nicht mehr reicht, gründen Bürger ihre eigenen Kiez-Newsportale. Ein Betriebswirt aus dem Prenzlauer Berg macht's vor - die Medienbranche wittert das nächste große Ding.

Lokale Nachrichten: Brandheißes aus der Nachbarschaft: Fotos

Berlin - Wenn man an Mangel denkt, an kulturelle Armut und geistige Ödnis, dann fällt einem der Prenzlauer Berg wohl als Letztes ein. In dem Berliner Bezirk leben viele sogenannte Kreative, die Mieten steigen, zum nächsten Bioladen oder italienischen Restaurant ist es nie weit. In keinem anderen Stadtteil werden so viele teure Boogaboo-Kinderwagen durch die Straßen geschoben wie hier. Und doch fehlt etwas: eine Zeitung. Zumindest bis jetzt.

"Die Berliner Blätter ziehen sich aus der Lokalberichterstattung immer mehr zurück", sagt Philipp Schwörbel. Er lebt seit 2003 in Prenzlauer Berg, hat für Gesine Schwan gearbeitet, als die Bundespräsidentin werden wollte. "Ich wusste nicht, wer der Bürgermeister von meinem Bezirk ist und was der überhaupt macht", sagt Schwörbel - in der Berliner Presse fand er keine Antwort.

Um dem Mangel an Lokal-News abzuhelfen, hat der gelernte Betriebswirt eine GmbH gegründet und einen kleinen Büroraum in einem Hinterhof angemietet. Seit Anfang Dezember stellt Schwörbel von hier aus die "Prenzlauer Berg Nachrichten" ins Internet. Die Texte kommen von engagierten Journalisten und engagierten Laien. Erste exklusive Meldung: Die Grünen haben sich gegen einen Bürgerentscheid zum Umbau der szenigen Kastanienallee ausgesprochen.

Hyperlokale Nachrichten als Zukunftsmodell

Zu den Redaktionstreffen am Mittwochabend kommen rund ein Dutzend Mitstreiter in die Marienburger Straße, es geht um die Schneeräumung (Radwege weiterhin vereist) oder das Kinder- und Jugendtheater Murkelbühne (zieht trotz Kündigung nicht aus dem Quartier aus). Brandheiße News für die Nachbarschaft - doch jenseits des Prenzlberges kaum relevant.

Hyperlokale Nachrichten gelten schon seit einiger Zeit als das nächste große Ding im Internet. Vor allem in den USA gibt es erste Ansätze. Doch während die "New York Times" sich an Blogs für Nachbarschaften ausprobiert, steuern deutsche Verlage eher in die Gegenrichtung: Nicht nur, dass es in den meisten Landkreisen nur noch eine Tageszeitung gibt, noch dazu werden Lokalausgaben geschlossen und zusammengelegt, Redaktionen unter Sparzwang ausgedünnt. Tatsächlich begreift auch die "New York Times" ihre Nachbarschaftsseiten als Experiment, bei dem bis auf weiteres draufgezahlt werden muss.

Für Online-Experimente fehlen in vielen Redaktionen schlicht Zeit und Geld. Weil das Internet nichts oder wenig einspielt, fremdeln die Verlage mit lokalem Content, der eben nur eine begrenzte Anzahl an Usern interessiert. Wer Lokales will, soll zahlen: Der Springer-Verlag versteckt die Regionalinhalte des "Hamburger Abendblatts" mittlerweile hinter einer Bezahlschranke. Gleichzeitig will die Zeitung aber ab kommenden Jahr seine Leser als "Stadtteilreporter" auf der Website multimedial aus der Nachbarschaft bloggen lassen. Die ganze Redaktion soll in das "Zeitalter der sogenannten Sublokalisierung" aufbrechen. Es ist ein Anfang.

Mit Verve gegen lieblose Lokalgeschichten

Solange nutzen unabhängige Internetprojekte die neue Medienarmut - auch wenn sich bisher die wenigsten davon finanziell rechnen. So bloggen die "Ruhrbarone", ein Zusammenschluss freier Journalisten, mit viel Verve über ihre Großregion - könnten davon aber noch nicht ansatzweise leben. Dafür berichten sie über Themen, die den eingesessenen Zeitungen zu heiß oder keine Zeile wert sind, und schaffen so eine neue Meinungsvielfalt.

Als Erfolgsmodell wird auf Kongressen der Journalist Hardy Prothmann gefeiert, der für vier Kleinstädte in der Nähe von Mannheim lokale Nachrichtenseiten betreibt. Damit macht er dem "Mannheimer Morgen" Konkurrenz. Dem Traditionsblatt wirft er "Bratwurstjournalismus" vor, unkritische und lieblose Lokalgeschichten, die nur dazu da sind, die Zeitungsseiten vollzubekommen. Mit jeder seiner Seiten peilt er monatlich 2000 Euro Werbeumsatz an - und ist dabei äußerst zuversichtlich.

Und dann wären da noch die Kiezblogs, die ihre Macher vor allem als Hobby betreiben. Knapp 400 solche Websites listet ein Verzeichnis auf. Viele dieser Blogs widmen sich recht erratisch ihren Themen, etlichen fehlt nach einem gelungen Start offensichtlich der Drive, die meisten kommen unregelmäßig mit neuen Inhalten. In den USA zeigen die "Huffington Post" für ausgewählte Städte und TBD.com für Washington, wie man die Blog-Community geschickt einbindet.

"Informierte Bürger können sich einmischen."

Auch Schwörbel setzt für seine "Prenzlauer Berg Nachrichten" auf Hobbyschreiber. "Wir leisten auch einen Beitrag zur Demokratie - informierte Bürger können sich einmischen", sagt er. Damit nicht plötzlich wichtige lokalpolitische Themen auf der Seite fehlen, weil gerade niemand Zeit oder Lust zum Schreiben hatte, bezahlt er zusätzlich freie Journalisten. Er nennt es das "Grundrauschen" der Website, jeden Tag soll mindestens ein neuer Artikel erscheinen. Andererseits sollen die "Prenzlauer Berg Nachrichten" auch Geld einbringen, ganz klassisch über Anzeigen. "Wir haben eine attraktive Zielgruppe", so Schwörbel über das Viertel, in dem Geringverdiener kaum noch eine bezahlbare Wohnung finden. Werbeaufträge erhofft er sich von kleinen Betrieben und Läden, aber auch von großen Marken, die auf ein urbanes Publikum abzielen. Ein halbes Jahr reichen seine Ersparnisse, bis dahin sollen die "PBN" sich rechnen.

Wenn der Rubel einmal rollt, sollen die Schreiber und Mitarbeiter auch daran partizipieren. Die Chancen stehen nicht all zu schlecht: Wenn Hardy Prothmann für die 11.500 Einwohner von Heddesheim Lokalnews im Internet finanziert bekommt, muss das für den Prenzlauer Berg mit seinen 143.500 Kiezbewohnern doch auch möglich sein.

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1. Lokaljournalismus
regenkaemper 10.12.2010
Seit vielen Jahren ignorieren Zeitungsverleger, dass sie ihre Auflage einzig und allein mit dem Lokalteil halten oder steigern können. Im Ruhrgebiet ist seit dem 1. Juli 2010 das lokale Internetportal www.halloherne.de am Start. Hier setzen ehemalige Tageszeitungs-Lokalredakteure das um, was ihnen zuvor Chefredaktion und Verlag unmöglich gemacht haben.
2. Der Nachmacher
don olafio 11.12.2010
Zitat von sysopBrandheißes aus der Nachbarschaft: Weil ihnen der Bratwurst-Lokaljournalismus der etablierten Zeitungen nicht mehr reicht, gründen Bürger ihre eigenen Kiez-Newsportale. Ein Betriebswirt aus dem Prenzlauer Berg*macht's vor - die Medienbranche wittert das nächste große Ding. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,733837,00.html
Sagen wir mal so: Herr Schwörbel macht gar nichts vor. Herr Schwörbel versucht bloß nachzumachen. Denn die "Prenzlberger Stimme" (www.prenzlberger-stimme.de) gibt es eben doch schon ein paar Tage länger, Tatsächlich "hyperlokal" - ohne Büro, (fast) ohne weitere Mitarbeiter, zu 99 Prozent erstellt vom Webportalbetreiber selbst. Und was hier als "erste exklusive Meldung" des Herrn S. dargestellt wird, war Zusammengestoppeltes aus zweiter Hand. Exklusiv gab’s die Angelegenheit tatsächlich nur hier: http://www.prenzlberger-stimme.de/?p=8344 . Und genau da hatte Herr Schwörbel dann seinen nächsten Artikel zum Thema abgekupfert - natürlich ohne Quellenangabe oder gar Verlinkung. Geschenkt. Das Einzige, worüber Herr Schwörbel derzeit tatsächlich exklusiv verfügt, ist die Dreistigkeit, sich als Neuerer, denn als Nachmacher darzustellen - und das Glück, einen Spiegel-Autor zu finden, der ihm das auch noch abnimmt und ihm so (fürs erste) eine Menge Besucher auf seine doch noch sehr leeren Seiten zu locken. Kurzum: Schwörbel mach I h n e n und uns etwas vor... Olaf Kampmann (Prenzlberger Stimme)
3. PS. zum Nachmacher
don olafio 11.12.2010
PS. zum Nachmacher: Natürlich weiß Herr Schwörbel um die Prenzlberger Stimme...
4. .
Eiermann 11.12.2010
Die Infrastrukturen für die Verankerung des Internets in lokalen, kommunalen und regionalen Bereichen scheinen mir insgesamt noch recht unterentwickelt. Es gibt zwar etliche einzelne Angebote, aber insgesamt macht die verstreute und wenig organisierte Gemengelage den Eindruck, dass das Internet als Medium in lokalen Bereichen noch wenig Einzug gehalten hat und noch wenig genutzt wird. Internetangebote zu einzelnen Stadtteilen, Stadtvierteln, Straßen u.ä. aufzulesen? - gestaltet sich ziemlich schwierig. Es fehlt an übergreifenden kommunalen, regionalen und bundesweiten Plattformen zur Bündelung und Verlinkung solcher lokaler Angebote. Eine Sache, die von den Ländern und Kommunen selbst stärker gefördert werden müßte. Eine leicht auffindbare Übersicht lokaler Stadtbezirks-und Stadtteil-Angebote wie "Prenzlauer Berg Nachrichten" auf dem Berliner Stadtportal berlin.de ? - Fehlanzeige.
5. Bermerkenswerte Wahrnehmung ...
michael_freitag 11.12.2010
... vom SPON. Und so frühzeitig ;-) Grüße von der Leipziger Internet Zeitung, vom HalleForum, von JenaPolis und bald auch aus Rostock. (ganz bewusst ohne Links - unsere Leser kennen uns) Oder einfach Grüße von unseren Lesern und Mitbürgern der letzten 6 Jahre. Wenn hier also das "kommende große Ding Lokaljournalismus" abgefeiert wird, kommt in diesem Fall der Spiegel locker 4 Jahre zu spät und ist selbst jetzt nicht gründlich. Es musste einfach mal raus, da der Blick von Hamburg und Berlin aus immer der gleiche ist - er endet horizontal unterhalb von Potsdam und vertikal an der Elbe. Wir schauen da schon längst ganz anders über den Tellerrand.
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