Loki und Helmut Schmidt Eine fast perfekte Ehe

Er galt vielen als arrogant und unnahbar, sie als herzlich und bodenständig. Helmut Schmidts Karriere wäre ohne seine Frau Loki undenkbar gewesen. Loki-Schmidt-Biograf Reiner Lehberger über eine legendäre Symbiose.

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    Reiner Lehberger ist Professor der Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg und Autor. Zuletzt erschien von ihm bei Hoffmann und Campe "Loki Schmidt - Die Biographie". Mit Loki Schmidt verband ihn eine 15-jährige Freundschaft.
Saß man mit den Schmidts im kleinen Kreis, kam man fast immer auf die Lichtwarkschule zu sprechen: 1929, als Zehnjährige, lernten sich die beiden an der Schule in Hamburg-Winterhude kennen. Eine frühe gemeinsame Zeit, die später ein wichtiger Bindungsfaktor ihrer Beziehung wurde. Vor allem, weil die Reformschule, an der Schüler im Geiste der Weimarer Verfassung zu Demokraten erzogen und in ihren individuellen Talenten gefördert wurden, den beiden ganz ähnliches Rüstzeug für das spätere Leben mitgab. Noch im hohen Alter kannten sie die Themen und Inhalte ihrer großen schulischen Jahresarbeiten und wussten alle Namen ihrer Klassenkameraden auf alten Fotos zu benennen.

Schon drei Monate nach ihrer Aufnahme zu Ostern 1929 war Loki zur Nachfeier des zehnten Geburtstags ihres Klassenkameraden Helmut eingeladen. Loki war das einzige Mädchen auf dieser Geburtstagsfeier, sie hatte Helmut mit ihrer Offenheit, ihrem Interesse für Pflanzen, aber auch mit ihrer Durchsetzungsfähigkeit vom ersten Tag an imponiert.

Loki wiederum bewunderte Helmuts Intelligenz, seine schon damals hohe Formulierungskunst und auch sein Talent beim Klavierspiel. Eine Liebe wurde zunächst aber nicht daraus - Loki interessierte sich für zwei andere Jungen, den einen wollte sie sogar heiraten. Helmut war eher ein "guter Klassenkamerad", mit dem sie viele gemeinsame Interessen hatte: das Diskutieren, die Musik, Kunst und Architektur, später auch das Theater. Diese Gemeinsamkeiten sollten bleiben, das Schachspiel und das Rauchen kamen später hinzu.

Aus Freundschaft wurde eine Liebesbeziehung

Beeindruckt war Helmut von Lokis Elternhaus: Die Glasers waren eine bildungsbewusste Arbeiterfamilie, in der gemeinsam musiziert, gesungen und gemalt wurde. Es herrschte eine warme Atmosphäre, und das alles bei spür- und sichtbarer Armut. Ohne Zweifel machte Helmut Schmidt hier bei den Glasers seine erste nachhaltige Erfahrung mit der Arbeiterschaft. Sein positives Bild vom politisch bewussten Facharbeiter als Basis der SPD lernte er zum ersten Mal in Lokis Elternhaus kennen und schätzen. Wenn er von den Glasers erzählte, konnte man seine Hochachtung vor dieser Familie deutlich spüren - dort fühlte er sich wohl.

1941 wurde aus der Freundschaft von Loki und Helmut eine Liebesbeziehung, 1942 heirateten die beiden. Loki hatte Helmut im Sommer 1941 in Berlin besucht, wo der junge Leutnant stationiert war. "Loki war damals in ihrer Entwicklung sicher zwei bis drei Jahre weiter als ich", sagte er mir einmal über diese Zeit. Seit 1940 hatte Loki in Hamburg eine Anstellung als Lehrerin, verdiente Geld, unterstützte ihre Eltern und sorgte für die erste gemeinsame Wohnung des jungen Paares. Auch nach dem Krieg war sie es, die die Familie mit der 1947 geborenen Tochter Susanne und das Studium ihres Mannes finanzierte. Darauf war sie stolz. Auch ihr Mann vergaß ihr den frühen Einsatz nie. Als sie 1972 ihren Beruf als Lehrerin aufgeben musste - ihr Mann war inzwischen Minister, und sie musste nach Bonn ziehen -, fiel ihr das nicht leicht. Ihre Selbstständigkeit war ihr ein hohes Gut.

Ihre Ehe hatte in diesen Jahren schwere Zeiten zu durchstehen. Helmut Schmidt deutete in seinem letzten Buch mit dem Bekenntnis zu einer außerehelichen Affäre einiges dazu an. Die Tragweite, die dieser Vertrauensbruch für Loki hatte, bleibt dort allerdings unerwähnt. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass Loki Schmidt in jenen Jahren eine tiefe Lebenskrise durchlief - auch wenn sie sich am Ende für die Ehe entschied.

Nach außen ein perfektes Team

Als sie 1974 durch die Kanzlerschaft Helmut Schmidts in eine neue Rolle kam, gestaltete sie diese von Beginn an aktiv. "Ich will meinem Mann helfen" - das war ihr Ziel. 1976 und 1980 brachte sie sich sogar mit Hunderten eigenen Veranstaltungen in den Wahlkampf der SPD ein. Die Frau eines Kanzlers als aktive Wahlkämpferin - das hatte es in der Bonner Republik zuvor noch nie gegeben. Loki aber bekam hohen Zuspruch. "Loki mochten alle" - der oft unduldsam und ein wenig arrogant wirkende Politiker Helmut Schmidt konnte von dem Engagement seiner in der Öffentlichkeit hochgeschätzten Frau sehr wohl profitieren. Nach außen galten die Schmidts geradezu als ein perfektes Team.

In diesen Jahren begann Loki Schmidt aber auch noch einmal ein ganz neues, eigenständiges Leben: das einer Stifterin, Naturschützerin und Naturforscherin. "Neben diesem starken Mann brauchte ich ein eigenes Terrain", begründete sie dies durchaus vieldeutig. 1976 gründete sie eine bis heute bestehende Naturstiftung, sie ging auf Forschungsreisen, die sie in den nächsten zwei Jahrzehnten in die entlegensten Stellen dieser Erde führten - und wurde dabei zu einer exzellenten Botanikerin, vielfach ausgezeichnet und belobigt.

Wenn sie dabei auch, wie sie einmal sagte, schamlos den Namen ihres Mannes ausnutzte - an der Eigenständigkeit ihrer Leistungen lässt dies keinen Zweifel aufkommen. Loki Schmidt war mehr als die "Frau an seiner Seite". Ihren Mann erfüllte das botanische Engagement seiner Frau mit Stolz. Ohnehin, der Respekt vor den Leistungen des jeweils anderen war ein Kennzeichen des Paars. Die Schmidts, das waren zwei starke, eigenständige Persönlichkeiten. Auch deshalb konnten sie wohl am Ende auf eine so lange und dann auch geglückte Ehe zurückschauen.

Nach Loki Schmidts Erzählung hatte sich das Ehepaar nach ihrem 85. Geburtstag vorgenommen, gemeinsam so alt zu werden wie Konrad Adenauer: 91. Als sie dies geschafft hatten, war das neue Ziel, im Juni 2012 den 70-jährigen Bestand ihrer Ehe zu feiern. Am 21. Oktober 2010 starb Loki Schmidt nach 68 Jahren Ehe.



insgesamt 5 Beiträge
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kascnik 11.11.2015
1. Seit gestern
benehmen sich insbesondere in diesen Foren hier einige Menschen zutiefst beschämend. Es ist widerlich, wie hier von Foristen gegenüber einem Toten mit übelster Polemik und beleidigendem Unterton gesprochen wird. Ob man Schmidt mögen kann oder nicht ist jedem selbst übrlassen, genauso die Frage, ob seine politischen Taten positiv oder negativ zu bewerten sind. Was hier aber manche vom Stapel lassen, entblößt im Grunde nur die angesprochenen Foristen der letzten 24h.
diskantus 11.11.2015
2. Loki.
Sie war eine wunderbare Frau. Ich kannte sie nicht, bin auch botanisch nicht bewandert ;-). Aber Loki, wenn immer man sie im TV sah, oder hörte, was sie sagte: dann kam ein sehr sehr warmherziger, sehr emotionaler, sehr intelligenter Mensch herüber. Und das gelingt nicht vielen Menschen. Andere sind sicher auch warmherzig, emotional, intelligent. Aber sie können es nicht transportieren. Sie konnte es. Sie war offen, ehrlich, sie war "Loki", mit jeder Faser ihres Seins. Und damit passte sie 1:1 zu ihrem Mann. Wer erinnert mich noch an Loki? Hildegard Hamm-Brücher. Auf andere Art, natürlich: aber ähnlich warm- und offenherzig. Nun haben zwei Menschen, Loki und Helmut Schmidt, einander wieder gefunden. Sie hat 5 Jahre auf ihn gewartet, und ich denke: sie hat es gern getan. :-) Wohl aber glaube ich, dass ihr Kontakt auch in diesem Zeitraum nie abgerissen ist. Wie er es einmal sagte: im Halbschlaf, beim Aufwachen nannte er ihren Namen ...
TomTheViking 11.11.2015
3. es gibt keine perfekte Ehe
Wenn zwei Menschen sich verstehen und es schaffen die Klippen zu umschiffen, die einen gemeinsamen Weg zerstören - dann haben zwei Menschen viel gewollt und erreicht.
seiitso 12.11.2015
4. Okay, wir denken einem Toten, der
VIEL für Dtl. Getan hat. Das wird nicht bestritten. Dennoch muss dieses in dem Himmel loben nicht die Augen vor dem verschliessen,was wahr ist. Dementsprechend war es nicht die fast perfekte Ehe sondern das Festhalten an einer Ehe mit Fehlern.
mariakar 12.11.2015
5. Dass diese Ehe funktionierte, sei seiner Frau zu verdanken,
sagte Helmut Schmidt in Gespräch mit Sandra Maischberger und Richard von Weizsäcker. Und das Helmut Schmidt ein Ehebrecher war, ging mal aus einer Laudatio für Loki Schmidt hervor, die Giovanni di Lorenzo schon vor Jahren machte. Es war also nicht neu, als Schmidt das selber eingestand.
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