Gerichtsreportage "Verbotene Kunst" Peepshow für Putin

Weil sie Polizisten beim Sex und eine Blondine unter der Öldusche zeigten, wurden zwei Kuratoren in Russland angeklagt. Die Gerichtsreportage zum Prozess kommt nun als originelle Mischung aus Comic, Protokoll und Tagebuch daher. Das war's dann aber auch mit den guten Nachrichten.

Matthes & Seitz/ Wiktoria Lomasko

Von Carmen Eller


Am 12. Juli 2010 betritt ein Mann namens Petja Wersilow das Taganer Bezirksgericht in Moskau - im Gepäck hat er 620 Madagaskar-Fauchschaben, 900 Venezuela-Leuchtschaben und 2000 Grauschaben. Als die Wachmänner es bei ihm rascheln hören, reißen sie seine Kartons auf. Und die befreiten Kakerlaken wuseln durch das Gebäude.

Mit dieser Aktion protestierte ein Aktivist der Künstlergruppe Woina gegen das Urteil in einem der spektakulärsten russischen Kunstprozesse - den Wiktoria Lomasko und Anton Nikolajew in ihrer jetzt erschienenen Gerichtsreportage "Verbotene Kunst. Eine Moskauer Ausstellung" neu beleuchten.

Das kleinformatige Werk kommentiert den Schauprozess in Wort und Bild. Über die Bühne ging er zwischen dem 6. Juni 2009 und dem 12. Juli 2010. Die Angeklagten: Jurij Samodurow, Leiter des Moskauer Sacharow-Zentrums und Andrej Jerofejew, Chefkurator für Gegenwartskunst in der Staatlichen Tretjakow-Galerie. Bei Prozessbeginn hat keiner mehr seinen Posten. Der Vorwurf gegen sie: Erregung nationaler und religiöser Feindschaft nach Paragraf 282 des russischen Strafgesetzbuchs.

Was war passiert? Unter dem Titel "Verbotene Kunst 2006" organisieren Samodurow und Jerofejew für den 7. bis 31. März 2007 eine Ausstellung im Moskauer Sacharow-Zentrum. Jerofejew wählte dafür 24 Exponate aus, die im Jahr 2006 der Selbstzensur russischer Museumsleiter, Galeristen oder Kuratoren zum Opfer gefallen waren. Wer die Ausstellung betrat, sah nichts als weiße Wände. Um die zensierte Kunst zu betrachten, mussten Besucher vor den Stellwänden auf Leitern steigen und durch Gucklöcher spähen. Kunst als Peepshow. Zu sehen gab es etwa kopulierende Polizisten, eine Ikone aus Kaviar, Jesus neben McDonald's-Werbung, eine Blondine unter der Öldusche oder die "Tschetschenische Marilyn" mit fliegendem Rock und Sprengstoffgürtel.

Für die vorsichtige Präsentation gab es gute Gründe. Bereits im Januar 2003 wurde im Sacharow-Zentrum die Ausstellung "Achtung, Religion" verwüstet. Vor Gericht standen anschließend jedoch nicht die Randalierer, sondern die Kuratoren und Künstler. Im Fall "Verbotene Kunst 2006" kam es durch den Druck ultrakonservativer Nationalisten erneut zu einem Ermittlungsverfahren gegen die Organisatoren. Der Startschuss für ein weiteres skurriles Schauspiel vor Gericht.

"Man sollte diese Bilder verbrennen"

In 150 Zeichnungen und elf Kapiteln bietet das Buch Einblicke in die Sitzungen am Taganer Gericht. Lomasko arbeitet in Russland als freiberufliche Zeichnerin. Nikolajew ist Journalist und Mitbegründer der Künstlergruppe Bombily (Bombenleger). Mit einer originellen Mischung aus Comic, Protokoll und Tagebuch sprengen die Autoren das Genre der klassischen Gerichtsreportage.

Es treten auf: falsche Zeugen, prominente Oppositionelle wie der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow und Kirchenvertreter, die im Sinne der Künstler sprechen. Dazu eine Richterin, die während der Verhandlung zwei Frauen mit Parfum besprüht und in der Sprechblase schimpft: "Sie sollten sich mal waschen." Mit Kreuzen bewaffnet wettern Zeugen gegen das "geistige Gift" der Kunst. "Man sollte diese Bilder verbrennen", ruft ein Ultraorthodoxer, eine Frau liest laut aus der Bibel: "Rottet sie aus - sie zischen wie Schlangen!"

Im Gericht wird geflucht und gebetet, auf den Gängen lernen gekaufte Zeugen ihren Text, und vor dem Gebäude machen Freunde wie Feinde der "verbotenen Kunst" ihrem Ärger vor Mikrofonen und Fernsehkameras Luft. Wegen Überfüllung im Gerichtssaal nehmen Journalisten zeitweise hinter Gittern Platz - und verfolgen das Geschehen in einem Käfig, in dem sonst mutmaßliche Straftäter stehen.

Die Werke der Ausstellung sind im Buch nicht enthalten. Aber sowieso dreht sich die Verhandlung weniger um Kunst als um Macht: Wer bestimmt, was wo gezeigt werden darf? Wer beeinflusst das Gericht? Nicht die Aufklärung, sondern die Inszenierung zählt. In einem aufschlussreichen Nachwort vergleicht die Übersetzerin Sandra Frimmel die Verhandlung über "Verbotene Kunst" mit Schauprozessen in der Sowjetunion und beschreibt den Gerichtssaal als politische Bühne. Eindringlich analysiert hat das Verhältnis zwischen Kunst und Politik der russische Philosoph Michail Ryklin in seinem brillanten, 2006 auf Deutsch erschienenen Essay "Das Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der 'gelenkten Demokratie'".

Am 12. Juli 2010 spricht die Richterin Samodurow und Jerofejew schuldig und verhängt Geldstrafen von 150.000 beziehungsweise 200.000 Rubeln (etwa 3.750 und 5.000 Euro). Ein mildes Urteil, aber ein klares Signal: Wieder hat die Kunst verloren. Wieder wurden Kuratoren zu Kriminellen erklärt.

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insgesamt 2 Beiträge
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Blödmanns-Gehilfe 05.03.2013
1. Na sowas...
... gibt es in Russland vielleicht doch gar keine aufgeklärte Zivil-Gesellschaft?! Doch keine lupenreine Demokratie? Überraschung!
guteronkel 05.03.2013
2. optional
Welche Beziehungen unterhält die BRD eigentlich mit Russland? Ach so, wir beziehen von denen so viel Gas, dass bei uns das Licht ausginge, wenn wir Russland boykottieren würden. Das ist aber auch ein Pech. Wir könnten allerdings auch einen Boykott gegen Russland ausrufen und natürlich einhalten. Es würde aber von uns ein gewisses Mass an Selbstbeherrschung verlangen. Das haben wir leider -noch- nicht.
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