Britische Deutschland-Schau Zis is ze good Germany

Mehr Goethe, weniger Hitler: Das British Museum in London erteilt den traditionell Festland-skeptischen Briten eine Nachhilfestunde in deutscher Geschichte. Deutschland erscheint in einem neuen, positiven Licht.

Deutsches Historisches Museum

Von , London


Das Deutschlandfieber hat Neil MacGregor, 58, schon in jungen Jahren erwischt. Nachdem er bei einem Frankreichaufenthalt dem Joghurt verfallen war, suchte der Teenager im heimatlichen Glasgow nach dem exotischen Produkt. Fündig wurde er in einem deutsch-jüdischen Delikatessenladen. Damit, so erzählte er der "Financial Times", war seine Neugier an der fremden Kultur geweckt.

Inzwischen ist MacGregor Direktor des British Museum in London, und seine Faszination an Deutschland hat zu einer kleinen, aber feinen Ausstellung geführt. "Germany - Memories of a Nation" ist ein Schnelldurchlauf durch 600 Jahre deutsche Geschichte. 200 Ausstellungsstücke schlagen einen Bogen vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bis zum WM-Sieg 2014.

Den Ausstellungsmachern geht es explizit darum, den Briten Nachhilfe in europäischer Geschichte zu erteilen. "Das Deutschlandbild der Briten ist revisionsbedürftig", sagt Clarissa von Spee, eine von vier Kuratoren. "Wir wollen ihren Horizont erweitern".

"Wer Europa verstehen will, muss Deutschland verstehen"

Es gebe eine Tendenz in Großbritannien, die deutsche Geschichte auf die zwölf Jahre der Nazizeit zu reduzieren, sagt MacGregor. Es sei jedoch unmöglich, die heutige Welt und das heutige Europa zu verstehen, ohne die ganze deutsche Geschichte zu kennen. Im Unterschied zu England und Frankreich habe Deutschland nicht eine Geschichte, sondern viele Geschichten. Die Grenzen seien im Laufe der Jahrhunderte stets im Fluss gewesen, die dezentrale politische Kultur des Heiligen Römischen Reichs sei bis heute der Schlüssel zu Deutschlands Herangehensweise an die EU.

Die Ausstellung erzählt die deutsche Geschichte anhand bunt zusammengewürfelter Objekte und Anekdoten - von der Luther-Bibel bis zum -VW Käfer. Es ist das gleiche Konzept wie bei der Blockbuster-Show "Geschichte der Welt in hundert Objekten", die das British Museum 2010 zeigte.

In ihrem Bemühen, sich von der Verengung der deutschen Geschichte zu distanzieren, drohen die Ausstellungsmacher jedoch, ins andere Extrem zu verfallen. Die Definition der deutschen Kulturnation gerät mitunter recht weit. Ein Raum mit dem Titel "German no more" ist Städten gewidmet, die früher einmal deutsch waren: Basel, Königsberg, Straßburg, Prag. Sie seien ein zentraler Teil der deutschen Geschichte, argumentieren die Ausstellungsmacher, auch wenn sie heute nichts mehr mit Deutschland zu tun haben.

Eine Ecke für die Nazi-Zeit

Der Nazi-Zeit ist nur eine Ecke in der Ausstellung gewidmet: Ein Schaukasten, ein NSDAP-Plakat und eine Replika des Eingangstors des Konzentrationslagers Buchenwald mit dem Spruch "Jedem das Seine". Mehr nicht. Scheinbar gleichberechtigt schließt sich die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten an. In Deutschland würde eine solche symbolische Gewichtung den Vorwurf des Geschichtsrevisionismus auslösen. In London jedoch dürfte kaum die Gefahr bestehen, dass die NS-Zeit deswegen in Vergessenheit gerät.

Die Sonderausstellung, die zum 25. Jahrestag des Mauerfalls geplant wurde, beginnt mit einem Video der Ereignisse vom November 1989. Auch ein Original-Pappschild von der großen Demonstration in Ostberlin am 9. Dezember 1989 ist hinter Glas ausgestellt: "Wir sind ein Volk" steht auf der schwarzrotgoldenen Silhouette des wiedervereinigten Deutschlands.

Prominent sind die deutschen Dichter vertreten, allen voran das riesige Tischbein-Gemälde von Johann Wolfgang von Goethe. Das Bild ist wie die meisten Prunkstücke der Ausstellung eine Leihgabe aus Deutschland, es hängt sonst im Städel-Museum in Frankfurt. Weitere Literaten und Geistesgrößen, die gewürdigt werden, sind die Brüder Grimm, Martin Luther und Karl Marx. Eine vergilbte Ausgabe des "Kommunistischen Manifests" findet sich über dem ersten Band des "Kapitals", den der Londoner Marx einst persönlich dem British Museum geschenkt hatte.

Ganz ohne Humor darf in London selbst eine Deutschland-Ausstellung nicht auskommen. Am Ausgang wartet daher ein kleiner, in Schwarz-Rot-Gold gehüllter Gartenzwerg - eine ironische Anspielung auf den neuen deutschen fahnenschwenkenden Patriotismus, der sich alle zwei Jahre bei Fußball-Turnieren zeigt.

Groß ist die Ausstellung nicht, nach wenigen Räumen ist schon Schluss. Mehr als einen oberflächlichen Crashkurs kriegen die Briten also nicht. Die ersten Rezensenten zeigten sich dennoch sehr angetan. Auch die BBC-Begleitserie im Radio, in der MacGregor seit Ende September jeden Werktag ein neues Ausstellungsstück erklärt, ist ein Hit. Das Wochenmagazin "New Statesman" nannte sie die "Perfektion einer Radio-Show".

"Germany" ist der vorläufige Höhepunkt einer neuen Deutschland-Begeisterung auf der Insel. "Die Stadt, in die die meisten Briten unter 30 wollen, ist Berlin", sagt MacGregor. Das Interesse überrascht ihn nicht. "Seit dem Mauerfall hat Europa mit einem mündigen Deutschland zu tun. Das führt dazu, dass die Außenwelt Deutschland anders sieht als früher".

Ob er denn auch etwas an Deutschland zu kritisieren habe, wird MacGregor von einem deutschen Journalisten fast flehentlich gefragt. "Natürlich", sagt der Schotte lächelnd. "Aber darüber spricht man nicht".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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nullneunelf 15.10.2014
1. Es mag ja
So rein gar nicht ins verquaste Denken der üblichen Spiegelanten passen, aber das ewige Märchen von den bösen Deutschen, die sich nirgends blicken lassen können, ist sowas von abgedroschen. Nirgends auf der Welt ist mir solche Denke, die man ja gerne als allgegenwärtig verkauft, bei stinknormaler Bevölkerung begegnet. Nirgends. Ganz im Gegensatz dazu durchaus sehr oft völliges Unverständnis über die peinliche und krampfhafte Selbstschlechtmacherei, für die kein Mensch einen Anlass sieht, außer der deutschen Presse.
dunnhaupt 15.10.2014
2. Tunnelsicht
Es trifft tatsächlich zu: Wenn man in einer Londoner oder New Yorker Buchhandlung nach deutscher Geschichte sucht, findet man ausschließlich Bücher über den Krieg und die Nazizeit.
cokommentator 15.10.2014
3. @nullneunelf
100 von 50 möglichen Punkten. Man kann es kaum treffender formulieren. Die deutsche Presse ist dem Motto "nur schlechte Presse ist gute Presse" derart verfallen, vor allem wenn es um die Selbstdarstellung Deutschlands geht, da müßte man schon über Abhängigkeit nachdenken, wäre es ein therapeutisches Mittel. Therapieziel irgendwann mal erreicht und jetzt durch die Abhängigkeit ins Gegenteil verkehrt. Gar nicht so ungewöhnlich.
Leeuw 15.10.2014
4. Ja, mehrere.
Viel wird bei dieser Ausstellung leider nicht gezeigt werden können: deutsche Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure, Philosophen, Künstler hätten gerade das 20. Jahrhundert zu einem im besten Sinne "deutschen Jahrhundert" machen können. Vielleicht gelingt es dieses Mal.
koves 15.10.2014
5. Bitte auch in der deutschen Provinz zeigen!
Bezeichnend ist, dass gleich an erster Stelle der Fotos ein Auto gezeigt wird. Nicht fehlen dürfen eigentlich Gartenzwerge und Balkonkästen mit „Geranien“ (heißen eigentlich Pelargonien) - Ein wichtiger Teil der ausgestellten Geschichte ist wohl selbst den meisten Bundesbürgern eher fremd, allem voran historische Zusammenhänge und die Bauhaus-Tradition mit dem daraus abgeleiteten Internationalen Stil. Zumindest denke ich dieses immer, wenn ich durch Deutschlands Einfamilienhaussiedlungen fahre...
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