Hochhaus-Boom "Londons Skyline ist außer Kontrolle"

Mehr als 200 neue Wolkenkratzer wachsen in den kommenden Jahren in den Londoner Himmel - Stadtplaner sind entsetzt. Eine Ausstellung zeigt jetzt die Skyline der Zukunft. Sehen Sie hier den Vorher-Nachher-Vergleich.

Hayes Davidson

Von , London


Seit Jahrhunderten dominieren Big Ben und St. Paul's Cathedral das Stadtbild an der Themse. Doch zunehmend werden die vertrauten Wahrzeichen in den Schatten gestellt: London eifert den asiatischen und amerikanischen Metropolen nach, am Flussufer entstehen Hochhauswände aus Glas.

Eine Umfrage des Architektenvereins New London Architecture (NLA) ergab kürzlich, dass in London 236 neue Gebäude mit über 20 Stockwerken geplant oder bereits im Bau seien. Der Großteil konzentriert sich am Themse-Ufer im Osten der Stadt. Aber auch im Westen, in Sichtweite von Big Ben, wachsen die Türme in die Höhe (siehe Fotostrecke).

In ihrer neuen Ausstellung "Growing Up" zeigt die NLA anhand eines raumgroßen Modells, wie sich die Skyline in den kommenden Jahren verändern wird. Kein neues Projekt reicht an den "Shard" heran, mit 306 Metern Londons höchster Wolkenkratzer. Doch die schiere Masse der Türme lässt bei manchem Londoner die Alarmglocken schrillen.

"Londons Skyline ist außer Kontrolle", warnten 80 Architekten, Künstler und Stadtplaner in einem offenen Brief im "Observer". Viele Wolkenkratzer würden ohne Rücksicht auf ihre Umgebung geplant. Der Höhenwahn drohe den Charakter der Stadt zu zerstören. Die Autoren betonen, sie seien nicht grundsätzlich gegen Hochhäuser. Aber es gebe einen "schockierenden Mangel" an öffentlicher Diskussion.

Starke Nachfrage nach Luxuswohnungen

"Wir müssen aufpassen, welchen Einfluss die Türme auf die Stadt haben", sagt auch Peter Murray, Chef der NLA. Er schlägt vor, eine Skyline-Kommission einzurichten, die sich auch mit ästhetischen und sozialen Fragen befasst. Im Moment würden häufig nur politische und wirtschaftliche Kriterien berücksichtigt.

Der Hochhaus-Boom dient vielen Interessen: Die Immobilienentwickler bauen möglichst weit nach oben, um die teuren Grundstückspreise zu amortisieren. Die Stadtverwaltung hingegen freut sich über die Sozialwohnungen, die Bauherren als Preis für die Bauerlaubnis an anderer Stelle errichten müssen.

Im Unterschied zu früher, als Wolkenkratzer vornehmlich Büros enthielten, sind die neuen Türme zu 80 Prozent für Wohnungen bestimmt. Die Immobilienentwickler kommen kaum hinterher, das große Interesse an Luxuswohnungen zu bedienen. Viele ausländische Investoren sehen eine Immobilie in London als sichere Anlage. Der Markt ist so überhitzt, dass Wohnungen inzwischen dreimal so hohe Quadratmeterpreise wie Büros erzielen.

Vom Armenghetto zum Statussymbol

Die Ausstellung, die noch bis zum 12. Juni zu sehen ist, erzählt auch, wie der Hochhausbau in London begonnen hat: Die Stadt wehrte sich zunächst gegen die neue Mode aus den USA, erst in den zwanziger Jahren wurden einige höhere Bürogebäude errichtet. Richtig los ging es dann nach dem Zweiten Weltkrieg: Auf zerbombten Flächen wurden riesige Wohnblöcke aus Beton errichtet. Was damals als zukunftsweisend galt, wurde bald zu einem Symbol für innerstädtische Armut.

Seit einigen Jahren gewinnt das Wohnen im Hochhaus jedoch wieder an Prestige. "Es ist eine interessante Wende", sagt NLA-Chef Murray. "Früher waren Hochhäuser die Ghettos der Armen, jetzt werden sie als Enklaven der Reichen gesehen." Die jüngere Generation schätze das Image der Urbanität, sagt er. Und Käufer aus Asien und der Golfregion hätten ohnehin keine Vorbehalte gegen Wolkenkratzer - im Gegenteil.

Laut einer Umfrage von Ipsos Mori würden zwar nur 27 Prozent der Londoner selbst in einem Hochhaus wohnen wollen. Aber die meisten haben nichts gegen die neue Skyline. Die Frage, ob es zu viele Hochhäuser gebe, bejahten nur 32 Prozent.

Die Wahrnehmung von Hochhäusern habe sich durch Gebäude wie den "Gherkin" von Norman Foster und den "Shard" von Renzo Piano geändert, sagt Murray. Die beiden auffälligen Glastürme sind laut Umfrage die beliebtesten Wolkenkratzer der Stadt. Als neue Wahrzeichen machen sie nun Big Ben in Souvenirläden Konkurrenz.



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insgesamt 68 Beiträge
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ofelas 07.04.2014
1. Manhatten an der Themse
Als bewohner Islingtons habe ich die Veraenderung in den letzten 17 Jahren gesehen,was zur Zeit passiert ist atemberaubend aber nicht umbedingt im guten Sinne. Die Manhattenesierung ist im vollen Gange, Sozialwohnungen und Schwaechere werden verdraent und der Immobilienpreis ist steil (steil) nach oben gegangen - 10000 (11500 Euro) pro Quadratmeter, das koennen sich nur noch Oligarchen und Scheichs verlauben
boreas.spon 07.04.2014
2. Tja...
...dann sieht halt eine Großstadt aus, wie jede andere auch. *g*
Bernhard aus R. bei B. 07.04.2014
3. If you can’t make it good, make it big…
Dieser Satz, ich weiss leider nicht von wem er stammt, illustriert unseren Zeitgeist ziemlich gut. Lang- oder mittelfristiges Denken scheint definitiv passé…
spon-facebook-10000523851 07.04.2014
4. Besser in die Hoehe
als ganze Landstriche mit Beton vollzuschmeissen und unwiderruflich zu vernichten.
Pless1 07.04.2014
5. The City of London
Zitat von sysopHayes DavidsonMehr als 200 neue Wolkenkratzer wachsen in den kommenden Jahren in den Londoner Himmel - Stadtplaner sind entsetzt. Eine Ausstellung zeigt jetzt die Skyline der Zukunft. Sehen Sie hier den Vorher-Nachher-Vergleich. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/london-skyline-bekommt-200-neue-hochhaeuser-a-962639.html
Eine Weltstadt entwickelt sich weiter, so ist das eben. Gerade in London darf das niemanden wundern: Jedwede Regierung in UK hat sich gescheut, in die Urbanisierung gestaltend oder gar mäßigend einzugreifen. Man hatte den Eindruck, das die gesamte Riege von Thatcher bis Cameron nach dem Prinzip vorging, wenigstens mit London in der ersten Liga mitspielen zu wollen, wenn schon GB als Weltmacht Geschichte ist. Industrielle Zentren lies man verwahrlosen, alles außer London ist heute entweder beschauliche, aber strukturschwache Countryside oder aber deindustrialisiertes Prekariatsgebiet. Man fahre mal ins ehemalige industrielle Kernland in Mittelengland - traurige Geisterstädte, die fast schon an das heutige Detroit erinnern: No future... Als Kapitalanlage würde ich solche Wohnimmobilien aber nicht empfehlen, da viel zu risikoreich. Sollte sich Schottland abspalten und dann auch noch Restbritannien sich von der EU lossagen könnte auch London sich schnell im wirtschaftlichen Abwärtsstrudel wiederfinden. Und ob die Oligarchen London dann immer noch "hip" finden oder längst einem anderen Trend hinterherlaufen, ist auch noch nicht ausgemacht. Zumal die hohe Zahl an Wohnungen in solchen Türmen dann schon wieder gegen sie spricht: wer wirklich reich ist, will nicht das gleiche wie zehntausende andere. Das Ergebnis: die Karawane zieht weiter.... ich könnte mir selbst durchaus auch einen Zweitwohnsitz in UK vorstellen. Aber bestimmt nicht in London. Mich zöge es dann eher in die Highlands. DAS ist wirklich einzigartig - und nicht zu kopieren...
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