Kunstaktion in Londoner Chisenhale Gallery Bitte draußen bleiben

Fünf Wochen bezahlter Urlaub: Klingt wie Luxus, ist für die Belegschaft einer Londoner Kunstgalerie dagegen ein Arbeitsauftrag. Warum eine Kunstaktion den Betrieb der Chisenhale Gallery lahmlegte.

Verschlossener Eingang der Chisenhale Gallery in London
Chisenhale Gallery/ Courtesy Maria Eichhorn/ Foto: Andy Keate

Verschlossener Eingang der Chisenhale Gallery in London

Ein Interview von Isabel Metzger


Eine Ausstellung ohne Ausstellung - was soll das denn sein? Wer in diesen Tagen die Londoner Chisenhale Gallery besuchen will, der steht vor verschlossenen Türen. Ein Schild am Eingang besagt, dass die Galerie pausiert: "Chisenhale Gallery's staff are not working", heißt es dort. Kein Streik, sondern eine Aktion der deutschen Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn.

Fünf Wochen lang sind die Büros verriegelt. Kein Mitarbeiter betritt das Gebäude. Selbst E-Mails an die Pressestelle bleiben unbeantwortet. Mit dem Projekt möchte Eichhorn auf die Arbeitsbedingungen in einem gesellschaftlichen Umfeld von drohender Armut und Arbeitslosigkeit aufmerksam machen.

Eichhorn setzt sich in ihren Ausstellungen - unter anderem für die Kunstbiennale Venedig 2015 und die Documenta 11 in Kassel - häufig kritisch mit der kapitalistischen Gesellschaft auseinander. Wir sprachen mit ihr über Zeitdruck und Arbeit ohne Ende.

SPIEGEL ONLINE: Der Titel Ihrer Ausstellung lautet "5 weeks, 25 days, 175 hours". Von welcher Zeit sprechen wir hier?

Eichhorn: Der Titel bezieht sich auf die Laufzeit der Ausstellung, in der die festangestellten Mitarbeiter nicht für die Chisenhale Gallery arbeiten. "5 Wochen" stellen die Gesamtlaufzeit dar. Die "25 Tage" kreisen die Arbeitstage ein, die meine Ausstellung betreffen. Die "175 Stunden" schließlich beziffern die reine Arbeitszeit, die mit der Ausstellung zu einer Nicht-Arbeit innerhalb der Arbeit transformiert worden ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Mitarbeiter einer Kunstgalerie für fünf Wochen nach Hause zu schicken, das klingt nach einem gewagten Schritt: Hat das Management da so einfach mitgemacht?

Schild am Eingang der Chisenhale Gallery in London
Chisenhale Gallery/ Courtesy Maria Eichhorn/ Foto: Andy Keate

Schild am Eingang der Chisenhale Gallery in London

Eichhorn : Anfang Juli 2015 besuchte ich die Chisenhale Gallery und führte ein Interview mit den Mitarbeiter über ihre Arbeitsbedingungen. Nach meinem Besuch und einigen Recherchen unterbreitete ich Chisenhale-Direktorin Polly Staple und der Kuratorin Katie Guggenheim meinen Vorschlag. Sie haben meine Idee angenommen - ihre erste Reaktion war herzhaftes Lachen - und das Ausstellungsprojekt sehr engagiert mit ihrem Team umgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor Start der Performance die Mitarbeiter der Gallery zu ihren Arbeitsbedingungen interviewt. Was für ein Bild haben Sie dabei bekommen?

Eichhorn: Aus dem Interview ging hervor, dass fast alle MitarbeiterInnen mit Fundraising beschäftigt sind. Diese Zeit fehlt für wesentliche Dinge wie Recherche und Reflexion. Beim Fundraising wird die ganze Person absorbiert. So sagte eine Mitarbeiterin in der Diskussion: "Man kann nicht mal eben von der Arbeit Pause machen und ein Schwätzchen abhalten. Die Arbeit bleibt immer im Bewusstsein." Die Arbeit hört nicht auf. Ohne Fundraising würde diese Institution nicht existieren.

SPIEGEL ONLINE: Und das gilt vermutlich nicht nur für diese Institution ...

Eichhorn: Natürlich sind die spezifischen Arbeitsbedingungen zu betrachten. Wo befindet sich eine Institution? In welchem Land? Von wem wird sie geleitet? Wie wird sie finanziert? In Berlin beispielsweise sind Kunstinstitutionen in der Regel finanziell von staatlicher Seite besser ausgestattet und unabhängiger von Privatsponsoren. Gesamtgesellschaftlich gesehen aber gibt es Überschneidungen. Die Politikwissenschaftlerin Isabell Lorey hat das sehr anschaulich dargestellt. Sie schreibt, dass wir im "gegenwärtigen Kapitalismus mit einem ausgeweiteten Verhältnis von Arbeit und Zeit konfrontiert" sind.

SPIEGEL ONLINE: Interviews, Recherchen: Untätig waren Sie selbst für die Aktion nicht. Wie würden Sie Ihre Rolle in "5 weeks, 25 days, 175 hours" beschreiben?

Eichhorn : Meine Rolle ist die der Künstlerin, derjenigen, die eine Idee erarbeitet hat und diese versucht, so gut wie möglich zu realisieren und zu vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Die Aktion läuft nun seit ein paar Wochen. Seitdem gab es ein Symposium. Über die Webseite ist eine Feedback-Option eingerichtet. Wie waren die Besucherreaktionen?

Eichhorn : Das Symposium, das zu Beginn der Ausstellung stattfand, traf auf ein außergewöhnlich großes Interesse, es war schnell ausverkauft. Es war interessant für mich zu erfahren, wie konzentriert das Publikum bei den Vorträgen von Isabell Lorey und Stewart Martin zuhörte. Jetzt, während der Laufzeit der Ausstellung, erhalte ich viele Interviewanfragen. Häufige Reaktionen sind Heiterkeit, Verblüffung und Nachdenklichkeit. Auf sich selbst zurückgeworfen, überlegen viele auch, wie ihre eigene Arbeitssituation aussieht, und was sie daran ändern können. Der Wert von Zeit, von Lebenszeit, rückt in den Fokus der Aufmerksamkeit sowie die Frage, wie man selbst mit seiner Zeit umgeht

SPIEGEL ONLINE: An den Arbeitsbedingungen bei Chisenhale wird sich mit der Aktion wohl kaum etwas ändern. War die Aktion trotzdem ein Erfolg?

Eichhorn: Ich habe schon viel erreicht, weil sich Menschen, die sich damit befassen, kreativ sind und sich ihre eigenen Gedanken machen.



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