Verkauf von "Los Angeles Times" Retter mit Skalpell

Lange befand sich die "Los Angeles Times" im Niedergang. Jetzt wurde sie für eine Rekordsumme verkauft. Der neue Besitzer, ein Biotech-Investor, hat keine Branchenerfahrung - und liegt damit im Trend.

Titelseite der "Los Angeles Times" als Ausstellungsstück im Newseum in Washington
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Titelseite der "Los Angeles Times" als Ausstellungsstück im Newseum in Washington

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Patrick Soon-Shiong ist der reichste Mann in Los Angeles, doch außerhalb der Millionenmetropole war er bisher weitgehend unbekannt. Angaben zu seinem Vermögen schwanken zwischen acht und zwölf Milliarden Dollar, je nachdem, wen man fragt. Nur der Erfinder und SpaceX-Chef Elon Musk, der im Nobelviertel Bel Air lebt, macht ihm da Konkurrenz, doch der hält sich meist woanders auf.

Soon-Shiong, 64, zieht erdgebundenere Projekte vor. Der Biotech-Pionier gründete Pharmafirmen, erfand Krebsmedikamente und will Krebs sogar ganz heilen. Sein Hobby ist Basketball: Er ist L.A.-Lakers-Fan und kaufte Magic Johnson 2010 dessen Anteile an dem Team ab, für rund 30 Millionen Dollar.

Seine jüngste Investition ist jedoch ein bisschen teurer. Eine halbe Milliarde Dollar blättert Soon-Shiong jetzt für seine Heimatzeitung hin, die "Los Angeles Times". Damit wandert das lädierte Traditionsblatt nach 18 Chaosjahren, in denen es von entrückten Eignern im fernen Chicago gesteuert wurde, endlich wieder an einen örtlichen Besitzer.

Rettung innerhalb von fünf Tagen

"Eine großartige Stadt braucht eine großartige Zeitung", freute sich Bürgermeister Eric Garcetti über die Rekordtransaktion. "Los Angeles ist darauf angewiesen, dass die 'L.A. Times' täglich seine Geschichte erzählt."

Und in den letzten Monaten sah es ja immer wieder aus, als werde die "L.A. Times" diese Aufgabe bald nicht mehr erfüllen können. Die 1881 gegründete Zeitung, die 44 Pulitzerpreise eingeheimst hat - zuletzt 2016 für ihre Berichte über den Terroranschlag von San Bernardino - litt nicht nur unter der anhaltenden Medienkrise, sondern auch an eskalierenden Personaldramen.

"Eine Zeitung zerfleischt sich", titelte die "New York Times" noch vorige Woche über den "langsamen Niedergang" der kalifornischen Namenscousine. Doch dann, in nur fünf Tagen, fädelte der Großverlag Tronc aus Chicago, dem neben der "L.A. Times" die "Chicago Tribune", die "Baltimore Sun" und die "New York Daily News" gehören, den diskreten Deal mit Soon-Shiong ein - nicht zuletzt auch, um die lästige, neu gegründete Hausgewerkschaft der "L.A. Times" und Rentenverpflichtungen von 90 Millionen Dollar loszuwerden.

Der Verkauf schockierte selbst Insider. Hatten doch zuvor schon andere Lokalgrößen um die "L.A. Times" gebuhlt, etwa Musikmogul David Geffen und Museumsmäzen Eli Broad. Soon-Shiong reiht sich damit in eine kleine Gesellschaft branchenfremder Milliardäre ein, die das US-Zeitungssterben umkehren wollen - Amazon-Boss Jeff Bezos ("Washington Post"), Sportmagnat John Henry ("Boston Globe"), Casino-König Sheldon Adelson ("Las Vegas Review-Journal"). Der Unterschied: Soon-Shiong zahlte viel mehr als die anderen - doppelt so viel wie Bezos 2013 für die "Post".

"Werkzeug für die Gesellschaft"

Ob es ihm gelingt, die "L.A. Times" finanziell und journalistisch zu sanieren, bleibt freilich offen. Obwohl er sich schon 2016 bei Tronc als Investor einkaufte, sind seine Äußerungen zum Thema an einem Finger abzuzählen. Er schätze den Wert der Presse als "sehr wertvolles Werkzeug für die Gesellschaft" und Bestandteil der Demokratie, sagte er der "New York Times" mit Hinweis auf das Apartheidsregime seines Geburtslands Südafrika.

Der Sohn chinesischer Eltern, der 1983 nach Los Angeles kam, wurde als Transplantationschirurg erfolgreich und mit Biotechfirmen reich. Er erfand das Krebsmedikament Abraxane, dessen Produktionsunternehmen er für 2,9 Milliarden Dollar an den Pharmakonzern Celgene verkaufte. Soon-Shiong beriet Donald Trump im Wahlkampf, ließ jedoch über die Jahre mehr als drei Viertel seiner Parteispenden den Demokraten und Hillary Clinton zukommen.

Als Tronc 2016 gegen eine feindliche Übernahme durch den Gannett-Verlag ("USA Today") kämpfte, stieg Soon-Shiong als Investor ein und wurde Vizechef. Doch er überwarf sich mit dem Mehrheitseigner Michael Ferro und wurde letztes Jahr wieder aus dem Vorstand entfernt. Nun rächt er sich süß.

Aufruhr in der Redaktion

Die "L.A. Times" galt lange als eine der besten Zeitungen Amerikas. Bis zum Jahr 2000 war sie - wie heute nur noch die "New York Times" - in Familienbesitz, dann verkaufte die Chandler-Dynastie sie an den Tribune-Verlag in Chicago. Der wiederum wurde vom Immobilieninvestor Sam Zell übernommen und meldete Konkurs an. Nach einigem Hin und Her erstand Tribune wieder auf und firmiert seit 2016 als Tronc (Tribune Online Content). Allein das war für die alten Zeitungshasen in Los Angeles kein gutes Zeichen.

Chefredakteure kamen und gingen. Die Gründung einer Hausgewerkschaft sorgte für Intrigen. Es gab Gerüchte über eine nicht gewerkschaftlich organisierte "Schattenredaktion". Herausgeber Ross Levinsohn wurde wegen Vorwürfen sexueller Belästigung erst beurlaubt und dann wieder eingesetzt.

Trotzdem hielt sich die Auflage wacker: Mit 433.134 Abonnenten wochentags (718.774 Abonnenten sonntags) und 31,6 Millionen Unique Usern der Onlineausgabe ist die "L.A. Times" immer noch die sechstgrößte US-Zeitung. Doch die Redaktion ist von früher 1300 auf knapp 400 Mitarbeiter geschrumpft. Die Frage ist jetzt: Wird Dr. Soon-Shiong noch mal das Skalpell ansetzen?



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