Loser-Sitcom "Testees" Mann, komm raus, du bist umzingelt

Hart, aber schmerzlich: In der neuen Comedy-Serie "Testees" gehen zwei Loser auf den Pharma-Strich und machen als Arzneimitteltester jede Menge spätpubertäre Gags. Damit liefert die spektakuläre Sitcom den endgültigen Beweis: Männer sind Schweine, und zwar ganz arme.

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Der Furz gilt ja, betrachtet man die menschliche Lebensspanne, als ein zeitlich eher begrenzter Spaß. Als Schüler mag der eine oder andere noch über kleine Kunststoffbeutel kichern, Furzkissen genannt. Auch Flatulenz-Faking mittels Achselhöhle und hohler Hand ist im Jugendalter beliebt, unter Jungs zumal. Doch wenn Körper und Geist volljährig werden, ist meist Schluss mit pupsig-lustig.

Was nur, wenn sich das Leben als nie enden wollende Pubertät erweist?

So ergeht es Peter (Steve Markle) und Ron (Jeff Kassel). Die beiden sind zwei Loser um die 30 und haben es sich bequem eingerichtet in ihrer versifften Buddy-Bude. Dort liegt all das in weiter Ferne, was aus traditionell bürgerlicher Sicht zu einem erwachsenen Mann gehört - Frau, Kinder, Familienkutsche. Das gilt auch für einen anständigen Job: Die Jungs gehen auf den Pharma-Strich. Für eine handvoll Dollars testen sie für den Arzneimittelhersteller Testico dessen neueste Pillen und erleiden dabei stets sehr unangenehme Nebenwirkungen.

Aus eben diesem Umstand versucht nun die kanadische Comedy-Serie "Testees", die seit Ende 2008 in Nordamerika läuft und jetzt auf Comedy Central Deutschlandpremiere feiert, ihren humoristischen Mehrwert zu ziehen. Und sie tut das mit einer brachial gelebten Liebe zum Rektal-Genital-Urinal-Gag, dass selbst ein Holzhammer-Humorist wie Mario Barth dagegen wie ein feinnerviger Feuilletonist wirkt.

Schon der Name der Sitcom spielt nicht allein auf den Job der beiden Hauptfiguren an, sondern auf Hoden - testes ist der Plural des lateinischen testiculus; auch im Englischen durchaus gebräuchlich für das männliche Gemächt. Ähnlich subtil die Geschichten. Gleich in Folge eins probiert etwa Larry ("South Park"- und "Testees"-Autor Kenny Hotz), ein Versuchskaninchen-Kumpel der zwei Loser, ein Penis-Vergrößerungsspray aus, das sich als unerwartet wirksam erweist. Mit sichtbaren Konsequenzen.

Peter hat da weniger Glück: Eine neue Pille beschert ihm einen Riesenbauch. Alle Indizien sprechen zunächst für eine männliche Schwangerschaft, bis der gigantisch Aufgeblähte feststellen muss, dass er etwas ganz und gar Unmenschliches ausgebrütet hat - das ihm dann auch entfährt.

Hart, aber schmerzlich: Der Humor von "Testees" geht also dahin, wo's geschmacklich weh tut. Und er tut das mit gutem Grund. Denn in Wahrheit siedelt die Sitcom in einem gigantischen gesellschaftlichen Krisengebiet: Nie war die männliche Identität brüchiger als derzeit.

Wer kann denn heute noch beantworten, was es heißt, ein Mann zu sein? Während Frauen auf dem Arbeits- und Partnermarkt selbstbewusst ihre Rechte einfordern und durchsetzen, hat die spätkapitalistische Krise in den alten Industriegesellschaften ein männliches Prekariat geschaffen, das verunsichert in einer pubertären Endlosschleife umherflattert.

Niemand braucht mehr einen Ernährer.

Und niemand kann mehr den Ernährer spielen.

Und so ist es auch kein Zufall, dass die "Testees" Peter und Ron ganz und gar auf ihre Körper zurückgeworfen sind - und zwar nicht allein zum Broterwerb. Denn wer sonst nichts hat, worüber er sein Geschlecht definiert, dem bleibt halt nur das Penis-Vergrößerungsspray oder der pharmakologisch induzierte Testlauf als Schwangerer. Da weiß man wenigstens, was Mann ist. Oder eben auch nicht.

Bei aller scharfsichtigen Konsequenz: Richtig witzig ist die Serie leider zu selten. Denn sie zeigt ja nicht nur die neue Spezies der dauerpubertierenden Jungmänner, sie hat sie vor allem als Zielgruppe im Auge. Und so begräbt "Testees" alles unter einer allzu wuchtigen Witz-Welle aus Körperflüssigkeiten aller Art.


"Testees", mittwochs, Comedy Central, 22.35 Uhr



insgesamt 15 Beiträge
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holger.winter 17.06.2009
1. Ziemlich spießig
Wie am Artikel des Herrn Dörting erkennen kann, kann deutscher Journalismus immer noch sehr spießig sein. Testees ist witzig, richtig entspannend wird die Serie wenn man auf dem Sofa liegt und das Gehirn ausschaltet. Das Gehirn ausschalten nicht zum Repertoire des Herrn Dörting gehört, haben wir beim lesen des Artikels leider feststellen müssen. Da sollten solche Schreiberlinge besser bei GNTM bleiben, DRAMA BABY DRAMA.
oiufrejdt 17.06.2009
2. toller artikel
toller artikel, es war wirklich schön zu lesen und wahrscheinlich viel witziger als der betrachtete gegenstand
dieter1m 17.06.2009
3. Männerfeindliche Gender-Gesellschaft
Die Serie und auch der Artikel sind Ausdruck einr kläglichen sexistischen Gesellschaft, die Milliarden für Gender-Mainstreaming-Gehirnwäsche ausgibt, Frauen andauernd bebauchpinselt und vergötter und für die Männer mittlerweile der letzte Dreck sind. Eine derartige Sichtweise hat ja auch beim Spiegel eine längere Tradition, wenn man sich anschaut, was er über die Geschlechter schreibt (siehe Titelgeschischte "Eine Krankheit namnes Mann" oder das letzte Spezial-Heft zum Thema "Frauen".). Es wird Zeit, dass sich Männer nicht mehr länger als minderwertiges "Untergeschlecht" abfertigen lassen. Vom Spiegel erwarte ich mir hierbei in absehbarer Zeit leider keine hilfreichen konstruktiven Beiträge.
dasky 17.06.2009
4. Schweine, Schweinegrippe, Schweinereien
Das ärmste Schwein ist wahrscheinlich Herr Dörting. Selber schuld (http://www.ffw.intergrid.de/Archiv-Bild-der-Woche/Maenner_sind_Schweine.jpg), wenn er sich immer mit Sauereien beschäftigt. Vielleicht hat er einfach nur Schweinegrippe (http://german.cri.cn/mmsource/images/2009/04/27/grippe.jpg), oder er hofft (http://www.youtube.com/watch?v=5uJ56utizCo&feature=related), von Alice S. (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=3903) einmal zum "Interview" geladen zu werden, vielleicht auch von Sandra Maischberger (http://www.youtube.com/watch?v=lOXcKcSQD9w&feature=related) oder so. Immer diese Affen (http://www.youtube.com/watch?v=eySupl1e1wI)....
oiufrejdt 17.06.2009
5. antwort
hallo dieter1m, leider sprechen statistische daten eine ganz andere sprache. frauen werden nicht andauernd "gebauchpinselt". ihren beitrag kann ich nur als die "gefühlte außenthemperatur" ehemaliger paschas einordnen, die es schlimm finden, dass sie plötzlich einer kommenden gerechtigkeit ins auge sehen müssen.
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