Museumsbau in Lens: Ein Louvre für die Hinterwäldler

Aus Lens berichtet

In Lens ist tote Hose. Die Stadt in Nordfrankreich gilt als Metropole der Tristesse. Ausgerechnet dort eröffnet das Louvre-Museum jetzt einen Ableger. Bringt das Projekt den Sch'tis die erhofften wirtschaftlichen Impulse? Es könnte klappen: Die Fritterie gegenüber hat ihren Umsatz schon vervielfacht.

Museumseröffnung: Ein Louvre für Lens Fotos
Cyrille Thomas/ SANAA/ Imrey Culbert/ Catherine Mosbach

Geduckte Arbeiterwohnungen in rotem Ziegel, Reihenhäuser mit Asbestdächern zwischen ehemaligen Eisenbahntrassen, bröckelnde Sozialbauten. Dazu zwei Kirchen, ein Fußballstadion und der Bahnhof in Form einer Lokomotive. Zwei spitze Abraumberge überragen wie dunkelgraue Pyramiden das Panorama der Stadt, eine Fußgängerzone führt vorbei an leerstehenden Häusern und Läden, Schnellrestaurants bieten Fritten, Kebab und Burger: "Willkommen bei den Sch'tis" - Lens, 200 Kilometer nördlich von Paris, steht für die ganze Tristesse einer ehemaligen Bergbauregion.

Die Stadt mit gut 30.000 Einwohnern im Departement Pas-de-Calais ist, vom Fußballclub abgesehen, vor allem bekannt für das, was sie früher einmal war: Ein Zentrum des Kohleabbaus, der industriellen Produktion und Eisenbahnknotenpunkt in Frankreichs Norden. Davon ist wenig geblieben. Lens zählt heute zu den ärmsten Kommunen Frankreichs, mit grassierender Arbeitslosigkeit und steter Abwanderung. Noch existieren Theater und Gericht, das einzige Kino der Stadt machte vor zwölf Jahren dicht. Im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört, erlebte Lens einen neuen Aufschwung - bis die Stadt mit Schließung der letzten Kohlegruben 1986 nach drei Jahrzehnten Wirtschaftswunder in die Depression abglitt.

Damit soll nun Schluss sein. Anfang Dezember wird das Museum Louvre-Lens eröffnet - ein Ableger des weltberühmten Pariser Mutterhauses. Nach dem Vorbild der Tate-Galerie in Liverpool oder dem Rezept des Museums Guggenheim im spanischen Bilbao soll die kulturelle Neuansiedlung das angeschlagene Image der Krisenregion aufbessern und eine ökonomische Renaissance der gesamten Region mit anschieben.

Gegenüber der Fritterie

"Die Idee entstand vor mehr als einem Dutzend Jahren", erzählt Henri Loyrette, Direktor des Louvre. "Im Rahmen der politischen Dezentralisation suchten wir damals nach der Möglichkeit, außerhalb unserer eigenen, historischen Mauern zu expandieren. Und wir wollten mehr als eine bloße Außenstelle: Hat der Pariser Louvre seit der Französischen Revolution von 1789 die Aufgabe, die Schätze der Nation zu versammeln, sollte im Norden ein zeitgemäßes Labor entstehen für kulturelle und museale Experimente."

Lens gewann den Zuschlag, vor allem wegen eines Areals von 20 Quadratkilometern, mitten im Herzen der Stadt, gerade 15 Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Eine geschichtsträchtige Industriebrache obendrein, einst Teil der Förderanlagen von Schacht 9-9. Hier, gleich gegenüber der Fritterie-Bar Chez Cathy entstand, auf einem vier Meter hohen Sockel aus schieferigem Abraumgestein, der Neubau nach den Entwürfen der japanischen Architekten-Firma Sanaa.

Trotz einer Bausumme von 150 Millionen Euro und dem Wunsch nach einer "großen Geste" (Loyrette) verzichteten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, 2010 ausgezeichnet mit dem renommierten Pritzker-Preis, auf jedes städtebauliche Imponiergehabe. Das Duo, in Deutschland bekannt durch den Zollverein-Kubus der Folkwang-Universität Essen, schuf in Lens eine Folge schlichter einstöckiger Flachbauten mit insgesamt 28.000 Quadratmetern: Fünf Rechtecke, ineinander verschränkt, die Wände leicht gebogen, ein Zitat der historischen Gleise der Kohle-Loren.

220 Meisterwerke

"Wir hatten ein Museum vor Augen, das dem Publikum in einem offenen Kontext den Zugang zu den ausgestellten Objekten erlaubt", sagt Ryue Nishizawa. "Außerdem sollen die Zuschauer Gelegenheit haben, diese Erfahrung miteinander zu teilen." Das Credo der zurückhaltenden Kreativen nimmt ihr Leitmotiv der Biennale Venedig von 2010 wieder auf: "People meet in architecture".

Entstanden sind leichte, fast transparente Baukörper, die in der Höhe die benachbarten Siedlungen kaum überragen. Im Untergeschoss versenkt finden sich Büro- und Technikräume, außerdem Lager und Werkstätten, die - durch Fenster sichtbar - den Zuschauern einen Blick auf den Alltag des Museumsbetriebs erlauben. Oberirdisch der Eingangspavillon und zwei Hallen für Wechselsausstellungen, durchweg verglast, auf schlanken Pfosten schwebend. Dazwischen der Riegel der Großen Galerie, die mit 3000 Quadratmetern fast die Hälfe der für Besucher zugänglichen Flächen ausmacht.

Die Halle ist auch programmatisch das Hauptstück von Lens: Ein fensterloses Gebäude, außen in eine matt schimmernde Haut aus Aluminium gehüllt, die Licht, Umgebung und Besucher reflektiert. Im Innern ein einziger Raum, der nur von der Decke durch indirektes Licht erhellt wird - eine langgestreckte Guckkastenbühne auf Jahrhunderte der Kunstgeschichte: Von der leicht erhöhten Plattform an der Stirnseite fällt der Blick auf eine leicht abfallende Sammlung von rund 220 spektakulären Meisterwerken. Da steht eine handgroße Venusfigurine aus dem minoischen Zypern neben Mosaiken aus Mesopotamien, lebensgroße römische und griechische Statuen erheben sich nur Schritte weiter neben mittelalterlichen Gemälden und Meißner Porzellan. Ein stählernes Metallband an der Längsseite des Raums verortet die Exponate aus dem Zeitraum zwischen 3000 vor Christus bis etwa 1860 - der Besucher erhält damit einen Hinweis auf die Chronologie der ausgestellten Stücke.

Zeitreise zwischen Stilrichtungen und Epochen

"Wir wollten mit dem Gegenüber und Nebeneinander von Malerei, Plastik und Schmuck die Wechselwirkungen der Kunst aufzeigen", sagt Adrien Gardère, der für die Konzeption der Großen Galerie mit verantwortlich zeichnet. Jenseits der Tradition eines enzyklopädischen Museums, das Kunstwerke nach Abteilungen, Schulen oder Perioden klassifiziert, oder der moderneren Einteilung nach Themen, erlauben die auf poliertem Beton freigestellten Objekte dem Besucher "ein unendliches Spiel verschiedenster Betrachtung - eine Zeitreise zwischen Stilrichtungen, Epochen, zwischen Geografie, Politik oder Philosophie und ihren gegenseitigen Einflüssen."

Ein Experiment nicht ohne Risiko, weil die überwältigende Vielfalt zwar Entdeckungen und Emotionen fördert, aber, so Kritiker, auch den Eindruck von Beliebigkeit erwecken kann. Von derartigen Bedenken will Henri Loyrette freilich nichts wissen, er verteidigt das Konzept des Museums und den Standort in einer Stadt, die mit Kulturangeboten nicht gerade gesegnet ist. "Ein Louvre in Aix-en-Provence hätte kaum Schlagzeilen gemacht", so der Chef des Pariser Stammhauses. "Aber das Louvre in Lens, in einem der schönsten Bauten, die ich je gesehen habe, das ist eine Herausforderung. Und ich sage: Es wird funktionieren."

Denn auch die Bevölkerung von Lens, nicht unbedingt das übliche Bildungsbürgertum, soll mit seinen Vereinen und Organisationen in das Besuchsprogramm einbezogen werden - über Führungen für Schulen, Vorträge und Konzerte. Messbar ist der Erfolg schon bei Chez Caty, gleich gegenüber vom Eingang; der Imbiss hat seinen Umsatz bei Speisen und Getränken gut verdreifacht. Aber ob auch die Leute mal ins Museum gehen werden? Die Besitzerin ist skeptisch. "Mal sehen, was es da gibt."

Für derart reservierte Sch'tis hat Museums-Mann Loyrette freilich noch einen Trumpf im Ärmel: "Während des ersten Jahres bleibt der Eintritt im Louvre-Lens gratis."


Louvre-Lens, Einweihung am 4. Dezember 2012, geöffnet für das Publikum ab 12. Dezember

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1. Klischees
DrWimmer 20.11.2012
Zitat von sysopDie Stadt mit gut 30.000 Einwohnern im Departement Pas-de-Calais ist, vom Fußballclub abgesehen, vor allem bekannt für das, was sie früher einmal war: Ein Zentrum des Kohleabbaus, der industriellen Produktion und Eisenbahnknotenpunkt in Frankreichs Norden. Davon ist wenig gebliebenLouvre-Lens: Museumsneubau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/louvre-lens-museumsneubau-a-866719.html)
Davon ist wenig geblieben? Komisch! Natürlich steht - wie im Ruhrgebiet oder im Harz - längst nicht mehr jede Anlage. Aber die immer noch existierende Bergbau-Kulturlandschaft des Nord-Pas de Calais ist von der UNESCO immerhin zum Weltkulturerbe erklärt worden. Lens liegt mitten drin. Mag sein, dass Lens noch schlimmere Strukturprobleme hat als Gelsenkirchen. Aber was sind Hinterwändler? Egal: Wie im Ruhrgebiet trifft man dort auf sehr viel Gastfreundschaft, raue Herzlichkeit und auch eine Universität. Dumm ist man nicht. Übrigens trifft man wie im Ruhrgebiet nicht selten auch auf polnisch-stämmige Ex-Bergleute, die sogar immer noch beherzt das Steigerlied singen können. Wenig geblieben? Dieses ständige Rumreiten auf Klischees und Verunglimpfen von Einwohnern bestimmter Regionen (wie in Deutschland ja auch heute noch bei Berichten über das längst grüne Ruhrgebiet anzutreffen) macht in einem Qualitäts-Medium keinen guten Eindruck. Wenn dann noch die Tatsachen zu Gunsten der eigenen süffisanten Schreibe zurechtgebogen werden (s.o.), wirds heikel. Ich finde: Das geht bestimmt auch besser. So wird es übrigens auch Lens mit dem Museum gehen. Deshalb kommt es auch nicht "ausgerechnet" dort hin, sondern mit Sinn und Verstand. Das ist bemerkenswert für einen Zentralstaat wie Frankreich, überlässt Deutschland doch seinen Westen sich selbst und fördert stur in den Osten. Wie das eigentlich noch mindestens bis 2020 sein kann, wäre eine Titelstory wert.
2. Klasse wie hier wieder das Bild vom widerlichen Deutschen
prontissimo 20.11.2012
Zitat von sysopIn Lens ist tote Hose. Die Stadt in Nordfrankreich gilt als Metropole der Tristesse. Ausgerechnet dort eröffnet das Louvre-Museum jetzt einen Ableger. Bringt das Projekt den Sch'tis die erhofften wirtschaftlichen Impulse? Es könnte klappen: Die Fritterie gegenüber hat ihren Umsatz schon vervielfacht. Louvre-Lens: Museumsneubau - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/louvre-lens-museumsneubau-a-866719.html)
von SPON genährt wird. So viel dümmliche Überheblichkeit ist mir selten untergekommen.
3.
Stäffelesrutscher 20.11.2012
»Lens gewann den Zuschlag, vor allem wegen eines Areals von 20 Quadratkilometern« Es sind 20 Hektar. Kleiner Unterschied. Und Friterie schreibt sich mit einem t. Jedenfalls in Frankreich, wo es Frites sind und weder Fritten noch Pommes.
4. Touristen anlocken?
mayazi 21.11.2012
Bei mir klappt es zumindest: ich werde es mir garantiert bald ansehen!
5. Egal
cythere 21.11.2012
Was für ein Unsinn. Weder ist es Aufgabe der Kunst, Wirtschaftsförderung zu betreiben noch Erbauung zu spenden. Aber selbstverständlich ist es opportun, seinen Namen zu vernichten, indem man sich wie eine Marke aufführt. Hatten wir nicht erst neulich einen Ableger des Centre Pompidou im lothringischen Metz? Der Kunst ist das ja gottlob egal. Die erträgt auch eine Präsenz in den Schraubenmuseen hohenlohischer Milliardäre.
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