Luc Tuymans in München Der Maler des Unmalbaren

Holocaust, Brustkrebs, Kindesmissbrauch - der belgische Maler Luc Tuymans bannt das Grauen auf die Leinwand. Sein beklemmendes Werk hat ihn zum Star gemacht. Zum 50. Geburtstag ehrt ihn das Münchner Haus der Kunst mit einer Werkschau, die die Banalität des Bösen eindrucksvoll vorführt.

Von Jenny Hoch, München


München - Egal, wo man hinkommt, das Grauen ist immer schon da. Es springt einen niemals direkt an, sondern es versteckt sich hinter schemenhaften Umrissen und verblichenen Farben. Es kriecht aus den mit Ölfarbe verstopften Poren der Leinwände und rieselt durch das weiß-grünliche Oberlicht der monumentalen Ausstellungshallen, um anschließend bleischwer und doch ungreifbar auf den kalten Marmorquadraten des Fußbodens zurückzubleiben.

Der Belgier Luc Tuymans ist nicht nur Maler, sondern – und das zeigt die große Werkschau, die ihm das Münchner Haus der Kunst anlässlich seines 50. Geburtstages ausrichtet, einmal mehr – auch ein begnadeter Inszenator des Schreckens. Wie zum Hohn trägt die Ausstellung, die insgesamt 90 Gemälde aus unterschiedlichen Werkgruppen des Künstlers versammelt, den fröhlich-hoffnungsvollen Titel "Wenn der Frühling kommt". Doch auch diese Fährte ist eine Täuschung, denn der Titel verweist auf die NS-Auslandsillustrierte "Signal", mit der das großdeutsche Reich in den besetzten Ländern glorifiziert werden sollte.

Tatsächlich wird die warme, sprießende, alles neu erschaffende Jahreszeit niemals beginnen, da kann man bei Tuymans sicher sein. Stattdessen herrschen nebelverhangene Trübnis und eine latent aggressive Stimmung. Der Künstler verharrt konsequent im Ortlosen, indem er niemals die Dinge an sich malt, also weder Leichenberge, Kriegsszenarien oder Gewaltdarstellungen, sondern lediglich einen verfremdeten Ausschnitt daraus oder das, was sich direkt daneben befindet.

Seine Themenpalette ist denkbar weit gefächert: der Holocaust, die belgische Kolonialvergangenheit im Kongo, Kindesmissbrauch, tödliche Krankheiten, Macht und Religion, aber auch Florales oder Triviales – Luc Tuymans entreißt seine Sujets allen möglichen Themenbereichen, je komplexer, desto besser. Seiner Phantasie traut Tuymans dabei nicht über den Weg: "Imagination ist der Wirklichkeit immer unterlegen." Konsequent malt er deshalb alle seine Bilder nach fotografischen Vorlagen und schafft, wie er es selbst nennt, "authentische Fälschungen". In diesem Sinne ist Tuymans ein Gedächtnismaler, seine Werke unscharfe Erinnerungen, gespenstische Leerstellen.

Subtiler Horror

So stieß Tuymans während seiner Recherchen zum Holocaust auf eine Postkarte, die das "Vorzeigelager" Theresienstadt zeigt. Ein Deportierter hatte "unsere neuen Quartiere" darauf geschrieben. In der gleichnamigen bildnerischen Umsetzung ist umrisshaft ein in schlammigen Brauntönen gehaltenes Gebäude zu erkennen, darauf prangt der Schriftzug "Our New Quarters". Der subtile Horror des Dargestellten erschließt sich lediglich mittelbar - und über den Titel.

Beim Rundgang durch die Ausstellung, den der eloquente Tuymans für die Presse selbst besorgt, verweist Tuymans im Vorbeigehen auf eine Vitrine, in der Polaroids, Zeitungsausschnitte und anderes Recherchematerial, darunter das Bild eines Mannes in mit NS-Abzeichen verzierter Uniform zu sehen ist: "Das ist Reinhard Heydrich, der schönste aller Nazis." Später wird man dem SS-Obergruppenführer wieder begegnen, ein kleinformatiges Bild aus der Serie "Die Zeit (I-IV)" zeigt ihn mit Sonnenbrille und ausdrucklosem Gesicht.

Für seinen beherzten Umgang mit heiklen Themen, vor allem mit der NS-Zeit, ist Tuymans oft scharf angegriffen worden. Seitdem er vor rund 20 Jahren mit seinem unscheinbaren Gemälde "Gaskammer" anfing, über die Darstellbarkeit des Grauens zu reflektieren, hat man ihm immer wieder vorgeworfen, seine Malweise sei indifferent und sein Werk banal. "Schwach gemalt und schwächlich gedacht" polterte etwa Hanno Rauterberg vor Jahren in der "Zeit" über den zweimaligen Documenta-Künstler.

Überraschen und verstören

Andere wiederum halten den 1958 geborenen Tuymans für einen der wichtigsten Künstler seiner Generation, einen konsequenten Verfechter der Malerei selbst in Zeiten, in denen man lieber installierte oder fotografierte, als einen Pinsel in die Hand zu nehmen. Einen, der nun völlig zu Recht auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt wird und der es versteht, mit seinen Arbeiten immer wieder zu überraschen und zu verstören.

Im Haus der Kunst hat man bewusst nicht auf den skandalösen Aspekt seiner Werke gesetzt, sondern subtil die Räume, die Tuymans in seinen Arbeiten schafft, mit den Monumentalräumen des Nazibaus in Verbindung gesetzt. Zentral in der großen Halle prangt das großformatige "Still-life" von 2002. Das schlichte Arrangement aus verschiedenen Obstsorten und einem gläsernen Wasserkrug, das jeglichen Hintergrunds beraubt im Nichts zu schweben scheint, lieferte der Maler bei der 11. Documenta in Kassel ab, als alle Welt von ihm einen bildnerischen Kommentar zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erwartete – eine Provokation. Doch Tuymans konterte kühl: Mit diesem "Gegenbild" wollte er "die Idee der Banalität bis an einen überlebensgroßen, einen unmöglichen Punkt" treiben.

Es ist diese schwerblütige Spielart der Banalität, die dem Werk Tuymans anhaftet wie ein furchteinflößender Schatten. Ob er Fernsehtestbilder malt, Schaufensterpuppen, Alien-Knaben, den Papst oder Märchenszenen, immer sind seine Motive mit unheilvoller Bedeutung aufgeladen, immer tappt der Betrachter irgendwann unweigerlich in die Suspense-Falle, die Tuymans so meisterhaft zu inszenieren versteht. Der Weg von Disneyland zum absoluten Grauen ist eben nicht weit.


Luc Tuymans: "Wenn der Frühling kommt". Haus der Kunst, München, bis zum 12. Mai 2008



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