Parfumkritiker Luca Turin: "Zu Angela Merkel passt bedrohliche Dunkelheit"

Parfumkritiker Turin: Nachricht im Flakon Fotos
dapd

Wie riecht Deutschland? Und wonach George Clooney? Der Parfumkritiker Luca Turin verrät, was die deutsche Kanzlerin auf der Haut tragen sollte, empfiehlt einen Duft für alle Männer, die sich nicht als Brusthaar-Macho fühlen, und erklärt, warum das beste Frauenparfum der Welt ein perverser Witz ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Turin, gibt es einen typisch deutschen Duft?

Turin: Mein Eindruck ist, dass die Deutschen die klassischen Parfums schätzen: eine gute, solide Struktur. Bei den Damendüften sind das feminine Parfums. Die von Jil Sander zum Beispiel. Die sind alle sehr stilvoll, aber ein bisschen altmodisch.

SPIEGEL ONLINE: Welches Parfum würden Sie Angela Merkel vorschlagen?

Turin: Sie ist eine frühere Physikerin, versucht rational Politik zu machen. Sie bekleidet eine verantwortungsvolle Position. Sie braucht etwas Seriöses und Unaufdringliches. Ein bisschen distanziert. Dune von Dior wäre ideal.

SPIEGEL ONLINE: Das ist allerdings eine zweifelhafte Empfehlung. In Ihrem "Kleinen Buch der großen Parfums" schreiben Sie über Dune: "Echte, bedrohliche Dunkelheit findet man nicht in den Posterposen von Alice Cooper, sondern in diesem entzauberten, damenhaften Juwel."

Turin: Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag Angela Merkel! Aber dieser Geruch passt nun mal zu ihr...

SPIEGEL ONLINE: Generell schreiben Sie und Ihre Frau Tania Sanchez, mit der Sie das Buch verfasst haben, sehr unterhaltsam und mit Lust an komplexen Vergleichen, wie man sie im Beauty-Ressort selten findet: So nennen sie Thierry Muglers Parfum Angel den besten Frauenduft, der derzeit auf dem Markt ist - bezeichnen es aber als perversen Witz.

Turin: Ein Parfum ist eine Nachricht in einer Flasche. Alles, was meine Frau und ich in unseren Parfumkritiken tun, ist, die jeweilige Nachricht aus der Flasche zu nehmen und zu lesen. Ein Parfum ist nicht einfach irgendein Duft. Es ist ein Duft, komponiert von einem Menschen, um einem anderen Menschen etwas zu sagen. Bei gebratenem Speck oder Rosen ist das nicht so. Die Rosen geben einen Scheiß darauf, wie der Mensch sich fühlt. Der Parfumeur nicht.

SPIEGEL ONLINE: Demnach ist die Botschaft von Angel sehr kompliziert - nicht jeder versteht perverse Witze.

Turin: Thierry Mugler wollte einen Schokoladenduft. Jeder wollte das in den frühen Neunzigern. Aber Schokoladenparfums riechen nicht gut. Der Parfumeur schlug Mugler deshalb vor: Warum nehmen Sie nicht diese abscheuliche Schokoladenbasis und mischen Sie mit einem blumigen Duft - das ist es! Mugler liebte es. Angel ist schwer zu ignorieren. Aber als Komposition phantastisch.

SPIEGEL ONLINE: Azzaro pour Homme, das Sie als besten Männerduft empfehlen, wirkt in Ihrer Beschreibung weniger komplex.

Turin: Es vermittelt dieses Haarige-Brust-Gefühl aus den Siebzigern. Es erinnert mich an Männer wie George Clooney, Inbegriff des ironischen Machos.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich als Mann nun nicht aussehe wie George Clooney?

Turin: Dann benutzen Sie Chanel No. 5.

SPIEGEL ONLINE: Ein Frauenduft. Und mittlerweile das konservativste Parfum überhaupt.

Turin: Man müsste es deshalb in einem anderem Zusammenhang benutzen: als sehr gutes Männerparfum. Auch wenn ich nicht viele Männer kenne, die die den Mut hätten, das zu tun.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch vergleichen Sie Chanel No. 5 mit einer modernen Plastik des Künstlers Constantin Brancusi. Dessen Werke waren ziemlich massiv.

Turin: Mit Chanel No. 5 ist es wie mit der modernen Kunst. Es wird heute viel zu ernst genommen. Aber es war einmal revolutionär.

SPIEGEL ONLINE: Taugt Parfum als Mittel der Verführung?

Turin: Alles kann ein Mittel der Verführung sein, vor allem aber Humor, Intelligenz und Geschmack. Verführung findet oft beim Ausgehen statt. Man sollte jedoch kein allzu starkes Parfum im Restaurant oder bei einem Konzert tragen - manche mixen Essensgerüche und Parfum. Eine ganz schlechte Idee.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Duft wäre denn geeignet für ein Essen zu zweit?

Turin: Alle Chyphre-Düfte...

SPIEGEL ONLINE: ...eine Parfumfamilie, die, wie Sie schreiben, unter anderem auf Eichenmoos und Bergamotte basiert.

Turin: Alle derartigen Düfte passen gut zu Wein und Essen. Mitsouko zum Beispiel, das ist sehr klassisch.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch nennen sie Mitsouko das beste Parfum aller Zeiten.

Turin: Zumindest ist es das beste, das man noch kaufen kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Turin: Weil es musikalisch gesehen eine wunderschöne Melodie hat und eine liebenswerte Orchestration, eine liebenswertes Timbre. Ein bisschen wie Brahms' Kammermusik, das Klarinettenquintett zum Beispiel: nur fünf Instrumentalisten, aber eine Dichte und Schönheit so voll wie eine Symphonie. Nicht zu dick aufgetragen, aber voll und sehr reich.

SPIEGEL ONLINE: Mitsouko ist bereits seit 1919 auf dem Markt. Die meisten Düfte verschwinden schnell wieder - oftmals auch, weil das Image überholt ist: Wenige würden heute noch Cool Water benutzen, den Inbegriff des Männerdufts der späten Achtziger.

Turin: Allerdings ist die Komposition ein Meisterwerk. Das Problem ist, dass zur Parfumkomposition immer auch der Name und das Image dazukommen - nur manchmal passt das zusammen. Sehr viel Kreativität geht auch ins Flakondesign. Dafür gibt es weltweit nur drei oder zwei Firmen. Es ist sehr teuer, einen neuen Flakon zu produzieren. Manchmal ist diese Verpackung fast so wichtig wie der Duft. Aber mich interessiert nur der Inhalt.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie Parfumkritiker geworden?

Turin: Zunächst mal: weil es damals keinen gab. Anfang der Neunziger schrieb ich einige Texte über Parfum und zeigte sie meiner Mutter. Sie sagte: Ich wusste gar nicht, dass du dich damit derart auskennst. So entstand ein kleiner Parfumführer, der 1992 herauskam. Damit fing es an.

SPIEGEL ONLINE: Und welchen Duft benutzen Sie selbst?

Turin: Eigentlich überhaupt keinen.

Das Interview führte Sebastian Hammelehle

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Zur Person
Luca Turin, geboren 1953, in Beirut, ist Biophysiker und Buchautor. International bekannt wurde er als einer der wenigen Parfumkritiker weltweit. Im deutschsprachigen Raum erscheinen seine Texte u.a. in der "Neuen Zürcher Zeitung". Gemeinsam mit seiner Frau Tania Sanchez veröffentlicht Turin nun "Das kleine Buch der großen Parfums". Nach langen Jahren in Boston leben Sanchez und Turin derzeit in Athen.