Umgang mit Lügen "Einem Politiker nichts glauben? Genauso naiv!"

Helmut Kohl tat es, Bill Clinton und Donald Trump sowieso: Moralisch wird Lügen verurteilt - trotzdem hören Menschen nicht auf, die Unwahrheit zu sagen. Warum? Ein Gespräch mit der Philosophin Bettina Stangneth.

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SPIEGEL ONLINE: Frau Stangneth, Sie haben ein Buch über Lügen geschrieben. Ist der simple Appell "Du sollst nicht lügen" nicht überzeugend genug?

Stangneth: Offensichtlich nicht. Wir verurteilen seit Tausenden Jahren die Lüge, und trotzdem ist sie alltäglich. Moral ist aber keine Abkürzung zum Wissen. Wenn wir zum Beispiel über Genetik diskutieren, haben wir einen ziemlich genauen Begriff, was mit Gentechnik gemeint ist. Aber wissen wir wirklich, was mit "Lüge" gemeint ist?

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Stangneth: Lügen ist der Versuch, unbemerkt Einfluss auf das Handeln eines anderen Menschen zu nehmen. Der Lügner will ja nicht nur mein Denken verändern. Das interessiert ihn nur soweit, als es die Grundlage ist, auf der ich zu handeln bereit bin. Lügen ist das dafür taugliche Werkzeug. Man übersieht es schnell, aber es gibt einen Unterschied zwischen der menschlichen Fähigkeit, die Unwahrheit zu vermitteln, und der Lüge, die ein Teil der Welt ist. Lügen ist immer eine Handlung. Ob auch eine Lüge daraus wird, ist eine andere Frage.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben die Lüge in Ihrem Buch als Ergebnis eines Dialogs.

Stangneth: Ein einzelner Mensch kann zwar lügen - aber nicht bestimmen, dass daraus auch eine Lüge wird. Ohne den Zuhörer, ohne den Gläubigen geht das nicht. Der Lügner macht nur ein Angebot. Nur durch den, der es auch annimmt, entsteht die Lüge.

SPIEGEL ONLINE: Der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz hat behauptet, es hätte während des G20-Gipfels keine Polizeigewalt gegeben, während bereits Szenen der Gewalt von Polizisten in den sozialen Netzwerke kursierten. Warum entfaltet so eine Mitteilung trotzdem Wirkung?

Stangneth: Wenn jemand etwas sagt, das nicht den Tatsachen entspricht, gibt es zwei Möglichkeiten: Er trifft auf Menschen, die es besser wissen, also in Ihrem Beispiel diejenigen, die dabei waren. Seine Botschaft kann aber auch andere erreichen, die außerdem nicht noch einmal kritisch nachfragen. Im ersten Fall haben Sie ein Lügen, das scheitert. Im zweiten Fall haben Sie ein erfolgreiches Lügen, das tatsächlich zu einer Lüge führt.

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Lügen: "I did not have sexual relations with that woman"

SPIEGEL ONLINE: Kann ausdauernde Skepsis vor dem Belogenwerden schützen?

Stangneth: Es mag Leute geben, die einem Politiker lieber gar nichts glauben. Zu denken, dass das vor Lügen schützt, ist aber genauso naiv. Denn wie würden Sie jemanden belügen, der Ihnen nichts glaubt? Richtig, Sie würden ihm die Wahrheit sagen. Letztlich hilft nur, sich auf die Sachen zu konzentrieren, Wissen zu suchen. Die Frage ist schlicht: Gab es Polizeigewalt oder nicht?

SPIEGEL ONLINE: Ist der Belogene mitverantwortlich für die Lüge?

Stangneth: Unvermeidlich ja. Das hören wir nicht gern. Doch man wird nicht Opfer einer Lüge, so wie man das Opfer eines Mordes werden kann, nämlich indem man einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Der Belogene hat etwas mit der Lüge zu tun. Mal abgesehen davon, dass man sich auch bloß als Opfer eines Lügners ausgeben kann. Weil jemand, der belogen wurde, gewöhnlich auf Nachsicht rechnen kann, reicht ein herbeigezauberter Lügner oft genug als Entschuldigung für den Schwachsinn, der sich so reden lässt: Wenn ich erzählen möchte, dass Afrikaner ständig blonde Frauen vergewaltigen, bin ich angreifbar. Wenn ich aber behaupte, das in irgendeiner Zeitung gelesen zu haben, gelte ich eben als naiv.

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SPIEGEL ONLINE: Haben Lügner es in der heutigen Medienlandschaft leichter als früher - weil im Internet jeder einfach Unwahrheiten in den Diskurs einspeisen kann?

Stangneth: Im Gegenteil. Der Zugang zu Wissen und Information war nie leichter als heute. Das Problem ist nicht mangelnde Information, auch wenn diese Vorstellung uns Aufklärern sehr gut gefällt, egal ob wir nun Wissenschaftler oder Journalisten sind. Menschen wissen heute sehr genau, wie man an Wahrheit herankommt: Wer sich ein Auto oder ein Handy kaufen will, nimmt es an wissenschaftlicher Akribie mit jedem Forscher auf. Über zweihundert Jahre Erfahrung haben ein Ausmaß an Kritikfähigkeit hervorgebracht, das sich Immanuel Kant bestimmt nicht erträumen konnte. Für das 18. Jahrhundert war Mündigkeit ein pädagogisches Programm. Heute ist es die Grundlage unserer Verfassungen. Die andere Seite dieses Wissens ist, dass Menschen heute geschickt hin- und herschalten können - zwischen der Lust, sich des eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen, und der Behauptung, man würde ständig belogen.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie setzt die Lüge ein klares Bewusstsein voraus. Gibt es nicht auch Fälle, in denen das Lügen sich in Autosuggestion verwandelt und der Lügner tatsächlich anfängt zu glauben, was er erzählt?

Stangneth: Das hätten wir gern. Aber nur, weil ein erfolgreicher Lügner immer auch selber in der Welt leben muss, die er mit seinem Lügen prägte, vergisst er ja nicht seinen Anteil daran. Wenn jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist, einen anderen erschlägt und hinterher behauptet, irgendwo gelesen zu haben, dass man das darf, sobald der eine andere Hautfarbe hat, bleibt er dennoch verantwortlich für seine Tat - ebenso wie für seine Überzeugung. Aufklärung bedeutet, keine Ausreden mehr gelten zu lassen; auch nicht die eigenen.



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Tolotos 13.08.2017
1. Natürlich kann es sinnvoll sein, einem Politiker nichts zu glauben!
Aber das bedeutet in letzter Konsequenz, dass man sich auch nicht darauf verlassen kann, dass er immer die Unwahrheit sagt. Das gilt vielleicht nicht für alle Politiker, aber lügende Politiker lügen nicht aus Selbstzweck, oder Spaß am Lügen, sondern, sie sagen einfach das, von dem sie sich den größten Vorteil erhoffen. Wenn das die Wahrheit ist, dann werden sie nicht lügen. Das einzige, auf das man sich verlassen kann, ist, dass es äußerst schwierig sein kann, aus einer Aussage eines Politikers Schlussfolgerungen auf die Wirklichkeit abzuleiten. Oft ist es sehr viel einfacher, die Aussage einfach zu ignorieren, und/oder sich selbst zu aus *unabhängigen* Quellen zu informieren!
freddygrant 13.08.2017
2. Aber das ist doch bekannt!
Wir leben hier doch in christlich-abendländischer Kultur - und das doch schon Jahrhunderte oder besser -tausende. Wir hängen uns den Herrn Jesus Christus ans Kreuz und bitten dann den Herrn um Vergebung unserer und aller Sünden. Jede Woche mindestens einmal! Dann wieder auf ein Neues mit dem sogenannten lügen und sündigen. Und weil wir dann in diesem Glauben und der Kirche versammelt und vereint sind kommen wir alle in den uns so sehr bekannten Himmel. Wer es nicht glaubt sollte mal den Herrn Bischof oder Pfarrer fragen.
Bernhard.R 13.08.2017
3. Problematischer sind die Halbwahrheiten
Besonders die politisch gewollten. Z. B. hat die Journalistin Sabine Rau am 17.03.2017 beim Großen Zapfenstreich zu Ehren des scheidenden Bundespräsidenten Gauck die sogenannte First Lady Daniela Schadt gewürdigt und hervorgehoben, daß wir im Schloß Bellevue keine Hochzeit erlebt haben. Rau hat nicht erwähnt, daß eine Hochzeit gar nicht möglich war, da Joachim Gauck seit 1959 mit Gerhild Gauck verheiratet ist. Oder: Die Medien filmen am 17.01.2017 die Entscheidung des Budesverfassungsgerichtes im zweiten NPD Verbotsverfahren. Das Wichtigste, die Urteilsformel, wird nicht gesendet. Statt dessen picken sich die TV Sender den Teil der Urteilsbegründung heraus, in dem das Gericht ausführte, daß die NPD eben doch verfassungsfeindlich ist. Das Verschweigen wichtiger Informationen ist auch eine Form der Lüge. Mit diesen Halbwahrheiten hat sich unsere Presse ihren Kosenamen verdient.
zimond 13.08.2017
4. Faulheit und Kleingeistigkeit
Sich nicht belügen zu lassen erfordert Mühe und geistige Reife. Wer zu faul ist sich richtig zu informieren glaubt halt lieber die bequeme Lüge. Vieles ist auch für die meisten Menschen zu komplex, sie können diese Tatsache aber nicht akzeptieren also glauben sie denen die die einfachen Antworten haben bevor sie sich eingestehen das etwas ihren Horizont übersteigt.
quark2@mailinator.com 13.08.2017
5.
Wir reden hier über das Grunddilema der Demokratie. Einerseits sollen mündige Bürger als sog. Souverän die Politik bestimmen und kontrollieren. Mündig kann man logischerweise nur sein, wenn man auch korrekt informiert ist. Andererseits gibt es 3 Gründe für Heimlichtuerrei und Irreführung: 1. vereinfachte Darstellung weil der mittlere Bürger zu doof ist, die Lage in voller Komplexität zu verstehen und zu beurteilen 2. Politiker glaubt besser zu wissen was gut ist und schiebt Meinung der Bürger in die gewünschte Richtung 3. Politiker will Macht erhalten und also Informationen unterdrücken oder einfärben, um nicht negativ aufzufallen Mit anderen Worten, Demokratie wie in der Schule gelernt wird für praktisch unanwendbar gehalten und daher unterlaufen.
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