Ex-Chefankläger Moreno Ocampo "Massenmorde, Korruption, dann wieder Massenmorde"

Als Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof führte Luis Moreno Ocampo Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Massenmörder. Hier spricht der argentinische Jurist über Macht, Einsamkeit - und seine Mission, die Welt zu verändern.

Luis Moreno Ocampo: "In Argentinien würde man mich umbringen"
Anne Backhaus

Luis Moreno Ocampo: "In Argentinien würde man mich umbringen"

Ein Interview von Anne Backhaus


Zur Person
  • Anne Backhaus
    Luis Moreno Ocampo, 63, ist argentinischer Jurist und machte sich als Ankläger in Prozessen gegen Generäle der Militärjunta sowie als Anwalt für Menschenrechte einen Namen. Als erster Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof (2003 bis 2012) baute er die neue Institution in Den Haag mit auf. Moreno Ocampo führte Untersuchungen wegen Kriegsverbrechen in der Demokratischen Republik Kongo, die Anklagen im Darfur-Prozess wegen der im Sudan verübten Menschenrechtsverletzungen und erließ Haftbefehl gegen den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi. Heute lebt er in New York, arbeitet dort für eine Anwaltskanzlei und unterrichtet an den Elite-Universitäten Harvard und Yale.
SPIEGEL ONLINE: Herr Moreno Ocampo, die Dokumentation "Watchers of the Sky" erzählt die Geschichte von Raphael Lemkin, dem 1959 verstorbenen Erfinder des Wortes "Genozid". Sie sind als einer seiner Erben im Kampf gegen den Völkermord zu sehen.

Moreno Ocampo: Darüber freue ich mich sehr. Lemkin ist eine faszinierende Persönlichkeit. Seinetwegen wurden aus Massakern international anerkannte Verbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Mit seinem Neologismus "Genozid" schuf er erst die Grundlage für den Strafbestand.

Moreno Ocampo: Das ist wirklich faszinierend, oder? Jeder Staat der Welt sollte Genozid als Verbrechen anerkennen und verurteilen. Anfangs nahm ihn niemand ernst, aber Lemkin betrachtete alle Hindernisse lediglich als Test seiner moralischen Stärke. Vollkommen verrückt, aber er gewann.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich ihm verbunden?

Moreno Ocampo: Zutiefst. Lemkins Vision, das Gesetz als Schutz der Menschen zu nutzen, ist noch immer revolutionär. Ich unterrichte in Harvard, da redet niemand darüber.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Moreno Ocampo: Internationale Beziehungen haben im Verständnis der USA nichts mit dem Gesetz zu tun. Da geht es einzig um die Machtstrukturen zwischen Staaten. Das war's. Dabei kann Macht Menschen nicht beschützen, das Gesetz hingegen schon. Massive Verbrechen werden ja nicht aus Leidenschaft begangen. Sie sind praktischer Natur und werden rational geplant, um an der Macht zu bleiben oder an Macht zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden 2003 der erste Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) und hatten einen einflussreichen Job. War persönliche Macht wichtig für Sie?

Moreno Ocampo: Sie hat mir zumindest gefallen. Das Gute als Chefankläger ist aber, dass man strengen Regeln unterworfen ist. Man braucht Beweise und muss sich an das Gesetz halten, das stabilisiert und beugt Missbrauch vor.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Einfluss nach Ihrer neunjährigen Amtszeit vermisst?

Moreno Ocampo: Zum Glück nie. Der größte Teil meines Jobs bestand darin, eine neue Institution aufzubauen. Als 2012 die neue Chefanklägerin Fatou Bensouda das Büro von mir übernehmen konnte, war das der Endpunkt jahrelanger Arbeit - und mein größter Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Pläne gemacht für das Leben nach Ihrem letzten Tag?

Moreno Ocampo: Ich hoffte einfach nur, dass meine Frau mir in unserem Haus in Buenos Aires noch die Tür aufmachen würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Moreno Ocampo: Na ja, sie lebte dort all die Jahre mit unseren vier Kindern. Ich wohnte in Den Haag und besuchte sie einmal im Monat. Es war meist so, dass meine Frau mich sehr geliebt hat, wenn ich nicht da war. Sobald ich zu Hause war, hat sie mich dann gehasst. Die größte Herausforderung war also, wieder als Familie zusammenzuleben.

SPIEGEL ONLINE: Hat sie die Tür aufgemacht?

Moreno Ocampo: Zum Glück ja.

SPIEGEL ONLINE: Und nun wohnen Sie in New York.

Moreno Ocampo: Als Anwalt in Buenos Aires war es schwer für mich. In meinem Berufsleben habe ich gelernt, sowohl im Dschungel zu arbeiten wie an zivilisierten Orten. Doch jetzt bin ich wie ein domestizierter Tiger. Ich kann nicht zurück in den Dschungel.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie da die Annehmlichkeiten vermissen würden?

Moreno Ocampo: Nein, weil ich in Argentinien sofort umgebracht werden würde. Deswegen nahm ich einen Job bei einer großen Anwaltskanzlei in New York an.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einige der schlimmsten Verbrechen der jüngeren Geschichte vor Gericht gebracht, etwa die Massaker und Gewaltexzesse in Kenia aus den Jahren 2007/2008. Gab es für Sie einen Moment an dem Sie aufhören wollten, weil es zu fürchterlich war?

Moreno Ocampo: Nein, nie.

SPIEGEL ONLINE: Sie lachen?

Moreno Ocampo: Klar, als Anwalt war es ja das Beste, was mir passieren konnte. Ich nutze das Gesetz, um Machtmissbrauch zu stoppen. Vor allem Massenmorde, dann Korruption, dann wieder Massenmorde.

SPIEGEL ONLINE: Nun, lustig ist das ja nicht.

Moreno Ocampo: Das Lustige ist, dass deine Professionalität dich beschützt. In Argentinien arbeitete ich einmal fünf Monate an einem wirklich schlimmen Fall und habe nicht ein einziges Mal geweint. Gleich danach hatte ich zwei Wochen frei. Da ging ich ins Kino, und es lief irgendein Drama. Die Handlung war mit nichts zu vergleichen, was ich kurz zuvor über Menschen gelernt hatte. Ich habe trotzdem den ganzen Film hindurch geheult. Ich hatte plötzlich keine Barrieren mehr.

SPIEGEL ONLINE: In Argentinien wurden Sie bereits als sehr junger Anwalt zum Ankläger in Prozessen gegen Generäle der Militärjunta und den Polizeichef von Buenos Aires. War das Ihr Karriereziel?

Moreno Ocampo: Sagen wir so: Ich habe mit 14 Jahren beschlossen Anwalt zu werden, danach habe ich vor allem Glück gehabt. Für diese Prozesse wollten sie jemanden, der noch relativ unerfahren war und neue Ideen hatte. Wir konnten uns damals nicht auf die Polizei verlassen, sie war an Folter und Massentötungen beteiligt. Wir mussten also ein Modell erfinden, die Verbrechen ohne Hilfe der Polizei zu verfolgen. Diese Erfahrung brannte sich mir ein.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Moreno Ocampo: Nichts hat mich so geprägt wie Argentinien. Bevor ich die Generäle der Militärjunta vor Gericht brachte und wir erstmals eine Militärdiktatur Lateinamerikas juristisch zur Verantwortung zogen, habe ich immer versucht, nett zu allen zu sein. Beim Junta-Verfahren änderte sich das, da bekam ich sogar Probleme mit meiner eigenen Familie. Mein Onkel war Oberst und entschuldigte sich persönlich bei Jorge Rafael Videla für seinen Neffen.

SPIEGEL ONLINE: Dem General der Militärjunta?

Moreno Ocampo: Ja, mein Onkel sagte ihm: "Ich kann meinen Neffen nicht stoppen, aber ich werde nie mehr mit ihm sprechen." Das hat er Videla versprochen. Und er hat sich daran gehalten. Er hat 25 Jahre lang nicht mit mir geredet, bis er starb. Ich liebte das. Er hatte diese Loyalität.

SPIEGEL ONLINE: Wie half Ihnen das?

Moreno Ocampo: Es hat mich gelehrt, dass ich nie allen gefallen können werde. Sogar die, die dir applaudieren, haben unterschiedlichste Gründe dafür, die meist nichts mit dir zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Karriere wurde ohnehin wenig beklatscht. Als Sie den Haftbefehl wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen gegen Omar Hassan Ahmad al-Bashir, den Präsidenten des Sudan, beantragten, wurden Sie von Politik und Presse für verrückt erklärt.

Moreno Ocampo: Das war der erste Prozess der Rechtsgeschichte, der gegen ein amtierendes Staatsoberhaupt geführt wurde. Ich wusste, wenn ich diesen Fall verfolge, werde ich den Strafgerichtshof auf einem Hügel isolieren, drum herum nur Gegner versammelt. Aber ich wusste auch, wenn ich zurückschrecke, werde ich meine Mission verraten. Ich hatte ja alle Beweise, dass al-Bashir einen Genozid begangen hat. Egal was man tut, die Leute sind immer gegen dich.

SPIEGEL ONLINE: Ganz so einfach und schlimm ist es ja nicht.

Moreno Ocampo: Doch, ist es.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie frustriert?

Moreno Ocampo: Was soll ich dagegen machen? Als Anwalt habe ich immer genau das getan, was ich geplant hatte, habe alles gewonnen, und die Leute sagten trotzdem: "Das ist ein Desaster." Das ist mein Leben!

SPIEGEL ONLINE: Und Sie lachen darüber.

Moreno Ocampo: Ich werte das als Interesse. Kritik ist besser als Desinteresse. Jetzt schreibe ich außerdem ein Buch über alle Entscheidungen, die ich getroffen habe.

SPIEGEL ONLINE: Eine Biografie?

Moreno Ocampo: Auf keinen Fall. Ich halte nichts von Biografien. Das wird ein sehr akademisches, rationales Buch. Ich nehme die neun Jahre beim IStGH als eine Fallstudie, um zu erklären, wie das System funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Auf Grundlage des Gesetzes?

Moreno Ocampo: Genau. Gesetze sind nicht für Gerichte, sondern für Menschen. Nur als Beispiel: In Berlin kaufen alle ein Ticket, um U-Bahn zu fahren. Sie tun das, weil sie an das Gesetz glauben. Für mich hat ein Deutscher beim IStGH gearbeitet, und einmal wollte er nicht mit mir Bahn fahren, weil der Ticketschalter geschlossen war und er keins kaufen konnte. Unvorstellbar, für ihn ohne Ticket die Leistung der Bahn in Anspruch zu nehmen. Irre.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich sehr deutsch an.

Moreno Ocampo: Das ist unfassbar deutsch. Aber es zeigt, dass das Gesetz bei den Menschen angekommen ist. Deshalb funktioniert alles in Deutschland. Hier gibt es ein Gesetz, und kaum jemand stellt es in Frage. In Buenos Aires würde kein Mensch ein Ticket kaufen, wenn er auch ohne in die Bahn käme.

SPIEGEL ONLINE: Also wollen Sie mit Ihrem Rechtsverständnis die Welt verändern?

Moreno Ocampo: Das ist meine Mission, ja. Da folge ich Lemkin. Ich bin Teil dieser Welt und muss zu ihr beitragen. Das habe ich als Chefankläger getan und nun muss ich der Welt erklären, warum das wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das wichtig?

Moreno Ocampo: Wir müssen lernen, Konflikte nicht durch Kriege zu lösen. Das muss jeder verstehen.


Die Doku "Watchers of the Sky" läuft am Freitag, dem 20. März um 17.45 Uhr im Moviemento Kino in Berlin.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
raber 19.03.2015
1. Argentinien und Justiz schelcht vereinbar
Interessantes Interview und es beweist einmal mehr die traurige Rechtssituation in Argentinien.
lebeauroy 19.03.2015
2. Ein korrupter redet über Korruption
Dass, ich nicht lache... Wenn ich nicht wüsste, dass er 2010 einmal einen Koffer in Italien in einer bestimmten Nacht mit mehreren 100 Tausenden Dollar bekommen hatte, um eine Klage gegen Kriegsverbrechen fallen zu lassen, würde ich an diesem Märchen hier glauben. In dieser Nacht habe ich jede Hoffnung auf Gerechtigkeit verloren...
JaguarCat 19.03.2015
3. Tolles Interview
Vielen Dank an SpON für dieses Interview! Einziger Kritikpunkt: Hätten Sie nicht auch ein paar Fragen zu dem Problem stellen können, dass viele Staaten die Verträge zum ISTGH noch nicht ratifiziert haben, allen voran die USA.
Newspeak 19.03.2015
4. ...
Das ist unfassbar deutsch. Aber es zeigt, dass das Gesetz bei den Menschen angekommen ist. Deshalb funktioniert alles in Deutschland. Hier gibt es ein Gesetz, und kaum jemand stellt es in Frage. Na ja, Zweifel wären manchmal angebracht. Schließlich haben auch die Nazis ihr Unrecht in Gesetzesform gegossen und tatsächlich hat auch damals kaum ein Deutscher das in Frage gestellt. Diese Zweischneidigkeit der These vom überlegenen Gesetz sollte man zumindest erwähnen. Ansonsten ist das Interview sehr gelungen. Der Mann wirkt sympathisch lebenserfahren. Persönlich sind mir Zweifler, Subversive und Anarchisten aber jederzeit lieber ;).
reggie lampert 19.03.2015
5. Hochkorrupt (s. Kommentar Nr. 2) und eitel bis zum Erbrechen
- warum gibt SPON diesem Menschen (?) ein Forum? Der Int. Strafgerichtshof (nicht zu verwechseln mit dem Int. Kriegsverbrechertribunal, das gute Arbeit leistet), diese im Englischen ICC genannte Lachnummer, die Ocampo geprägt hat (im Negativen), verschlingt jährlich 110 Mio Euro. Deutschland zahlt den Hauptanteil der "State Parties", nämlich 10,5 Mio pro Jahr. Eitle alte Männer, die auf fetten Botschafterpöstchen sitzen, schieben hier eine ruhige Kugel und bekommen zusätzlich ein paar Hunderttausend pro Jahr in den .... geblasen: ein besonderer Witz ist, dass lange Jahre der Vertreter eines Schurkenstaats, nämlich Liechtenstein (das von der steuerlichen Ausplünderung der Nachbarstaaten lebt, von kriminellen Stiftungen und (SIC !) afrikanischen Potentaten ihre Millionen versteckt), dass dieser Schurkenstaat resp. sein Botschafter Wenaweser die Präsidentschaft des ICC innehatte. Ocampo und dieser Liechtensteiner haben sich gegenseitig an Heuchelei, Eitelkeit und anderen Widerwärtigkeiten überboten. Es hat übrigens in 10 Jahren keinen einzigen "Erfolg" des ICC gegeben. Dank diesen beiden G...ern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.