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Lumix-Fotofestival in Hannover: Pracht und Niedertracht

Von Sophia Sieber

Reiner Blick auf eine raue Wirklichkeit: Beim Lumix-Festival in Hannover stellen 60 junge Fotojournalisten ihre Arbeiten aus. Sie waren in Libyen, Fukushima oder bei Obdachlosen in Weimar - und sprengen die Konventionen der klassischen Reportagefotografie.

Lumix-Fotofestival: "Das hätten wir uns früher nicht getraut" Fotos
Sara Galbiati

Vollgemüllte Räume, leere Stühle vor kahler weißer Wand, verwelkte Pflanzen: Stefan Kochs Bilder vom Niedergang des deutschen Traditionskonzerns Quelle sind wenig journalistisch, dafür umso dokumentarischer. Seine Serie "Meine Quelle", die auch als zeitgenössische Kunst durchgehen könnte, gehört zu 60 Arbeiten, die in diesem Jahr beim Lumix Festival für jungen Fotojournalismus gezeigt werden. Dass sie hier ihren Platz findet, dafür ist das Team um Rolf Nobel verantwortlich. Zu "Meine Quelle" sagt er: "Bei den ersten zwei Lumix-Festivals hätten wir uns das noch nicht getraut."

Nobel und sein Team haben sich bewusst auch für solche Arbeiten entschieden, denn die Haltung des Festivals will den Wandel des Fotojournalismus an sich spiegeln. Und längst hätten Magnum-Fotografen wie Alec Soth oder Martin Parr die Schranken der erzählerischen Fotografie gebrochen, so Nobel: "Und da haben wir gesagt: 'Wenn die das können, dann können wir das auch!'"

Nobel versteht unter Fotojournalismus die ganzheitliche Darstellung des Lebens. Die Lumix-Macher haben deshalb beim Kuratieren die Übermacht der klassischen Elends-, Kriegs- und Kriminalitätsfotografie korrigiert: Neben dem arabischen Frühling, Fukushima und Griechenland zeigen die etwa 1400 Fotos des Festivals komische, surreale und anrührende Geschichten.

Nathalie Mohadjers "Zwei Bier für Haiti" ist ein Beispiel dafür. Ihre Arbeit über ein Obdachlosenheim in Weimar lebt von der Selbstinszenierung der Bewohner, die sie über einen langen Zeitraum hinweg begleitet hat: Die Obdachlosen tarnen sich als Couchkissen, verstecken sich hinter Zigarettenrauch, schneiden Grimassen. Inszenierung und Journalismus, das passt eigentlich nicht zusammen. Bei Lumix 2012 schon.

Als Vorreiter sehen sich die Hannoveraner dennoch nicht: "Das Image des Trendsetters, das würde ich uns nicht überstülpen wollen", so Nobel. Vielmehr soll Lumix zu der Plattform für den internationalen Austausch zwischen (nicht nur) jungen Fotografen werden. Noch fehle der völlig. "Keiner weiß, was die in Amerika machen, wenn nicht mal ein Student ins Ausland geht und dann erzählt, was die dort machen", scherzt der Professor. Dabei lebt der Beruf von einem fruchtbaren Netzwerk. Eine Woche lang sei Hannover das Zentrum des Fotojournalismus weltweit. Für die Hannoveraner Studenten habe das einen großen Nutzwert. Sie bekommen hier die Möglichkeit, sich international bekanntzumachen und Kontakte für spätere Jobs zu knüpfen.

Das ist auch bitter nötig, denn die Aussichten für die Branche sind derzeit trüb. Laut einer Freelens-Studie unter knapp 760 Fotografen aus dem Jahr 2009 haben etwa 60 Prozent von ihnen ein Nettojahreseinkommen von maximal 30.000 Euro. 70 Prozent gingen damals davon aus, dass sich ihre finanzielle Lage weiter verschlechtert. Selbst Stars der Branche wie Fotografen der renommierten Agentur Magnum könnten nicht mehr nur von ihren Fotoaufträgen leben, so Nobel. Viele verdienten mit Workshops ihren eigentlichen Lebensunterhalt.

Die Fotografen sollen beim Lumix-Festival nicht unter sich bleiben. Nobel wünscht sich auch, dass die Ausstellungen Menschen dazu befähigt, gute Fotografie zu erkennen - nicht ganz uneigennützig natürlich: "Wenn die Menschen gute Fotografie schätzen lernen, wird sich das auch in den Verkaufszahlen der Magazine abzeichnen, und wir bekommen bessere Honorare." Die Kosten werden für Fotointeressierte deshalb möglichst gering gehalten. Für sieben Euro kommen die Besucher an allen fünf Tagen auf die Messe. Das soll auch Besucher anlocken, die noch nie eine Galerie von innen gesehen haben.

Für die Hochschule Hannover könnte das Lumix-Festival das Aushängeschild sein, immerhin macht es Zehntausende auf die Lehre in der Messestadt aufmerksam. Doch unter der Ägide der Fachhochschule könnte das Festival das letzte Mal stattfinden. Für die Hochschule unterliegt Lumix der sogenannten Trennungsrechnung, weil es kommerziellen Charakter hat. Das führt dazu, dass ein bestimmter Prozentsatz an Kosten - etwa für Personal und Gebäudetechnik - mit in die Festivalkalkulation eingerechnet werden muss. Kosten, die eigentlich nicht entstehen, da die Lumix-Organisatoren weder Miete noch Technik oder die Dienstleistungen der Studenten bezahlen müssen. "Das führt dazu, dass wir sehr viel Geld an die Hochschule geben müssen. Geld, das wir nie wiedersehen werden", so der Professor. Derzeit denken Nobel und seine Kollegen deshalb darüber nach, einen Trägerverein zu gründen.

Dass es bald eine Fotoserie zum Niedergang des Lumix-Festivals mit Bildern verwaister, zugemüllter Hallen, vergessener Andenken oder verwelkter Blumen geben wird, ist unwahrscheinlich. Die Hannoveraner machen in jedem Fall weiter.


Lumix Festival für jungen Fotojournalismus, 13. bis 17. Juni, ehemaliges Expo-Gelände Hannover, www.fotofestival-hannover.de

Dieser Artikel stammt von den Kollegen von "c't Digitale Fotografie" - wenn Sie mehr erfahren wollen, klicken Sie hier.

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