"Lust"-Autorin von Schirach "Überall ist Porno, aber keiner redet drüber"

Sie ist blond, attraktiv und redet selbstbewusst über Sex: Ariadne von Schirach erregt mit ihrem Buch "Der Tanz um die Lust" viel Aufsehen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über das Totschweigen der gesellschaftlichen Pornografisierung und ihr Image in den Medien.


SPIEGEL ONLINE: Frau von Schirach, Sie haben ein Buch über die sexuell aufgeladenen Lebensstile Ihrer Generation geschrieben. Wie kommt eine Philosophiestudentin Ende 20 zu diesem Thema?

Autorin von Schirach: "Wir sind keine Superweiber und Superstecher"
Goldmann Verlag / Özgür Albayrak

Autorin von Schirach: "Wir sind keine Superweiber und Superstecher"

von Schirach: Ich hab mich gefragt: Warum müssen wir denn alle heute ständig sexy sein? Was wird denn da für ein Wert generiert, der auch etwas unglaublich Exklusives hat? Da spielte am Anfang auch Wut mit. Uns werden diese ganzen Bilder ja vorgelegt, und die Leute machen von selbst bei dieser körperlichen Aufrüstung mit.

SPIEGEL ONLINE: "Der Tanz um die Lust" ist kein Sachbuch. Zentrum Ihres essayistischen Romans ist eine Figur wie Sie selbst. Eine junge Frau geht durch die Bars und erlebt die neuen Sexkulturen der Hauptstadt.

von Schirach: Ich bin nicht nur Beobachterin, sondern spiele auch eine Rolle in diesem Spiel. Diese Fragen nach dem Begehren, nach der Möglichkeit von Gleichberechtigung und Liebe, die gehen auch mich etwas an. Aber ich bin nicht identisch mit der Ich-Erzählerin.

SPIEGEL ONLINE: Das Publikum wird aber gerade diese Identität reizvoll finden.

von Schirach: Das sind eben Projektionen. Ich weigere mich, mit meinem Privatleben in die Öffentlichkeit zu treten. Ich mache mich lustig über diese Boulevardisierung der eigenen Existenz.

SPIEGEL ONLINE: Sie treten wie Ihre Buchheldin auf: blonde junge Frau mit roten Fingernägeln.

von Schirach: Die Ich-Erzählerin hat keine Haarfarbe. Und jemand hat mal gesagt: Je mehr man unsichtbar bleiben will, desto mehr muss man die Oberfläche pflegen.

SPIEGEL ONLINE: Unsichtbar sind aber weder Sie noch ihre Herkunft. Die Medien haben sich sofort darauf gestürzt, dass Ihr Großvater der bekannte Reichsjugendführer und Kriegsverbrecher Baldur von Schirach war.

von Schirach: Aber das hat nichts mit mir oder meinem Buch zu tun. Ich habe diesen Mann nie kennen gelernt. Ich verurteile seine Taten. Es gab nie ein Geheimnis um ihn in unserer Familie, keinen dunklen Fleck. Alles lag immer offen auf dem Tisch: Seine Tätigkeit im dritten Reich, das Urteil von Nürnberg, sein Gefängnisaufenthalt.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt nehmen Sie Ihre eigene Generation ins Visier.

von Schirach: Ich beschreibe Leute, die ein privilegiertes Leben führen. In Berlin kann man ganz gut mit wenig Geld leben, ohne auf kulturellen Reichtum zu verzichten. Daraus entsteht ein Sozialleben voller Widersprüche: Die Sehnsucht nach Liebe und Sinn, aber auch Lust nach Freiheit, Spontaneität und schnellem Sex. Für diese pragmatischen Menschen steht Selbstverwirklichung im Zentrum ihres Lebens. Das ist auch nicht alles glanzvoll, sondern hat mit Unsicherheit, Zurückweisung, schlechter Bezahlung und ungewisser Zukunft zu tun. Es ist glamourös in seinen Möglichkeiten, aber nicht unbedingt in seinem Vollzug.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ein wenig resignativ: Die Leute haben jede Menge Freiheiten, können diese aber nicht nutzen.

von Schirach: Gesellschaftlich haben wir den übergeordneten Sinnzusammenhang verloren. Jeder muss sein eigenes Lebensmodell entwerfen, es gibt keine Vorbilder mehr. Für mich liegt darin eine große Freiheit des Einzelnen, aber eben auch eine entsetzliche Beklemmung. Für sein Versagen ist man nun alleine verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Die bürgerlichen Glücksversprechen sind passé?

von Schirach: Definitiv. Zurzeit wollen ja viele wieder zurück. Zurück an den Herd, zurück in die Natur, zurück zur Kleinfamilie. Doch das sind keine allgemeingültigen Lösungen mehr.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch werden alte und neue Lebensformen in Frage gestellt. Andererseits scheinen die Geschlechterrollen für Ihre Figuren erstaunlich stabil. Feministische Standpunkte kommen in Ihrem Text nur ganz am Rande vor.

von Schirach: Bevor ich an Geschlechter glaube, glaube ich an Menschen. Viele schreckliche Realitäten spielen bei meinen Figuren keine große Rolle - was natürlich nicht heißt, dass sie außerhalb der Verhältnisse stehen. Bei all der Beliebigkeit sind die Strukturen der Macht und Selbstunterdrückung noch intakt. Ich habe aber auch den Eindruck, dass es wirklich immer mehr junge Menschen gibt, die diese Dinge anders regeln wollen. Und ich glaube an die Emanzipation, sehe sie aber als etwas, das Männer und Frauen gleichermaßen angeht; ein gemeinsames Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Formen der Gewalt und Normalisierung sind immer noch unsichtbar und entziehen sich so der Kritik. Kann man die zunehmende Sichtbarkeit der Sexualität nicht auch als Chance für eine offensive Debatte begreifen?

von Schirach: Ja. Pornografie hat immer noch diesen Aspekt der Freiheit. In totalitären Staatsformen ist sie ja oft verboten. Das Problem beginnt, wenn das pornografische Menschenbild zur Norm wird, und Gegenbilder fehlen. Diese perfekten Körper und Posen erzeugen einen massiven, unlebbaren Druck. Überall ist Porno, aber keiner spricht darüber. Wir sind keine Superweiber und Superstecher. Genau das wird uns aber eingeredet. Die Frauenzeitschriften sind voll mit Sex-Choreographien. Doch Sex ist wesentlich mehr, als jemals verbildlicht werden kann. Da fehlt die ganze Dimension von Kreativität, Genuss, Liebe. Davon abgesehen bin ich sehr für Entspanntheit.

Das Interview führte Tim Stüttgen


Ariadne von Schirach: "Der Tanz um die Lust" , Goldmann Verlag



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