Sinnestäuschung in der Kunst Das Bild trügt

Die Münchner Ausstellung "Lust der Täuschung" ist ein Parcours durch die Geschichte der optischen Tricks und Betrügereien. Manches ist für die Betrachter einfach zu viel.

Hans Peter Reuter/ VG Bild-Kunst, Bonn

Seit Jahrtausenden arbeiten Künstlerinnen und Künstler mit Illusionen und Fälschungen, führen den Betrachter aufs Glatteis, da das Auge schneller wahrnimmt, als das Gehirn verarbeiten kann. Die Faszination täuschender Kunst liegt darin, dass der Betrachter ihr erliegt, auch wenn er gleichzeitig versteht, dass er es mit einem Trick zu tun haben muss.

Die Ausstellung "Lust der Täuschung" in der Kunsthalle München illustriert diesen lustvollen Zwist anhand von rund 90 Exponaten aus Malerei, Skulptur, Videokunst und Architektur, Objekten aus Design und Mode sowie interaktiven Virtual-Reality-Arbeiten. Seit der Antike nutzten Künstler die jeweils neuesten Techniken, um ihr Publikum zu verblüffen, ihre Intentionen waren dabei divers: Kirchenmaler etwa benutzen Täuschungen, um Dinge glaubhaft oder erfassbar zu machen, oder um religiöse Empfindungen wie Entrückung zu transportieren, erzählt Kunsthallen-Direktor Roger Diederen.

Verliebt in eine Selbsttäuschung

Die Besucher wandeln auf einem nicht immer schwindelfreien Parcours durch die Räume, mal sind diese mit antiken Fresken bestückt, die räumliche Tiefe vorgaukeln, mal fragen sie nach der Bedeutung von Konzepten wie Original, Fälschung, Imitat und Kopie.

"Wie die Natur" heißt etwa ein blauer Raum, der das aufregende "Selbstporträt mit Skulptur" des US-Bildhauers John De Andrea zeigt. Eine nackte Frau lehnt einem angezogenen, sitzenden Mann gegenüber, der auf den ersten Blick quicklebendig scheint - bis man sieht, dass nur eine Körperhälfte ausgearbeitet ist. Das Selbstbildnis ist eine Anspielung auf die griechische Legende von Pygmalion, dem von den Frauen enttäuschten Bildhauer, der sich in eine von ihm selbst geschaffene Frauenstatue verliebte.

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"Lust der Täuschung": Trau, schau, wem!

Im Raum "Der Schein trügt" hängen zwei Kopien des Gemäldes "Das Schlafzimmer" von Vincent van Gogh. Die eine ist eine Reliefografie - mittels 3D-Druckverfahren wurde jeder Pinselstrich reliefartig kopiert. Die andere wurde in einem chinesischen Dorf für wenig Geld per Hand gemalt. Besonders humorvoll fällt die Werkkombination zum Thema Schlankheitswahn aus: Von der Schweizer Künstlerin Sylvie Fleury ist der Siebdruck auf Holz "Slim-Fast: Délice de Vanille" von 1993 zu sehen - direkt neben einem zwischen 1770 und 1780 gefertigten Schnürmieder, mit dem schmale Taillen noch mechanisch vorgetäuscht wurden. Die zwei Werke zeigen beispielhaft: Die Ausstellung will die Besucher vor allem amüsieren und unterhalten.

Ist das noch Warhol?

Dafür wartet sie auch mit Koryphäen der Kunst- und Designgeschichte wie Cornelis Gijsbrechts, Viktor & Rolf, Jean-Paul Gaultier und Andy Warhol auf. Dessen "Brillo"-Boxen wurden in erster Auflage 1964 von Warhol selbst (oder seinem Team) gefertigt, während die 100 Boxen für eine Ausstellung in Schweden 1968 auch dort hergestellt wurden, wie Diederen verrät. Der "Stockholm Type" scheint nur wenig vom "Original" abzuweichen - eine gelungene Täuschung also? Da sie von Warhol abgenommen wurden, gelten die Boxen als Original. Doch werden sie vom Betrachter auch als solche akzeptiert?

Wer etwas Zeit mitbringt, kommt in den Genuss von "Chalkroom", dem 2017 als "Best VR Experience" auf den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichneten Werk der US-Künstlerin Laurie Anderson und des Medienkünstlers Hsin-Chien Huang aus Taiwan. Es ermöglicht eine Reise durch einen schwarz-weißen Wust an Wörtern, Zeichnungen und Geschichten - ein stetiger, seltsam beruhigender Kreislauf; er gehört zu den spannendsten Arbeiten.

Um die Verzahnung von Optik, Täuschung und technischer Weiterentwicklung von Medien zu betonen, ist auch "Die Ankunft eines Zuges am Bahnhof von La Ciotat" von den Brüdern Auguste und Louis Lumière von 1895 zu sehen. Der einminütige Stummfilm, der einen auf einem Bahnsteig einfahrenden Zug und aussteigende Fahrgäste zeigt, sorgte bei der ersten Sichtung für Panik - das Publikum warf sich erschrocken zu Boden, aus Angst, der Zug würde aus der Leinwand hinaus auf sie zufahren.

Das Schielen auf Effekte ist das einzige Problem der kurzweiligen und fantasieanregenden Ausstellung. Einige der Virtual-Reality-Werke lassen künstlerische Tiefe vermissen - hier ist VR selbst bereits die Täuschung. Andere wiederum forcieren starke Reaktionen. Sehr gut kann man das beim VR-Spektakel "Richie's Plank Experience" beobachten. Dabei spaziert man mit Brille bestückt über eine Holzplanke und schaut von einem Wolkenkratzer in die Tiefe. Wer mutig ist und die Planke verlässt, fällt. Manche brechen zitternd ab - es scheint nicht einfach, in die Tiefe zu springen, auch wenn man weiß, dass der Boden unter den Füßen fest bleibt.


"Lust der Täuschung - von antiker Kunst bis zur Virtual Reality " ist zu sehen in der Kunsthalle München bis 13. Januar 2019, ab 22. Februar 2019 im Ludwig Forum in Aachen.

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insgesamt 6 Beiträge
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dasfred 22.08.2018
1. Eventkunst
Diese Ausstellung kommt auf jeden Fall dem Bedürfnis nach Aktion entgegen. Auch die toten Objekte werden durch ihre eigenwillige Gestaltung belebt. Dadurch wird der Eindruck sicher beim Publikum nachhaltiger sein, als im gewohnten Kunstbetrieb.
RuedigerGrothues 22.08.2018
2. Täuschung über eine Täuschung
Manchmal ergänzen sich die Beiträge im Tableau einer Zeitung oder Zeitschrift, analog oder digital, auf verblüffende Weise, und heute haben wir so einen Fall: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/porto-mann-stuerzt-in-kunstwerk-weil-er-es-fuer-optische-taeuschung-haelt-a-1224345.html Da hält also ein Besucher die "Installation" "Descent into Limbo" (etwa: "Abstieg in die Vorhölle"-SPON) für einen aufgemalten schwarzen Punkt auf dem Museumsboden und fällt in ein zweieinhalb Meter tiefes Loch... Manche Täuschung ist also gar keine, oder die Täuschung über eine Täuschung. Das Leben schreibt doch immer noch die schrägsten, wenn auch manchmal schmerzhaften Geschichten.
neanderspezi 22.08.2018
3. Jede Darstellung der Tiefe des Raums bedient sich optischer Tricks
Einer der ganz Großen in der Darstellung speziell perspektivischer Unmöglichleiten, Maurits Cornelis Escher, sollte in dieser Zusammenstellung visueller Sinnestäuschungen in der Kunst wenigstens mit einer seiner wahrnehmungsirreführenden Werke vertreten sein. Intensiver als er hat sich kaum ein Künstler mit der Reduktion der Dreidimensionalität auf zweidimensionalen Malgrund mit der Absicht verwirrender paradoxer Formgebung beschäftigt. In Den Haag wurde eigens für ihn ein Escher-Museum eingerichtet.
Grummelchen321 22.08.2018
4. Wenn
Kapoor nicht die exklusiven Verwendundsrechte an Vantablack hätte könnte man noch viel mehr mit Sinnestäuschungen in der Kunst schaffen. Rechte an Materialien behindern die Kunstfreiheit.
BrunoGlas 22.08.2018
5. Zu Grummelchen321
Liebes Liebchen Grummelchen, dat stimmt nit so nit janz! Dat Nano-Schwarz Vantablack absorbiert über 99,96% allen Lichts . Es besteht aus vertikal aufgerichteten Kohlenstoffstäbchen, je ein Atom breit. In sie fällt Licht, das zwischen den Stäben hin und her springt, bis es vollständig absorbiert wird. Das ist genau das Schwarz, was Anish Kapoor gekauft hat. Aber es gibt auch eine abgeschwächte Version des Vantablack, und die ist auf dem Markt, sogar als Sprühlack. Dazu die Bekanntmachung der Herstellerfirma auf Deutsch: https://www.surreynanosystems.com/de/vantablack/faqs Dabei wird nochmals der Unterschied zwischen den Schwarztypen beschrieben. Ansonsten, dass der Besucher in das kreisrunde Loch von Anish Kapoor hineingefallen ist, hat nichts mit dem überheblichen Totalanspruch von Kunst oder des Künstlers zu tun. Es hat aber eher damit was zu tun, dass die Tragweite der optischen Täuschung des Totalschwarz von niemanden vorhersehbar war. Ein künstlerischer Wahrnehmungsprozess kann tatsächlich so intensiv sein, dass alles Methodische und Rationale - Sicherheitshinweise - abgetrennt wird. Das dürfte der Grund des Unfalls sein.
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