Luxusprobleme in Hamburg Wo reiche Leute röcheln müssen

Feine Bude! Aber was soll der Feinstaub hier? In Hamburgs neuem Edelstadtteil Hafencity wird ein Luxuswohnturm bezogen. Die betuchten Bewohner freuen sich über einen Concierge wie im Hotel, genießen einen unverbaubaren Blick auf den Hafen - aber haben kaum Schutz vor Schiffsabgasen.

Von Rainer Müller

MPT / DC Residential

Mehr Hamburg geht nicht. Das Panorama ist grandios. In den oberen Stockwerken scheint man hoch über der Elbe zu schweben. Alle Wahrzeichen der Hansestadt sind von diesem Turm aus zu sehen: der Michel, das Rathaus, der Hafen, bald auch die Elbphilharmonie und das neue Kreuzfahrtterminal. Der Marco Polo Tower, dieser eigenwillig geschwungene Luxusbau, ist die neue Vorzeige-Wohnadresse im ringsum entstehenden Stadtteil Hafencity - und gleichzeitig ein Blickfang.

Bis zu 3,7 Millionen Euro kosten einzelne Wohnungen hier; im Rohbau, beziehungsweise "Design-Ready", wie die Projektentwickler das nennen. Dazu kommen pro Quadratmeter noch mal 1000 Euro und mehr für den Innenausbau. Schlüsselfertig kosten die Wohnungen so am Ende deutlich mehr als die bisher teuersten Wohnungen in Hamburgs Nobelvierteln. "Wir wollen unsere Kunden nicht einschränken", erklärt eine Sprecherin des Konsortiums aus Hochtief und DC Residential das "europaweit einmalige Konzept".

Dafür hat das Büro Behnisch-Architekten eine 56 Meter hohe, bewohnbare Skulptur geschaffen, in der die Lust der Bewohner auf Distinktion auf die Spitze getrieben wird. Keines der 16 spiralförmig um die Mittelachse gedrehten und nach oben hin größer werdenden Stockwerke gleicht dem anderen. "Im Inneren ist fast alles möglich", so Projektleiter Martin Haas von Behnisch-Architekten. Grenzen setzen nur Geschmack und Geldbeutel. 40 der 58 Wohnungen sind bisher verkauft und werden derzeit ausgebaut.

Das exklusive Panorama und die exponierte Lage haben allerdings - nicht nur finanziell - ihren Preis. Ab Mai können die ersten Turmbewohner den unverbaubaren Blick auf die Elbe genießen. Sie können vom Frühstückstisch aus zusehen, wie die "Queen Mary 2" vor der Haustür festmacht oder - wie an diesem Samstag - ein Gigant wie die "MSC Magnifica" getauft wird, mit Sophia Loren als Patin sowie Eros Ramazzotti und Feuerwerk fürs Rahmenprogramm: Das neue Kreuzfahrtterminal ist ja nur rund hundert Meter entfernt. Doch viele Bewohner werden nicht nur quasi in Augenhöhe mit dem Kapitän auf der Brücke sein, sondern auch den rauchenden Schornsteinen unangenehm nahe kommen.

Restaurants, Saunalandschaften, Pools

"Es ist ja eine schöne Idee, die Schiffe neben den Häusern anlegen zu lassen - aber das birgt gewisse Risiken", sagt Helmut Lorentz vom Ingenieurbüro Lohmeyer lakonisch. Bevor mit dem Bau des Towers und der benachbarten Unilever-Firmenzentrale begonnen wurde, hatte das Büro im Auftrag der Stadt ein "Luftschadstoffgutachten" angefertigt. Eindeutiges Ergebnis: In der Umgebung des Kreuzfahrtterminals werden die zulässigen Grenzwerte immer wieder überschritten. Behnisch-Architekten haben unter anderem deshalb für die ebenfalls von ihnen entworfene Unilever-Zentrale in der Hafencity ein "hybrides Lüftungssystem" eingeplant und vor die Fenster eine schützende Außenhaut spannen lassen. So gelten die Grenzwerte als eingehalten.

Die Schadstoffe entstehen, weil die Schiffe sich über ihre Dieselaggregate selbst mit Strom versorgen - und ein Kreuzfahrtriese mit mehreren tausend Passagieren, die sich in Restaurants, Saunalandschaften, Pools, Musical-Theatern und Shopping-Arkaden verlustieren, schluckt da so einiges. Die Schiffe verfeuern Tag und Nacht Schweröl oder Schiffsdiesel und pusten die dabei entstehenden Abgase aus ihren Schornsteinen; pro Stunde entsteht da so viel Feinstaub wie von 50.000 Pkw, die 130 km/h fahren. Dazu kommen große Mengen an Schwefeldioxid, Stickstoffdioxid und Benzol - Schadstoffe, die zu Krebs und Atemwegserkrankungen führen können.

Nach einer 2007 im US-Fachblatt "Environmental Science and Technology" veröffentlichten Studie sterben an Europas Küsten jährlich 26.000 Menschen infolge der Schiffsemissionen. Mehrere Umweltschutzverbände kritisieren Schiffe seit Jahren als "schwimmende Sondermüllverbrennungsanlagen", da sie zumindest auf hoher See mit hochgiftigem Schweröl fahren, einem teerartigen, stark schwefelhaltigen Raffinerieabfallprodukt.

Seit Anfang des Jahres gilt innerhalb der EU immerhin ein neuer Standard, wonach Schiffe nur noch mit relativ schwefelarmem Diesel betrieben werden dürfen, sobald sie im Hafen liegen. Das sorgt zwar für deutlich weniger Schwefeldioxid auch in der Hafencity, "ändert aber nichts an den regelmäßigen Grenzwertüberschreitungen durch Feinstaub und Stickstoffdioxid", beharrt Gutachter Lorentz. Und es ändert auch nichts daran, dass die Glaubwürdigkeit der Hafencity als "ökologisch nachhaltige Stadt" (Eigenwerbung der Hafencity Hamburg GmbH) unter der massiven Förderung des Kreuzfahrttourismus ebenso leidet wie die Luftqualität.

"Wir haben da tatsächlich ein Problem", bestätigt Hamburgs grüner Umweltstaatsrat Christian Maaß, "auch wenn derzeit die gültigen Grenzwerte eingehalten werden. Daher setzen wir uns für umweltverträgliche Versorgung der Schiffe von Land ein - und zwar möglichst europaweit." Zunächst müssten aber technische und wirtschaftliche Fragen geklärt und "wettbewerbsneutrale Lösungen" gefunden werden, so Maaß weiter.

"Klebrige Masse auf den Fenstern"

"Die technischen Fragen sind längst geklärt", sagt dagegen der Umweltbeauftragte der Lübecker Stadtwerke Ralf Giercke. "Seit jetzt zwei Jahren läuft bei uns die Landstromversorgung einwandfrei." Bisher nutzt eine Reederei das neue System. So wie deren Schiffe in Lübeck-Travemünde könnten auch in Hamburg die Containergiganten und Kreuzfahrtriesen an die Steckdose gehen und ihre Maschinen ausschalten, ist Giercke überzeugt. Der Schadstoffausstoß würde stark gesenkt, Ruß und Feinstaub fiele gar keiner mehr an. "Das System ist serienreif!"

Ein Problem bleibt aber die von Umweltstaatsrat Maaß angesprochene Wirtschaftlichkeit. Wenn nicht alle Häfen mitziehen, haben die Kreuzfahrtreedereien die freie Wahl, ob sie ihre Schiffe teuer umrüsten oder einfach bestimmte Ziele nicht mehr anlaufen. Das will Hamburg in jedem Fall vermeiden und rollt den Kreuzfahrtschiffen sozusagen den roten Wasserteppich aus. Jede Ankunft, jede Schiffstaufe wird von der Hamburg Tourismus GmbH inszeniert wie ein Großevent.

Über 100 Schiffe sollen in diesem Jahr rund 200.000 zahlungskräftige Passagiere nach Hamburg bringen - und Geld in die Kassen der Hoteliers, Einzelhändler und Musical-Theater. Kreuzfahrten sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden.

So besteht ein echter Zielkonflikt für Hamburg, das sich 2011 mit dem Titel "Europas Umwelthauptstadt" schmückt. Ein Zielkonflikt, den die Bewohner des Marco Polo Tower womöglich schon bald hautnah erleben werden. "In Travemünde klagen die Anwohner schon lange über den Ruß der Schiffe, der sich als klebrige Masse auf die Fenster legt", erzählt Ralf Giercke. "Dieser Effekt wird sich auch in der Hafencity zeigen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
existentialist09 05.03.2010
1. Da kommt zusammen was...
Zitat von sysopFeine Bude! Aber was soll der Feinstaub hier? In Hamburgs neuem Edel-Stadtteil Hafencity wird ein Luxuswohnturm bezogen. Die betuchten Bewohner freuen sich über einen Concierge wie im Hotel, genießen einen unverbaubaren Blick auf den Hafen - aber haben kaum Schutz vor Schiffsabgasen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,681656,00.html
zusammen gehört. Schiffsfonds-Eigner und die dazugehörigen Abgase. Wenn arme Schlucker den Dreck einatmen müssen, ist das natürlich nicht so schlimm.
Höhe 05.03.2010
2. Short selling von Wohnungen
Hört sich an wie short selling von Edelwohnungen? Natürlich müssen Infrastrukturanpassungen durchgeführt werden. Zahlt doch der Steuerzahler, nicht die Wohungseigentümer.
systemfeind 05.03.2010
3. die kaiserlicher Flotte ...
Zitat von sysopFeine Bude! Aber was soll der Feinstaub hier? In Hamburgs neuem Edel-Stadtteil Hafencity wird ein Luxuswohnturm bezogen. Die betuchten Bewohner freuen sich über einen Concierge wie im Hotel, genießen einen unverbaubaren Blick auf den Hafen - aber haben kaum Schutz vor Schiffsabgasen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,681656,00.html
.. wird demnächst direkt vor dem Luxusbunker vor Anker gehen . Die Walfänger wurden angewiesen ihren Tran direkt nebenan zu kochen .
220866 05.03.2010
4. Wirklich sauber recherchiert?
Fragt sich, ob das wirklich sauber recherchiert ist. Das ganze Grenzwertgequassel ist ja schön und gut. Auch der Vergleich mit den 50.000 PKW gefällt jedem investigativen, aber eben auch dem Bildzeitungsjournalisten. Da es an dieser Stelle im Hafen, insbesondere den höheren, von den Schiffsschornsteinen eher betroffenen Geschossen immer windig ist, dürfte sich das Problem weitestgehend verteilen. Außerdem gibt es in eng bebauten Stadtgebieten ebenso Probleme mit dem Heizungsabgasen und Verkehrsemissionen (nicht allein die Abgase, an vielen Stellen die 50.000 Fahrzeuge locker übersteigen, wenn auch nicht bei 130 km/h, sondern auch der Reifenabrieb...). Hier aber kann von einer engen Bebauung keine Rede sein. Fair berichtet wäre also ein echter Vergleich von normaler Wohnbebauung und Hafencity. Aber das würde erstens viel Arbeit und zweitens die Meldung kaputt machen. Wahrscheinlich wissen aber die Eigentümer, worauf sie sich einlassen. Hafen ohne Abgase geht halt nicht. No Risk, no fun.
220866 05.03.2010
5. Wirklich sauber recherchiert?
Fragt sich, ob das wirklich sauber recherchiert ist. Das ganze Grenzwertgequassel ist ja schön und gut. Auch der Vergleich mit den 50.000 PKW gefällt jedem investigativen, aber eben auch dem Bildzeitungsjournalisten. Da es an dieser Stelle im Hafen, insbesondere den höheren, von den Schiffsschornsteinen eher betroffenen Geschossen immer windig ist, dürfte sich das Problem weitestgehend verteilen. Außerdem gibt es in eng bebauten Stadtgebieten ebenso Probleme mit dem Heizungsabgasen und Verkehrsemissionen (nicht allein die Abgase, an vielen Stellen die 50.000 Fahrzeuge locker übersteigen, wenn auch nicht bei 130 km/h, sondern auch der Reifenabrieb...). Hier aber kann von einer engen Bebauung keine Rede sein. Fair berichtet wäre also ein echter Vergleich von normaler Wohnbebauung und Hafencity. Aber das würde erstens viel Arbeit und zweitens die Meldung kaputt machen. Wahrscheinlich wissen aber die Eigentümer, worauf sie sich einlassen. Hafen ohne Abgase geht halt nicht. No Risk, no fun.
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