Technik-Kunst von Hershman Leeson Die geklonte Frau

Als Double ihrer selbst ging sie mit fremden Männern aus, jetzt thematisiert sie Gehirn-Chips und Gentechnik - das ZKM in Karlsruhe zeigt eine Ausstellung zu den Kunstexperimenten von Lynn Hershman Leeson.


Es war Anfang der Siebzigerjahre in San Francisco. Noch hing der süße Duft von Love, Peace und Marihuana in der Luft. Bei einer Ausstellung in Berkeley zeigte Lynn Hershman Leeson ihre "Breathing Machine": einen wächsernen Abguss ihres Gesichts, der laut zu atmen schien. Bald aber hieß es: Sound gehört nicht in ein Museum. Die Ausstellung wurde geschlossen.

Die Künstlerin gab nicht auf: Sie mietete ein preiswertes Hotelzimmer und stellte dort aus. Wer sich an der Rezeption den Schlüssel geben ließ, konnte Tag und Nacht den Raum besuchen, in dem sie Puppen mit wächsernen Gesichtern in den Betten installiert hatte.

Aber auch diese Präsentation wurde jäh beendet. Ein Betrunkener glaubte sich mit einem Verbrechen konfrontiert und alarmierte die Polizei. Die Cops kamen und konfiszierten die Requisiten. Sie wanderten in die Asservatenkammer und wurden nicht wieder herausgerückt.

Damals wie heute stoßen die Arbeiten von Hershman Leeson auf Befremden. Schuld daran sind die Techniken, die sie verwendet. Bei der "Breathing Machine" war das nur ein Kassettenrekorder, der im Sockel unter den wächsernen Gesichtern steckte. Heute arbeitet sie, wie jetzt eine großangelegte Retrospektive im ZKM in Karlsruhe zeigt, mit komplexen Gesichtserkennungsprogrammen, transgenen Lebewesen oder 3D-Bioprintern.

Fiktive Figur, reale Dates

Schon ihr "Roberta Breitmore"-Projekt (1973-78), das noch ohne Medieneinsatz auskam, kann man als Vorwegnahme der virtuellen Identitäten sehen, die heute durch die Onlinewelten des Second Life geistern. Die Idee entstand damals aus der Hotel-Installation: "Irgendwann dachte ich", so die Künstlerin während des Ausstellungsaufbaus im ZKM, "warum sollte ich diese Person nicht aus ihrem Hotelbett befreien und sie in die Welt hinausgehen lassen?"

Sie setzte sich eine blonde Perücke auf, zog lustige Seventies-Klamotten an und fing als Roberta Breitmore ein zweites Leben an. Die fiktive Figur bekam ein reales Konto, einen Führerschein, sie ging zum Psychotherapeuten und traf Männer, die sie über Annoncen kontaktierte. Und irgendwann mietete Lynn ihrer Kunstfigur im Haus gegenüber eine Wohnung: "In gewisser Weise war Roberta wirklicher als ich: Sie bekam eine Kreditkarte, ich nicht. Schließlich hatte sie keine negative Kreditgeschichte - ich damals schon."

Heute erzählt sie die Details ihres Real-Klon-Experiments mit selbstironischem Unterton. In den fünf Jahren aber, in denen sie als Roberta auftrat, war ihr häufig nicht zum Lachen zumute: "Roberta hat mir gezeigt, wie übel Frauen mitgespielt wurde. Als sie nach einem Mitbewohner suchte, kamen Zuhälter, die sie als Prostituierte anwerben wollten. Sie arbeitete als Sekretärin und wurde gefeuert. Diese Opferrolle wollte ich irgendwann nicht mehr: nicht für sie, nicht für mich. 1978 beendete ich das Projekt. Danach ging es auch in meinen Arbeiten nicht mehr um das Opfersein, sondern um Selbstermächtigung."

Voyeurismus und Überwachung

In den folgenden Jahren konzipierte Lynn Hershman Leeson die erste interaktive Laserdisk-Installation der Kunstgeschichte: "Lorna", bei der Besucher in das Schicksal einer Frau eingreifen konnten. Und mit "A Room of One's Own" (1990-93) konstruierte sie ein Kabinett, in dem die Augen der Betrachter durch ein Eyetracking-System die Handlung steuerten.

Waren anfangs Identität und weibliche Rollen ihre Themen, ging es ihr jetzt um Voyeurismus und Überwachung. Heute liegt ihr Fokus auf Gentechnologien. Ihre neueste Installation, "The Infinity Engine", die in Karlsruhe erstmals gezeigt wird, ist ein multimediales Laboratorium samt künstlicher Nase aus dem 3D-Bioprinter und gentechnisch modifizierten Fischen, die im Dunkeln leuchten.

Der Installation wird ein gleichnamiger Film folgen, den die Künstlerin 2015 drehen will. Er komplettiert ihre Spielfilm-Trilogie, die sie mit einer Hommage an die Programmier-Pionierin Ada Lovelace ("Conceiving Ada" von 1997) und mit dem Replikanten-Opus "Teknolust" (2002) begonnen hat. Auch in Teil drei wird wieder Tilda Swinton die Hauptrolle spielen - diesmal in Gestalt einer grün fluoreszierenden Katze, die zum Zwecke der Aids-Forschung durch ein Quallen-Gen modifiziert wurde."

Peter Weibel, Leiter des ZKM, erklärt die Aktualität von Hershmann Leesons Arbeiten so: "Sie entsprechen nicht dem üblichen Bild davon, wie Frauen Kunst machen. Bei ihr ist die Frau nicht auf Natur bezogen, sondern auf Technik. Bei ihr wird sie nicht als der reproduktive Körper definiert, der dem produktiven des Mannes gegenübersteht."

Wofür aber plädieren die Arbeiten? "Es geht nicht darum, was diese Technologien an sich sind", so Hershman Leeson, "entscheidend ist, was die Menschen aus ihnen machen. Ob Heilung durch ein Organ aus dem Bioprinter oder Gehirn-Chips, die traumatische Erfahrungen löschen können - wichtig ist, dass wir uns der moralischen Implikationen bewusst werden."

Vielleicht kann man ihr Oeuvre als dreidimensionalen Beipackzettel zur rasenden Technologisierung der Welt verstehen. Da dieses "Heilmittel" uns allen verabreicht wird, sei das Studium dieser Packungsbeilage empfohlen.


Lynn Hershman Leeson: Civic Radar. 13.12. bis 29.3.2015 im ZKM, Karlsruhe. Der Katalog erscheint 2015.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
nettes Gespräch 12.12.2014
1.
bald kommen die ersten Kommentare, dass das keine Kunst ist, weil kein hübsches Bild gemalt wurde...
gantern 12.12.2014
2. Techno-Verstrickung der Hershman Leeson
Futuristen und Suprematisten glaubten noch an die positive Kraft der technischen Entwicklung. Eine Verherrlichung der Maschinenkraft und der Glaube an eine bessere Zukunft. Hershman Leeson dagegen scheint mit ihrer Kunst in der Defensive zu stecken. Zu groß und immer schneller gewaltiger werdend rollt die Technik-Lawine. Da weicht die gläubige Begeisterung aus dem vergangenen Jahrhundert einer Beklemmung, die Leeson nach meiner Vermutung mit ihren Aktionen zu ergründen versucht.
Olaf 12.12.2014
3.
Zitat von ganternFuturisten und Suprematisten glaubten noch an die positive Kraft der technischen Entwicklung. Eine Verherrlichung der Maschinenkraft und der Glaube an eine bessere Zukunft. Hershman Leeson dagegen scheint mit ihrer Kunst in der Defensive zu stecken. Zu groß und immer schneller gewaltiger werdend rollt die Technik-Lawine. Da weicht die gläubige Begeisterung aus dem vergangenen Jahrhundert einer Beklemmung, die Leeson nach meiner Vermutung mit ihren Aktionen zu ergründen versucht.
Vielleicht ist die Aussage auch nur, dass die Unterscheidung zwischen Natur und künstlich eine wilkürliche ist und immer mehr verschwimmt.
gantern 14.12.2014
4. Medienkunst
Zitat von OlafVielleicht ist die Aussage auch nur, dass die Unterscheidung zwischen Natur und künstlich eine wilkürliche ist und immer mehr verschwimmt.
Natur erkenne ich bei Lynn Hershman-Leeson eigentlich nur noch in den Schnittstellen ihrer Werke. Also die Gefühlswelt da, wo das Menschliche in digitale Identitäten sich auflöst. Interessant finde ich auch die Benennungen, die sie ihren Schaffensepochen gibt: Before Computers (B.C.) und After Digital (A.D.).
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