"Macbeth" in München Schauprozess gegen Shakespeare

Wozu ein 400 Jahre altes Mord- und Totschlagsstück noch spielen? In München nutzt Regisseur Amir Reza Koohestani den "Macbeth"-Stoff, um Shakespeare anzuklagen - als Duckmäuser vor dem englischen Königsthron.

Thomas Aurin

Es ist ein merkwürdiger, weitverbreiteter Irrglaube unter Theaterkünstlern, dass sie ihr Publikum mit einem Blick hinter die Kulissen mehr beglücken könnten als mit dem fertigen Bühnenprodukt.

In den Münchner Kammerspielen sehen die Zuschauer nun aus der Schauspielerklo-Perspektive auf Shakespeares blutigste Tragödie. Nicht der Palast, in dem der Krieger Macbeth seinen Kriegsherrn und König Duncan ermordet, ist auf der Bühne aufgebaut, sondern ein Theaterwaschraum mit einer Reihe von Pissoir-Schüsseln sowie, durch eine Wand abgetrennt, Sitztoilette und Waschbecken. Hier plaudern und zetern die Mitspielerinnen und Mitspieler einer offenbar im Scheitern begriffenen Inszenierung von Shakespeares "Macbeth". Eine Woche vor der Macbeth-Premiere liegen bei der Probenarbeit die Nerven blank. Wozu und für wen soll man das 400 Jahre alte Mord- und Totschlags-Stück überhaupt spielen? "Ihr werdet eure blutigen Hände nie reinwaschen", sagt einer in Richtung Publikum.

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"Macbeth" in München: Diskussion in der Toilette

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani ist 40 Jahre alt und ein viel beschäftigter Mann in deutschen Schauspiel- und Opernhäusern. In den Münchner Kammerspielen hat er schon die Romanbearbeitungen "Der Fall Meursault - Eine Gegendarstellung" und "Die Attentäterin" gezeigt, nun präsentiert er eine Tragödien-Verweigerung. Sein "Macbeth" wird vom Theater angekündigt als eine Aufführung "nach Shakespeare" und ist kein Drama um Machtgier und Mord, sondern ein auf zwei Schauspielerinnen, eine Sängerin und sechs Schauspieler verteilter Besinnungsaufsatz.

Eine Menge Besserwisserei und Insidergerede

In hundert Minuten widmet sich die Aufführung Grundsatzfragen. Was genau ist die Dekonstruktion eines Theaterstücks? Was ist so reizvoll an den weitgehend fiktiven Bluttaten eines Schottenkönigs, der real im 11. Jahrhundert regierte? Wollte der Dichter Shakespeare mit dem Tod des Titelhelden Macbeth am Ende dieses Stücks dem zur Entstehungszeit des Dramas (um 1606) regierenden englischen König Jakob I. schmeicheln? Es handle sich um "ein Propagandastück" und das "Ergebnis eines historischen kolonialen Prozesses", die Verneigung eines Duckmäusers vor dem Thron, behauptet das Programmheft. Shakespeares Werk schildere einerseits das "Streben nach absoluter Selbstverwirklichung" und andererseits den "Sieg der Ordnung über das Unheil".

Man merkt schon: Es steckt eine Menge Besserwisserei und Insidergerede in dieser scheinbar so offen-diskursbegeisterten Theaterarbeit. Gleich zu Beginn verkündet der schön zerknitterte, mit viel roter Farbe bekleckerte Schauspieler Walter Hess, das deutsche Theater-Kunstblut sei wirklich das beste weit und breit: "Beim Blut eines der entwickeltsten Länder der Welt."

Es wird viel gelacht an diesem Theaterabend. Koohestanis "Macbeth"-Nachdenkarbeit ist oft ein kluger Spaß und in manchen Momenten sogar wunderschön. Dann jauchzt die Sängerin Pollyester die Originalverse der Shakespearschen Hexen in ein Mikrofon, der Videokünstler Benjamin Krieg taucht die Bühne in einen Rausch aus psychedelischen Farbmustern und Spiralen, die Ausstatterin Mitra Nadjmabadi lässt ein Bett mit blütenweißen Kissen herabfliegen. Und selbst im Toilettenraum steigt plötzlich magischer weißer Dampf aus den Abortschüsseln. So verweist der Regisseur auf das Surreale, Albtraumhafte des Stoffs, von dem er sagt, es ereigne sich zu großen Teilen "in Macbeths Kopf".

Ein grimmiger blonder Engel und eine strahlende Rachegöttin

Wie sieht es dort aus? Zwei schöne Frauen geistern als Lady-Macbeth-Darstellerinnen über die Bühne, die eine ein grimmiger blonder Engel (Gro Swantje Kohlhof), die andere eine strahlende schwarzhaarige Rachegöttin (Mahin Sadri), die ihren Text unbedingt in Farsi, der Sprache der Iraner, deklamieren möchte. Darüber gerät sie in Streit mit einem jungen Kerl, der auf der Bühne zugleich den Hauptdarsteller als auch den Stück-im-Stück-Regisseur der "Macbeth"-Proben verkörpert. Christian Löber spielt diesen eitlen, tobenden, verzweifelnden Theatermacker mit Mut zur Karikatur.

Manchmal erinnert die komische Verwicklung von Probenchaos und Textbefragung an berühmte Meta-Theaterstücke wie Thomas Bernhards "Die Macht der Gewohnheit" und Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn". Der Regisseur Koohestani aber will uns nicht den Theaterirrsinn als perfektes Sinnbild für das Irresein der Welt vorführen, sondern immer wieder neue Anläufe nehmen zur großen Sinnfrage, warum bloß wir Menschen einander immer wieder schreckliche und komische Geschichten erzählen.

Die Antwort scheint er allerdings schon zu kennen. Das ist die Schwäche dieser bewusst provisorischen, betont knirschend-wackeligen Aufführungs-Konstruktion. Sie handelt von einer babylonischen Sprachverwirrung, aber auch von der scheinbar allwissenden Überlegenheitsgeste eines Regisseurs.

Nebenbei offenbart dieser Premierenabend den heiteren Zynismus des Theatermacher-Alltags. So diskutieren zwei syrische Darsteller einmal über den Zweck ihrer Arbeit. Sagt einer der beiden: "Ohne uns wäre es nicht politisch." Das sorgt für glucksendes Gelächter im Publikum. Aber es zeigt auch, dass Amir Reza Koohestani ein bisschen arg stolz ist auf sein Scheitern beim Auftrag, den "Macbeth" von William Shakespeare zu inszenieren.



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