Machtkampf bei Echo Moskau: Der Feind im eigenen Haus

Von , Moskau

Der Radiosender Echo Moskau gilt als Vorbild für sauberen Journalismus in Russland. Jetzt will der Staatskonzern Gazprom die Mehrheit im Aufsichtsrat übernehmen. Mit Kreml-Kritik wäre es dann wohl vorbei - Premier Putin zürnt der Redaktion, weil sie ihn "von morgens bis abends mit Durchfall" überschütte.

Anti-Putin-Demonstranten in Moskau: Radiosender der Opposition in Gefahr Zur Großansicht
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Anti-Putin-Demonstranten in Moskau: Radiosender der Opposition in Gefahr

Zu Sowjetzeiten, so hat das die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice einmal bei einem Besuch in Moskau erzählt, gab es drei obligatorische Termine: im Kreml, im Bolschoi-Theater und im Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz. Bolschoi und Kreml blieben auch nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums Pflicht, so Rice. Statt der wächsernen Mumie des toten Revolutionärs aber machen US-Delegationen nun der überaus lebendigen Redaktion des Senders Echo Moskau die Aufwartung.

Der Nachrichtenkanal hat sich seit seiner Gründung 1990 einen Namen gemacht, mit unabhängigen Nachrichten, Analysen und pointierter Kritik am Kreml. Morgens zieht hier Starkolumnist Anton Orech Russlands Obrigkeit spöttisch durch den Kakao, abends führt die scharfzüngige Journalistin Julia Latynina ihre Dauerfehde mit Russlands Premierminister Wladimir Putin fort - und Hunderttausende Zuhörer lauschen gebannt.

Die Redaktion residiert entlang der Korridore eines tristen Betonklotzes in Kreml-Nähe. Echo ist in zwei Jahrzehnten zu einer der wichtigsten Stimmen des neuen Russlands geworden und erreicht rund drei Millionen Hörer landesweit. Der Sender ist das "Flaggschiff des Qualitätsjournalismus", konstatiert der Historiker und Medwedew-Biograf Nikolai Swanidse.

Die Frage ist, wie lange das so bleiben kann. Der Kreml hat den Druck auf den Sender erhöht: Eine Tochtergesellschaft des staatlichen Gazprom-Konzerns drängt darauf, die Mehrheit im Aufsichtsrat des Senders zu übernehmen. Chefredakteur Alexej Wenediktow warnt vor einem "Versuch, die Redaktionspolitik zu korrigieren". Die Attacke gehe nicht auf Gazproms eigene Initiative zurück, sondern stamme von der "höchsten politischen Führung".

Berichte über Wahlfälschung erzürnten den Kreml

Bislang gehörte Wenediktow mit zwei weiteren Echo-Redakteuren selbst dem Aufsichtsrat an. Gemeinsam mit zwei unabhängigen Mitgliedern bildeten sie ein Gegengewicht zu den vier Gazprom-Direktoren in dem Gremium. Das soll sich nun ändern. Die Gazprom Media-Holding, der 66 Prozent der Anteile des Senders gehören, beansprucht in Zukunft sechs der neun Direktorensitze für sich selbst. Der Grund sei die "erhöhte Beachtung der Radiostation von verschiedenen Seiten", teilte Gazprom-Media-Chef Nikolai Senkewitsch mit.

Mehr Beachtung, als Wenediktow lieb sein kann, fand sein Sender zuletzt vor allem auf Seiten des Kremls. Als Echo Moskau am Tag der umstrittenen Parlamentswahl Anfang Dezember 2011 über Wahlfälschungen zugunsten der Kreml-Partei "Einiges Russland" berichtete, nahmen unbekannte Hacker die beliebte Web-Seite des Senders unter Feuer.

Bei einem Treffen mit Moskaus Chefredakteuren dann beschwerte sich Russlands mächtigster Mann bei Wenediktow gleich persönlich. Premier Putin zürnte, er habe neulich zufällig Wenediktows Kanal eingeschaltet und lauter "Schwachsinn" gehört. Der Sender überschütte ihn "von morgens bis abends mit Durchfall", tat Putin kund. Im Streit zwischen Russland und den USA über Washingtons Pläne zum Aufbau einer Raketenabwehr in Europa diene Echo gar freiwillig "außenpolitischen Interessen eines fremden Staates".

Drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl Anfang März schürt die Attacke auf den Radiosender Ängste vor staatlicher Zensur. Premier Putin, laut Umfragen hoher Favorit, verspricht im Wahlkampf zwar gern die Schaffung eines russischen Äquivalents zu Londons Hyde Park. Es müsse ein würdiger Ort gefunden werden, an dem jeder seine Meinung offen aussprechen könne.

Weder eine westliche Demokratie, noch eine Diktatur wie in China

Gleichzeitig aber schickt sich der Kreml an, Russlands kritische Medien stärker an die Kandare zu nehmen. Mitte Dezember musste der Chefredakteur des Magazins "Kommersant-Wlast" nach einem Bericht über Wahlfälschungen seinen Hut nehmen. Anfang der Woche dann wurde bekannt, dass die russische Sparte von MTV die Sendung des Society-Sternchens Xenija Sobtschak absetzt. Die Blondine, die gern als Russlands Antwort auf Paris Hilton gehandelt wird, hatte sich bei Massendemonstrationen auf die Seite der Kreml-Gegner geschlagen und wollte den Blogger und Putin-Gegner Alexej Nawalny ins Studio einladen.

Echo Moskaus bisheriger Erfolg als kritischer Sender gehört zu den Merkwürdigkeiten von Wladimir Putins neuem Russland, einem Staat, der weder eine Demokratie nach westlichem Maßstab ist noch eine Diktatur wie in China.

Mehr als zehn Jahre ist es nun schon her, dass die Tochter des halbstaatlichen Konzerns Gazprom 66 Prozent der Anteile an Echo Moskau hält, 34 Prozent gehören der Redaktion. Im Umgang mit Russlands Führung aber ist der Sender in der Zeit nicht gnädiger geworden. Noch immer kommt hier Boris Beresowski zu Wort, der geflohene Oligarch, der Putin stürzen möchte.

Sein "politischer Aktionär" sitze im Kreml, hat Chefredakteur einmal in einem Interview bekannt. Bislang aber gab sich Russlands Staatsmacht eher als stiller Teilhaber. Warum sein Sender bislang Narrenfreiheit genoss, dafür hat Wenediktow drei Erklärungen:

  • Erstens sei es bequem für den Kreml, bei westlicher Kritik an mangelnder Pressefreiheit in Russland auf das rebellische Radio zu verweisen.
  • Zweitens genieße Echo zwar großes Ansehen in der Intelligenz, habe aber kaum Einfluss auf die Volksmassen, die Wahlen entscheiden können.
  • Drittens bräuchten auch die Männer im Kreml eine unabhängige Quelle, um sich über die wahre Lage im Land zu informieren. Echo liefere Nachrichten, die "es in den roten Mappen mit der Aufschrift 'Top Secret' nicht gibt", sagt Wenediktow.

Trotz der Verschiebung der Machtverhältnisse im Aufsichtsrat sitzt Wenediktow als Chefredakteur noch immer fest im Sattel. Die Echo-Belegschaft hat ihn gewählt. Um an der Kür des Chefredakteurs durch die Mitarbeiter etwas zu ändern, bräuchte Gazprom 75 Prozent der Anteile, und nicht nur 66 wie bislang.

Statt Wenediktow soll in Zukunft Geschäftsführer Juri Fedutinow die Interessen der Redaktion im Aufsichtsrat waren. Nicht nur ihm schwant, dass sein Auftrag ein schwieriges Unterfangen werden dürfte. Die Attacke sei nur der erste Schritt "am Anfang eines Weges".

"Was am Ende sein wird", sagt Fedutinow, "weiß allein Gott."

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1. Vorgeschmack
zakajew 16.02.2012
Zitat von sysopDer Radiosender "Echo Moskaus" gilt als Vorbild für sauberen Journalismus. Jetzt will der Staatskonzern Gazprom die Mehrheit im Aufsichtsrat übernehmen. Mit Kreml-Kritik wäre es dann wohl vorbei - Premier Putin zürnt der Redaktion, weil sie ihn "von morgens bis abends mit Durchfall" überschütte.
Putin (http://dyingrussia.files.wordpress.com/2011/11/0_a33d0_b8199d58_orig.jpg) holt zum Gegenschlag aus. Die Demonstrationen vom Dezember und von diesem Monat haben ihn in Panik versetzt. Jetzt werden die Daumenschrauben angezogen. Die Attacke gegen "Echo Moskaus" ist lediglich ein Vorgeschmack auf das, was nach dem März in den kommenden Jahren in Russland stattfinden wird.
2. Thesen
batmanmk 16.02.2012
" Erstens sei es bequem für den Kreml, bei westlicher Kritik an mangelnder Pressefreiheit in Russland auf das rebellische Radio zu verweisen. Zweitens genieße Echo zwar großes Ansehen in der Intelligenz, habe aber kaum Einfluss auf die Volksmassen, die Wahlen entscheiden können. Drittens bräuchten auch die Männer im Kreml eine unabhängige Quelle, um sich über die wahre Lage im Land zu informieren. Echo liefere Nachrichten, die "es in den roten Mappen mit der Aufschrift 'Top Secret' nicht gibt", sagt Wenediktow. " Erstens gibt es in Russland dutzende unabhängige Radiosende, Zeitungen und Millionen von Bloggern, die eine dem Kreml konträre Meinung vertrteten. Aus irgendeinem Grunde scheint hier "Echo Moskaus" jedoch eine Sonderrolle (insbesondere bei dem Besuch von US-Botschaftern) einzunehmen. Zweitens sind die Thesen und das ewige Dreckausgießen über Putin so an den Haaren herbeigezogen, dass man es sich vielleicht aus reiner Neugier "ansehen" würde, aber Akzeptanz resultiert daraus natürlich nicht. Drittens "rote Mappen" mit Top-Secret drauf? Für wie bescheuert muss man den deutschen Leser eigentlich halten, damit er glaubt, dass die Entscheidungsträger mit den brisanten Informationen eigentlich nur aus einer Stelle versorgt werden können.
3. Kämpfe von Journalisten
caecilia_metella 16.02.2012
So viel schlimmer als in Deutschland kann der Journalismus dort eigentlich auch nicht werden. Oder sollte man derartige Klein-Fritzchen-Russen-Bilder neuerdings als "Aktuell" oder "Information" bewerten?
4. Gleichschaltung der Medien
radeberger78 16.02.2012
Zitat von sysopDer Radiosender "Echo Moskaus" gilt als Vorbild für sauberen Journalismus. Jetzt will der Staatskonzern Gazprom die Mehrheit im Aufsichtsrat übernehmen. Mit Kreml-Kritik wäre es dann wohl vorbei - Premier Putin zürnt der Redaktion, weil sie ihn "von morgens bis abends mit Durchfall" überschütte. Machtkampf bei Echo Moskau: Der Feind im eigenen Haus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,815585,00.html)
naja dann wirds halt wie bei uns, egal auf welchen Sender du gehts auf den Nachrichten kommt der gleiche Inhalt.
5.
jws1 16.02.2012
"Der Radiosender Echo Moskau gilt als Vorbild für sauberen Journalismus" Das stimmt einfach nicht. Ich sehe oft den Kreml-kritischen Fernsehsender RTVI (mit Echo Moskva eng verbunden). Die einseitigen Berichte ähneln dort sehr denen von SPON. Ein Leser der schweizer Zeitung NZZ bringt es auf den Punkt: Gesehen wird, was gesehen werden soll. Nicht gesehen wird, was nicht sein darf. "Er bleibe aber weiter als Chefredakteur im Amt, teilte Alexej Wenediktow am Dienstag mit. Auch erklärte er, dass er absolut sicher wisse, dass Wladimir Putin eine entsprechende Verfügung nicht erteilt habe." (aktuell.ru) Wieso gehört das nicht mit zur Meldung? Und wieso ist es keine Meldung, dass eine Demo von Putin-Unterstützern in Moskau genausowenig durch das Zentrum marschieren darf wie jeweils diejenigen der Gegner? Und wieso ist es keine Meldung, dass ein hoher Beamter der Migrationsbehörde entlassen wurde, weil dieser einer französischen Journalistin zu Unrecht das Visum entzogen hatte, weil diese sich "mit der Opposition getroffen" hätte? Das geschickte Filtern macht den schlechten Journalismus aus.
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