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12. September 2018, 19:34 Uhr

Machtmissbrauch beim WDR

Tom Buhrows schwere Hausaufgaben

Aus Bonn berichtet

Machtmissbrauch, Diskriminierung, Männerdominanz und strukturelle Probleme: Eine Prüfkommission stellt dem WDR ein harsches Zeugnis aus. Intendant Buhrow wirbt um Vertrauen - personelle Konsequenzen zieht er nicht.

Tom Buhrow muss sichtbar schlucken. Angespannt fixiert er unsichtbare Punkte im Raum, während neben ihm Ausdrücke wie "Machtmissbrauch", "Diskriminierung" und "Unzufriedenheit mit dem Betriebsklima" fallen. Und immer wieder ist da dieser eine unangenehme Begriff: "Strukturelles Problem."

Fünf Monate ist es her, dass der WDR-Intendant die ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende Monika Wulf-Mathies als Kopf einer Prüfungskommission eingesetzt hat, um den Belästigungsvorwürfen innerhalb des ARD-Senders nachzugehen. Am Mittwochnachmittag stellte sie nun in Bonn die Ergebnisse vor. Und die zeigen vor allem eines: Tom Buhrows dringendster Auftrag an der Spitze der Medienanstalt besteht in nicht weniger, als einen kompletten Kulturwandel beim WDR herbeizuführen.

Mindestens fünf Fälle von Vorwürfen sexueller Belästigung, ein Dutzend mutmaßliche Opfer, namhafte Beschuldigte, hohes öffentliches Interesse: Zwangsweise hat der WDR im Zuge der #MeToo-Debatte in Deutschland eine Vorreiterrolle eingenommen. Nun muss er Antworten auf zahlreiche Fragen finden:

Es ist besonders die letzte Frage, die die externe Prüferin beschäftigt. Sexuelle Belästigung, betont Wulf-Mathies, sei schließlich nur "die Spitze des Eisbergs", unter der sich weitreichendere Probleme verbergen.

Ein strukturelles Machtgefälle ziehe sich durch den gesamten WDR, von der Führungsebene bis hin zu freien Mitarbarbeiten. Doch der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf, und so macht Wulf-Mathies ohne große diplomatische Umschweife deutlich, wo die Verantwortlichkeit liegt: in der Führungsetage - in der bei Einstellungen nicht genug auf soziale Kompetenz und charakterliche Eignung geachtet werde.

"Subtile und verdeckte Formen von Diskriminierung"

Ihre Untersuchung, sagt Wulf-Mathies, habe vor allem eines aufgezeigt: die "subtilen und verdeckten Formen von Diskriminierung, mit der vorwiegend männliche Dominanz gefestigt wird." Genau an dieser Stelle setzen ihre Lösungsvorschläge an: Verbindliche Schulungen für Führungskräfte, einheitliche Kriterien bei Stellenbesetzungen, klare Regeln und Sanktionen, deutliche Positionierung gegen Sexismus und Belästigung, eine Clearing-Stelle, die Beschwerden und Informationen schnell prüft und weiterleitet. Und: Ein positives Betriebsklima, in dem Mitarbeiter keine Angst haben müssen. Ein Paket mit Maßnahmenempfehlungen habe sie Tom Buhrow bereits zukommen lassen, sagt sie.

Konkrete personelle Veränderungen schlägt Wulf-Mathies nicht vor, mögliches Fehlverhalten von Führungskräften wird in ihrem Bericht nicht an Namen gebunden - was in Buhrows Sinne sein dürfte.

Aber der Intendant hat reichlich Hausaufgaben.

Einige davon hat er bereits erledigt. Schon vor Monaten hat der WDR externe Anlaufstellen für Betroffene eingerichtet. Einer Aufgabe widmet sich Buhrow besonders gewissenhaft: Als er bei der Vorstellung des Abschlussberichts nach 20 Minuten zum ersten Mal das Mikrofon ergreift, bedankt er sich bei allen Betroffenen, die sich zu Wort gemeldet haben, und stellt klar: "Sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch dulden wir nicht." Eine Null-Toleranz-Politik also, daran wird sich Buhrow in den kommenden Monaten und Jahren messen lassen müssen. Über die Bedeutung dieser roten Linie und aller weiteren Schritte über den WDR hinaus ist sich Buhrow im Klaren: Man habe sich bewusst dafür entschieden, die Aufarbeitung und Prüfung öffentlich ablaufen zu lassen.

Fehlt also noch der Strukturwandel. Doch Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind, in einem Unternehmen mit 4000 Angestellten und Tausenden freien Mitarbeitern, verschwinden nicht von heute auf morgen. Das weiß auch Buhrow. "Hierarchie werden wir nicht abschaffen", sagt er. Wichtig sei es daher besonders, Vertrauen zu schaffen zwischen Kollegen und Vorgesetzten.

Die konkreten Verdachtsfälle, die in den vergangenen Monaten öffentlich geworden waren, seien derweil weitgehend bearbeitet. Gründlich, aber mit Verspätung, wie Wulf-Mathies deutlich macht: "Man hätte ihnen damals gewissenhafter nachgehen müssen." Die Neunzigerjahre seien jedoch eine andere Zeit gewesen, in der es weniger Bewusstsein für Machtmissbrauch und Belästigung gegeben habe, räumt sie ein. Bis sich ein neues Bewusstsein wirklich auf allen Ebenen des WDR und anderen Unternehmen gefestigt hat, werden wohl noch einmal ein paar Jahrzehnte vergehen.

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