Vorsatz für 2018 Mehr Schweigen wagen

"Die eigentlichen Opfer sind heute die Männer." Manche Sätze sind Quatsch, verbreiten sich aber dennoch. 2018 wird ein besseres Jahr, wenn alle mehr nachdenken, was sie da eigentlich sagen.

Ohren zu: Sätze, die sicher falsch sind
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Ohren zu: Sätze, die sicher falsch sind

Eine Kolumne von


Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm beschrieb im Jahr 1902 folgende Szene von einer Feier zum Jahreswechsel:

"Ich war an einem Silvesterabend Ohrenzeuge, als so ein Herrenrechtler (er braute noch am Punsch) seine Frau, die mit dem Glockenschlag zwölf 'Prosit Neujahr!' rief, zur Ruhe wies mit den Worten: 'Ich habe hier zu bestimmen, wann Mitternacht ist.'"

Das Schöne an dieser Anekdote ist, dass wir uns so etwas heute nicht mehr anhören müssen. Fortschritt! Das Traurige ist: Wir hören dann eben anderen Quatsch. Zum Jahresanfang habe ich eine Liste gemacht mit Dingen, die ich 2018 gerne nicht mehr hören würde. (Wenn man Vorsätze für andere macht, kann man nicht scheitern, das scheint Kollege Augstein gestern auch schon gedacht zu haben.)

Es sind ein paar Sätze, die heutzutage schnell mal dahingesagt werden, die aber sehr sicher falsch sind, genau so falsch wie jemand, der denkt, es könne nicht Mitternacht sein, weil er den Punsch noch nicht fertig hat. Geben Sie sich die Blöße nicht und helfen Sie außerdem anderen, denen diese Ausrutscher passieren, und 2018 wird ein besseres Jahr, ich schwöre.

1. "Die eigentlichen Verlierer/Opfer sind heute die Männer."

Bitte nicht! Die These, dass es eigentlich vor allem Männern heute schlecht gehe, hört man immer wieder, wenn man irgendetwas beschreibt, was für Frauen nicht gut läuft. Dann heißt es oft: Ja, aber Männer sind häufiger arbeits- und obdachlos, haben öfter Herzinfarkte und leben kürzer als Frauen, außerdem gibt es mehr Müllmänner als Müllfrauen. Das stimmt alles exakt so. Und Jungs sind schlechter in der Schule als Mädchen. Wenn ich beten würde, würde ich für die Erkenntnis beten, dass das alles zusammen geht: Es schließt sich überhaupt nicht aus, anzuerkennen, dass Jungs auffällig schlecht in der Schule abschneiden, offensichtlich eine bessere Förderung bräuchten und außerdem Frauen sexualisierte Gewalt erleben und im Schnitt immer noch weniger Geld bekommen als Männer in vergleichbaren Positionen. Es gibt keine "eigentlichen Verlierer", weder Männer noch Frauen.

Männer sind ganz unten und ganz oben: Sie sind öfter obdachlos, aber auch öfter Chefs als Frauen. Es liest sich deswegen auch mit guten Gründen bescheuert, wenn der "Manufactum"-Geschäftsführer im "FAZ"-Werbeteil, ähm, Interview behauptet, uns stünde eine "Re-Emanzipation des Mannes" bevor: "Ich glaube, die Autarkie des Mannes kommt gerade zurück." Sie war nie weg, guten Morgen.

2. "Es geht zu weit mit der Political Correctness."

Einerseits platzen mir die Ohren, wenn ich diesen Satz höre, egal um welches Thema es geht: Unisextoiletten in öffentlichen Gebäuden, umgeschriebene Kinderbuchklassiker oder Grundrechte für Menschen mit Behinderung. Andererseits kann ich nicht glauben, dass es die Idee von schädlicher "Korrektheit" hierzulande so weit bringen konnte. Deutschland ist ein Land, in dem Menschen sich beschweren, wenn der Bus, der alle zehn Minuten fährt, drei Minuten zu spät ist. Es wirkt auf bizarre Art unglaubwürdig, wenn Leute hier auf "Korrektheit" schimpfen.

Aber vor allem: Es geht immer an der Sache vorbei. Man könnte den Begriff "Political Correctness" durchgängig durch "Anstand" ersetzen und dann würde man sehen, wie lächerlich die Leute sich machen. Es ist mitunter salonfähig geworden zu glauben, man könnte es mit so grundlegenden Dingen wie Respekt und Menschenrechten übertreiben, während in Wahrheit schon ein ziemlich traditioneller, nicht-radikaler Umgang mit diesen Werten die "PC"-Kritiker und Kritikerinnen als genau den asozialen Haufen dastehen lässt, der sie sind.

"Political Correctness" ist ein Begriff, der aus dem rechten Spektrum in die Alltagssprache eingesickert ist und nun von Leuten gebraucht wird, die entweder selbst rechts sind und/oder nur nachlabern, was sie woanders hören und sich dann über die Reaktionen wundern und/oder so weit degeneriert sind, dass sie keinerlei Wert darauf legen, von Nazis unterschieden zu werden. Wer darauf besteht, doch auf das vermeintlich "Korrekte" zu schimpfen, der möge ruhig direkt sagen, dass er Intersexuelle nicht gleichbehandeln will oder dass er will, dass seine Kinder und Enkel keine besseren Bücher zu lesen kriegen als er selbst im Winter 1946. Das wäre wenigstens ehrlich.

3. "Es darf keine Denkverbote (und/oder Sprechverbote) geben."

Stimmt! Klar. Es darf auch keine kleinen grünen Männchen in meiner Teekanne geben, und es gibt sie auch nicht. Ich kann mich nicht entscheiden, ehrlich gesagt, ob ich den Satz "Es darf keine Denkverbote geben" nicht mehr hören will, oder ob ich ihn als Trottel-Marker behalten will für Leute, die unbeholfen gegen Linke wettern.

Der Satz ist inhaltlich nicht mal falsch und obendrauf auch noch lustig, denn kein intelligenter Mensch lässt sich das Denken verbieten. Man kann Leuten das Denken schwer machen, indem man sie foltert oder ihnen Drogen gibt, aber überall da, wo es nur darum geht zu sagen, dass Fortschritt anstrengend ist, da sind es keine Denk- oder Sprechverbote, unter denen Leute leiden, sondern immer nur: der Ärger darüber, dass es neue Ideen gibt, die sich besser durchsetzen.

4. "Da sind sich die Feministinnen selbst nicht einig, die wissen doch selbst nicht, was sie wollen."

Die erste Hälfte ist pure Wahrheit. Feministinnen sind sich bezüglich sehr vieler Dinge uneinig: Religion, Prostitution, Leihmutterschaft, Frauenquoten, Erziehung, Kunst, Humor und mehr. Wenn wir uns immer einig wären, wären wir eine Sekte oder die Teletubbies. In allen anderen Gruppen gibt es unterschiedliche Positionen. Es ist zwar ein beliebter rhetorischer Dreh zu sagen, bestimmte politische Kollektive seien nicht ernst zu nehmen, wenn sie sich nicht einig sind. Das mag für Parteien bisweilen stimmen, aber eine soziale Bewegung kann man damit nicht treffen.

Tatsächlich ist es sogar ein Beweis für die Erfolge des Feminismus, wenn auch innerfeministische Diskussionen öffentlich abgebildet werden und man nicht nur Alice Schwarzer hört. Für manche Leute ist das eine Umstellung, denn sie sind nicht unbedingt daran gewöhnt, feministische Kritik als etwas Differenziertes wahrzunehmen, und dann wundern sie sich, dass es da verschiedene Ansätze geben kann - aber sie werden sich daran gewöhnen.

Und der letzte Satz, den ich 2018 nicht mehr hören will:

5. "Deniz Yücel ist immer noch im Gefängnis."

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insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
Freundschafter 02.01.2018
1. Letztens in der Besprechung ...
... nachdem die Kolleginnen gegangen sind, hat ein Kollege noch etwas kritisch abwertendes zum Vorschlag einer Kollegin gesagt. Darauf der Teamleiter "Das denken wir alle hier, aber bitte nicht laut aussprechen wenn die Kolleginnen da sind!" Deutschland 2018
skylarkin 02.01.2018
2.
Es wirkt auf bizarre Art unglaubwürdig, wenn die Autorin hier völlig unterschiedliche Arten von Korrektheit in einen Topf schmeißtr um die Kritik an überbordener PC zu diskreditieren.
felisconcolor 02.01.2018
3. Anstand
ist etwas was man hat oder eben nicht (hat meist etwas mit der Erziehung zu tun). PC ist die pervertierte Form des Anstandes und wird meist von Menschen angewandt die von Anstand nicht den blassesten Schimmer haben (ungeachtet der Erziehung). Also vollkommen überflüssig.
veleg 02.01.2018
4. Voltair
Wenn du wissen willst wer die Macht hat guck wen du nicht kritisieren darfst". Also laut Voltair scheint das mit den Frauen als Opfer nicht ganz zu stimmen. Wir sollten alle mehr sagen als wir denken. das wir selbsternannten Experten heute das meisten denken überlassen ist ein armutszeugnis unserer gesellschaft. Marcuse hatte recht "umso mehr eine gesellschaft wissenschaftlich herausfindet, umso dogmatischer muss sie werden", da man den Experten ihre Meinung glauben muss.
muellerthomas 02.01.2018
5.
Zitat von Freundschafter... nachdem die Kolleginnen gegangen sind, hat ein Kollege noch etwas kritisch abwertendes zum Vorschlag einer Kollegin gesagt. Darauf der Teamleiter "Das denken wir alle hier, aber bitte nicht laut aussprechen wenn die Kolleginnen da sind!" Deutschland 2018
Und meine Erfahrung ist, dass Leute, die selbst sagen, "das denken alle so", meistens nur für sich und eine eher überschaubare Minderheit sprechen, dabei aber fest überzeugt ist, "eigentlich" für die schweigende Mehrheit zu sprechen.
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