Männerbild in Frauenzeitschriften Das schwache Gemächt

Unsicher, ängstlich, desorientiert: Der deutsche Mann trägt schwer an der sozialen und wirtschaftlichen Lage. Für Frauenmagazine ein Grund zur Freude: Sie inszenieren seine Misere als Chance.

Von Daniel Haas


Der deutsche Mann steckt in der Krise, daran konnten auch teutonischer WM-Taumel und stramme Fußballerwaden nichts ändern. Mag die Klinsmann-Elf das Land mit Zuversicht befeuert haben, den XY-Chromosomenträger aus seiner sozialen, kulturellen und psychologischen Misere befreit hat sie nicht. Männer begehen immer noch dreimal so oft Selbstmord wie Frauen, stellen den Großteil an Obdachlosen, Alkohol- und Drogenabhängigen und sterben im Schnitt sechs Jahre früher.

Die Lage spitzt sich zu, die Gründe liegen auf der Hand: Aus dem Schwitzkasten veränderter Arbeitsbedingungen kann sich der traditionelle Mann weder mit Muskelkraft noch mit Stoizismus befreien. Beim Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft sind Kommunikationstalent und Teamgeist gefragt; Integration statt Aggression ist die Devise im flexiblen Kapitalismus. Die sogenannten soft skills, also Sozialkompetenz, sind nicht mehr nur Schlagwort schwammiger Zeitgeistdebatten, sondern ein konkreter Mehrwert, den vorzugsweise Frauen anzubieten haben.

Natürlich ist der "alte" Mann nicht abserviert, im Gegenteil: Der Sportschaugucker und Biertrinker, Muskelpumper und Wenig-Worte-Macher geistert weiter durchs mentale Terrain des Landes und hat sich vor allem in Frauenzeitschriften als gut sichtbare Klischeeformation abgelagert, vor dem die popkulturelle Phantasie ihre metro-, omni- und ultrasexuellen Utopien in Szene setzen kann.

Die Ontologie des Mannes zu klären, gehört zu den ersten Pflichten des Frauenmagazins; immer wieder wird sein Mythos enthüllt, sein Geheimnis gelüftet, sein Nimbus aufgelöst. In Erscheinung tritt dann meist ein Wesen, das mit der passenden emotionalen Bedienungsanleitung begriffen und in den Bereich sozialer Verträglichkeit gesteuert werden kann.

Pechvogel als Glücksbringer

Der zwischen Macho-Autorität und Softie-Solidarität hin- und hergeworfene Mann, wie er aktuell in der gut gebildeten Mittelschicht anzutreffen ist, entspricht dabei ziemlich genau jener Figur, die Blätter wie "Glamour", "Cosmopolitan" oder "Petra" als Hoffnungsträger für die Frau entwerfen. Ganz derangierter Sinn- und Selbstsucher, der mit wirtschaftlichen und kulturellen Umbrüchen zurechtkommen muss, ist er der vom eigenen Rollenklischee gegängelte Pechvogel, von dem man sich immer gewünscht hat, dass er sich im machistischen Glücksjäger verbirgt.

Wenn zum Beispiel "Cosmopolitan" in seinem aktuellen Special "Mythos Mann" erklärt, Männer stünden nicht auf einen bestimmten Typ und könnten keinesfalls Sex und Gefühle trennen, dann ist das narzisstische Raubtier mit Freiheitsdrang und Vorliebe für eine bestimmte Sorte Fleisch durch den flexiblen Pragmatiker ersetzt. Tatsächlich ahnt der "neue" Mann, dass er die hedonistischen Spiele der Eroberung womöglich nicht mehr lange wird finanzieren können - weder emotional noch pekuniär. Libido-Konzentration statt Vielheits-Option lautet deshalb die Devise. Und ist erotisches Multitasking passé, wird auch die Leib-Seele-Spaltung überflüssig; gefühlsmäßige Verhärtungen ergaben in Macho-Land nur einen Sinn, weil ihr körperliche vorausgingen.

Auch "Glamour" entdeckt den Bedenken- im Spendierhosenträger. Männer, so freut sich das Magazin, mögen Sex im Dunkeln, fürchten, dass die Partnerin fremdgeht, wollen doch nicht immer Sex und kommen auch nicht jedes Mal. Kein Wunder: Wer in immer kurzfristigeren Arbeitsverhältnissen immer mehr Instabilität aushalten und sich immer öfter fortbilden und beweisen muss, hat wenig Zeit für die körperliche Mobilmachung. Die Angst vor Verknappung emotionaler Ressourcen wächst entsprechend; Entladung wird als Verausgabung umgewertet. Starkes Geschlecht und schwaches Gemächt schließen sich nicht mehr aus.

Modell-Mann mit Schwächen

"Woman" sekundiert unter dem Titel "Elf Wahrheiten über Männer und Sex" mit Einsichten wie jener, dass Männer gern ihre schlafende Geliebte betrachten, sich im Zweifelsfall für eine Frau mit Köpfchen entscheiden und gekränkt sind, wenn eine Frau nur Sex will. So spricht der neue Mann, der sich, wie Männer-Forscher Paul Zulehner erklärt, nicht davor scheut "in Kontakt mit seiner Innenwelt zu treten". Und dem schwant, dass vielleicht seine Frau bald als Ernährerin fungiert, während er Bewerbungen ins Blaue schreibt.

Dass Frauen, die nur Sex wollen, suspekt sind, ist übrigens nur die Kehrseite jener Medaille, auf der männliche Dauergeilheit geschrieben steht. Sie zu verurteilen haben vor allem die Söhne alleinerziehender Mütter gelernt, die - so eine Studie des Männerforschers Sven Kluth - oft ein negatives Männerbild eingeimpft bekommen und als so verständnisvolle wie bedürfnislose Ersatzpartner herhalten müssen.

Der vaterlose Problemmann hat den Mann mit Vaterschaftsproblemen im Schlepptau. "Petra" stellt deshalb die programmatische Frage "Wollen Männer Kinder?" und beantwortet sie mit einer Reihe Mut machender Fakten: 21 Prozent der Männer sind nur kinderlos, weil sie keine feste Partnerin haben; 70 Prozent der Väter empfinden ihr Leben mit Kindern als glücklicher; 39 Prozent der Stiefväter wollen ein gemeinsames Kind mit der Mutter. Dass sich die postadoleszente Phase zunehmend verlängert, Männer immer später von zu Hause ausziehen und überhaupt das Patriarchat immer weniger attraktiv ist, weil es zu viel Verantwortung und zu wenig Abwechslung bietet, diese Tatsachen sind damit noch lange nicht aus der Welt. Aber auch hier ist der Mann nur die bessere Hälfte des Problems: Letztlich sind es die Frauen, die die veränderte Männerrolle torpedieren, erklärt Walter Hollstein, Professor am Institut für Generationenforschung in Bremen, in "Petra". "Für sie ist der traditionelle, gut verdienende Mann mit hohem Prestige einfach attraktiver als einer, der gut spült."

Deshalb ist diese Männerkunde so wichtig: Sie ist das avantgardistische Korrektiv, das letztlich nur die Geschlechter-Images dem Status quo anpasst. Wenn sich Frauenzeitschriften eine neue Virilität ausmalen, entdecken sie eigentlich nur die Wirklichkeit: einen Mann, angestrengt auf der Suche nach einem Platz in der neuen, verunsichernd flexiblen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

Der Mann steckt in der Krise - na und? Sein Stressbewältigungs-Outfit - Selbstkritik, sexuelle Zurückhaltung, gesteigerte Emotionalität -, passt wie maßgeschneidert zur Wunsch-Anthropologie der Frauenmagazine.



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