Männliche Paranoia Gruselige Zeiten - für wen?

Männer fühlen sich von Frauen bedroht und jammern über Verunsicherung. Geht's noch? Frauen, die für ihre Rechte eintreten, werden bestraft und müssen um ihr Leben fürchten - auch in Mitteleuropa.

Demonstration gegen Brett Kavanaugh in Washington
AFP

Demonstration gegen Brett Kavanaugh in Washington

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Erinnern sich noch alle daran, was "Zeit"-Redakteur Jens Jessen im Frühling schrieb? "Wir können jederzeit denunziert werden, auch ohne den kleinsten Vorfall." Männer hätten es heute unglaublich schwer, schrieb Jessen in seiner Titelgeschichte "Der bedrohte Mann". Als könnte jederzeit eine twitternde Feministin aus dem Gebüsch springen, die mit ein paar Sätzen und einem Hashtag eine Karriere zerbombt.

Jessen steht nicht allein da mit dieser Paranoia. "It's a very scary time for young men in America", sagte auch US-Präsident Donald Trump vor ein paar Tagen. Er bezog sich damit auf den Fall Brett Kavanaugh, der diverser Übergriffe beschuldigt wurde und nun Oberster Richter auf Lebenszeit ist.

Die Musikerin und Tänzerin Lynzy Lab schrieb daraufhin einen Song: Ja, es ist wirklich eine gruselige Zeit für Männer, wenn sie Frauen nicht mehr ganz so einfach belästigen können. "Es ist so verwirrend", singt sie. "Ist es eine Vergewaltigung oder nur Nettsein? So lästig, dass man gründlich drüber nachdenken muss." Sie zählt auf, was für Frauen alles gefährlich werden kann: spät abends öffentliche Verkehrsmittel nutzen, einen Minirock tragen, allein in eine Bar gehen, einen Drink unbeobachtet stehen lassen, in den Klub gehen und einfach nur tanzen wollen, im Erdgeschoss wohnen, betrunken sein, mit Kopfhörern joggen gehen - oder nach 35 Jahren gegen einen Vergewaltiger aussagen.

Christine Blasey Ford, die Kavanaugh beschuldigt hatte, kann derweil nicht mehr nach Hause. Die Professorin bekommt, seit sie gegen den Richter ausgesagt hat, so viele Gewalt- und Morddrohungen, dass sie in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher ist. Zusätzlich musste sie sich Personenschutz besorgen. Es könne noch eine Weile dauern, bis Blasey Ford und ihre Familie wieder zurück nach Hause könnten, sagte eine ihrer Anwältinnen.

Bevor für Kavanaugh gestimmt wurde, hatte außerdem ein Mann aus Florida verkündet, er sei bereit, viele Menschen zu töten, wenn Kavanaugh nicht ernannt würde. In einem Interview wurde Donald Trump gefragt, ob er es okay fand, sich über Blasey Ford lustig zu machen, und er sagte: "Ich werde mich nicht dazu äußern. Weil wir gewonnen haben. Es ist egal. Wir haben gewonnen."

In Indien hat die Schauspielerin Tanushree Dutta bereits vor zehn Jahren versucht, öffentlich über sexuelle Belästigung bei Dreharbeiten zu sprechen, fand damals aber kein Gehör. Ihre Beschwerden wurden ignoriert, sie bekam in Indien keine Engagements mehr, zog in die USA. Nun ist sie wieder in Indien und hat es geschafft, eine #MeToo-Debatte in ihrem Land anzustoßen, erhält dafür aber zahlreiche Beschimpfungen und Bedrohungen. Auch sie steht derzeit unter Personenschutz.

In Österreich wurde gerade Sigi Maurer verurteilt, weil sie sich gegen sexuelle Belästigung gewehrt hat. Die ehemalige Grünen-Politikerin hatte Nachrichten veröffentlicht, die ihr geschickt wurden, und muss nun eine Geldstrafe zahlen, wegen "übler Nachrede". Die Nachrichten, die Maurer bekommen hatte - "da du prominent bist, ficke ich dich gerne in deinen fetten Arsch", unter anderem -, stellen in Österreich keinen Straftatbestand da.

Es ist eine furchteinflößende Zeit - aber nicht für Männer

Um trotzdem nicht damit allein zu bleiben, veröffentlichte Maurer Screenshots davon, sowie den Namen des Ladenbesitzers, von dessen Account die Nachrichten kamen. Obwohl sie alles richtig gemacht hat, wird sie nun bestraft. Sie soll 3000 Euro Geldstrafe zahlen, 4000 Euro an den Ladenbesitzer, plus Prozess- und Anwaltskosten. Auf Twitter schrieb sie: "Ich wehre mich gegen extrem sexistische, erniedrigende Nachrichten und werde dafür verklagt. Der Richter befindet, Herr L. lügt und er glaubt alles, was ich sage. Trotzdem werde ich verurteilt. Nun gut, dann gehen wir eben in Berufung. Bis nach Straßburg, wenn es sein muss."

Sie bekommt jetzt wieder Nachrichten: "Ich würde dir raten, deine Strafe zu zahlen und den Mund nicht weit aufzureißen (nur zum Blasen). Wenn dich meine Freunde mal in der Nacht draußen erwischen, hast sowieso ausgespielt." Sie veröffentlicht sie weiter - ohne volle Namen zu nennen.

Ebenfalls verurteilt wurde Kristina Hänel, die Ärztin, die angeblich "Werbung für Abtreibungen" gemacht hatte - indem sie auf ihrer Webseite darüber informierte, wie ein Schwangerschaftsabbruch läuft. Der Papst hat Ärztinnen, die Abtreibungen durchführen, gerade wieder als "Auftragsmörder" bezeichnet.

Ja, es ist eine furchteinflößende Zeit - aber nicht für Männer. Frauen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, werden immer noch überall auf der Welt dafür bestraft. Sie müssen dafür bezahlen, dass sie über Unrecht sprechen, dass sie Täter beim Namen nennen, oder sich für grundlegende Frauenrechte einsetzen.

Es ist zynisch. Ich bekomme die meisten Gewalt- oder Morddrohungen, wenn ich über Gewalt gegen Frauen schreibe. Es reicht, die Kriminalstatistik zu zitieren, laut der in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird, oder darauf hinzuweisen, dass auch deutsche Männer gelegentlich Frauen belästigen, und schon schreibt irgendeine verlorene Seele: "Ihr Zecken werdet bald brennen. Du Hure. Du verdammtes Stück Dreck bist bald fällig", und: "Du Schlampe gehörst erschossen. Kriegst du nicht genug Schwänze oder was ist los?"

Der Mythos der Bedrohung für Männer hält sich beharrlich

Frauen, die Unrecht ansprechen, wird oft vorgeworfen, nur Aufmerksamkeit zu wollen oder die Karrieren von Männern zerstören zu wollen. Es gibt allerdings keinen einzigen Fall in der Weltgeschichte, in der eine Frau zu Ruhm gelangt wäre, nur weil sie einen Vergewaltiger angezeigt hat. Es gibt 1000 Wege, ein Star zu werden. Über Belästigung zu sprechen, ist keiner davon. Viele Männer, die beschuldigt werden, können ihre Karrieren fortsetzen, während die Frauen, die gegen sie ausgesagt haben, um ihr Leben fürchten müssen.

Es sitzen so viele inkompetente Männer auf irgendwelchen Posten - wenn es ein wirksames Mittel wäre, ihnen wahllos Belästigung vorzuwerfen, um sie loszuwerden, hätte sich das unter Frauen längst rumgesprochen. Trotzdem hält sich der Mythos der Bedrohung für Männer beharrlich - egal, wie viele Statistiken dagegensprechen. Die "Süddeutsche" hat gerade wieder erklärt, "dass es für Männer wahrscheinlicher ist, selbst Opfer einer Vergewaltigung zu werden als fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt zu werden".

Das Gute: Frauen, die sich wehren, müssen trotzdem nicht unbedingt allein bleiben. Sigi Maurer rief nach ihrer Verurteilung zu einem Crowdfunding auf: ein Rechtshilfefonds für ihren Fall und weitere Fälle. Innerhalb weniger Stunden kamen dort mehr als 50.000 Euro zusammen.

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insgesamt 183 Beiträge
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@TheRealJogi 16.10.2018
1. Eine etwas differenzierte Betrachtung wäre schön
Wie bei allem im Leben gibt es auch bei diesem Thema kein Schwarz und Weiß, sondern nur diverse Nuancen von Grau (mit Sicherheit mehr als 50). ;-) Bei aller berechtigter Aufregung über die immer noch herrschende Benachteiligung der Frau in der heutigen Zeit sollte man dennoch den gesunden Menschenverstand nicht ausschalten. Warum meldet Christine Blasey Ford die (angebliche) versuchte Vergewaltigung erst 35 Jahre danach, also wenn bereits alles zu spät ist, um die Ernennung von Kavanaugh zu verhindern? Bitte nicht falsch verstehen: ich kann diesen Kerl ebenfalls nicht ausstehen und bin sicher, daß er ein kompletter Kotz... ist. Aber ohne Beweise ist es lediglich üble Nachrede, an der ein Makel der möglichen politischen Einflussnahme der Demokraten haftet. Und Sigi Maurer hätte vielleicht nach der ersten (sicherlich berechtigten) Empörung über die erhaltenen Nachrichten einfach mal den Kopf einschalten sollen. Dann wäre ihr womöglich eingefallen, daß der Pranger im Mittelalter nach dem Mittelalter abgeschafft wurde und heutzutage für Beleidigungen eine Anzeige bei der Polizei angebracht ist. Auch in Österreich. Nicht jeder derartige Fall taugt daher als Musterbeispiel für den heutigen Geschlechterkampf. Etwas mehr Gelassenheit auf beiden Seiten wäre stattdessen mal wieder eine schöne Abwechslung.
UlrikeBliefert 16.10.2018
2. Ganz von selbst ...
Der nicht mehr aufzuhaltende Verlust Jahrtausende lang weitgehend unangefochtener Privilegien ist sicher beängstigend, keine Frage. Der sexistische Gossenjargon, mit dem eine gewisse Klientel glaubt, ihren Widerstand formulieren zu müssen, führt die postulierte Vormachtstellung des Männlichen allerdings ganz von selbst ad absurdum.
ulrich-lr. 16.10.2018
3. Fortschritt, Kampf, Opfer
Mal wieder ein echter Schenkelklopfer (oder ist das nicht mehr korrekt?). Das Ganze erinnert verdammt an Gina-Lisa Lohfink. Schon vergessen? Da wurde eine falsche Anklage zur Zugmaschine im Kampf der Aktivist*innen für die Frauenrechte natürlich gegen uneinsichtig-verklemmte Männer - und bescherte uns eine neues ungeheuer fortschrittliches Gesetz. In USA wird ein Unschuldiger von einer tapferen, aber sehr vergesslichen Dame beschuldigt. Die in riesigen Rudeln lautstark auftretenden Aktivist*innen wissen schon vor der Aussage der sehr vergesslichen Dame, dass der Typ schuldig sein muss und toben. Der unschuldige Typ, diese Pfeife, nimmt sich das ganz unmännlich zu Herzen und verliert auch noch die Fassung. Unfassbar. Männer sind statistisch Schweine und die nehmen sich gefälligst nichts zu Herzen. Und jetzt kommen die anderen weinerlichen Typen, die sich Männer nennen, um die Ecke und beschweren sich auch noch, dass es so leicht geworden ist, sie mit falschen Beschuldigungen zu überziehen. Dabei bleiben sie doch meistens am Leben. Ruf ruiniert? Wie bitte? Jede Kämpferin an der Empowerment-Front weiß, dass Männer gar keinen Ruf haben. Erst recht keinen guten. Für eine gute Sache muss man Opfer bringen. Männer, nehmt euch an den tapferen Frauen ein Beispiel. Gina-Lisa hat ihren hervorragenden Ruf für ein fortschrittliche Gesetz geopfert. Blasey Ford hat sich mit ihrer aufrüttelnden Story dem Rückschritt, der durch die Ernennung eines konservativen Mannes drohte, entgegengestemmt und dabei ihren Ruf geopfert. Im Dienste des Fortschritts! Daran Männer, solltet ihr denken und ehrfürchtig gleich jetzt alles, was man euch vorwerfen könnte, zugeben. Dann bräuchte euch auch keiner mehr anzuklagen. Die Sache wäre erledigt. Aber darauf kommt ihr vor lauter Selbstmitleid nicht. Stimmt's, Frau Stokowski?
FocusTurnier 16.10.2018
4. Paranoia?
Immerhin werden Trump's Worte durch Untersuchungen gestützt: "New Poll: Majority Believe It's a Scary Time to Be a Young Man in America" https://townhall.com/tipsheet/katiepavlich/2018/10/05/new-poll-majority-believe-its-a-scary-time-to-be-a-man-in-america-n2525827 Allerdings hatte die Jagd auf Kavanaugh auch einen Effekt, den ich sehr begrüße. Die Spenden für Männerrechtsgruppen sind sprunghaft angestiegen: https://www.thedailybeast.com/mens-rights-organizations-kavanaugh-hearing-turned-us-into-heroes
current3 16.10.2018
5. Hmmm
Zitat von @TheRealJogiWie bei allem im Leben gibt es auch bei diesem Thema kein Schwarz und Weiß, sondern nur diverse Nuancen von Grau (mit Sicherheit mehr als 50). ;-) Bei aller berechtigter Aufregung über die immer noch herrschende Benachteiligung der Frau in der heutigen Zeit sollte man dennoch den gesunden Menschenverstand nicht ausschalten. Warum meldet Christine Blasey Ford die (angebliche) versuchte Vergewaltigung erst 35 Jahre danach, also wenn bereits alles zu spät ist, um die Ernennung von Kavanaugh zu verhindern? Bitte nicht falsch verstehen: ich kann diesen Kerl ebenfalls nicht ausstehen und bin sicher, daß er ein kompletter Kotz... ist. Aber ohne Beweise ist es lediglich üble Nachrede, an der ein Makel der möglichen politischen Einflussnahme der Demokraten haftet. Und Sigi Maurer hätte vielleicht nach der ersten (sicherlich berechtigten) Empörung über die erhaltenen Nachrichten einfach mal den Kopf einschalten sollen. Dann wäre ihr womöglich eingefallen, daß der Pranger im Mittelalter nach dem Mittelalter abgeschafft wurde und heutzutage für Beleidigungen eine Anzeige bei der Polizei angebracht ist. Auch in Österreich. Nicht jeder derartige Fall taugt daher als Musterbeispiel für den heutigen Geschlechterkampf. Etwas mehr Gelassenheit auf beiden Seiten wäre stattdessen mal wieder eine schöne Abwechslung.
Probleme mit Selbstjustiz entstehen genau dann, wenn ein unerhörtes Verhalten strafrechtlich nicht verfolgt wird. Sigi Maurer hat - nach dem, was ich bisher gelesen habe - offensichtlich keine Möglichkeit, den Täter strafrechtlich zu belangen. Ich bin zwar nicht für den Online-Pranger, aber ich bin auch nicht dafür, dass dieser Typ ungeschoren davonkommt.
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