Märchenfilme in der ARD: Grimm für Anfänger

Von Peter Luley

Die volle Familienpackung: Zu Weihnachten beschenkt die ARD ihre Zuschauer mit sechs Märchenfilmen. Schönen Dank, sagen da auch die deutschen Fernsehpromis und spielen reihenweise mit. Dabei sind die Grimm-Neufassungen besser als vermutet: solides Volkstheaterniveau.

Weihnachtszeit ist Märchenzeit im Fernsehen – der tschechische Siebziger-Jahre-Klassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" gehört für viele genauso traditionell zum Festtagsprogramm wie "Dinner for One" zu Silvester. In diesem Jahr nun will die ARD für Abwechslung sorgen: mit dem Schwerpunkt "Sechs auf einen Streich", einer Gemeinschaftsunternehmung mehrerer Rundfunkanstalten.

Sechs 60-minütige Märchen-Neuverfilmungen, die an den Weihnachtsfeiertagen im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt werden, sollen die Welt der Brüder Grimm wieder lebendig werden lassen – "nach heutigem Empfinden erzählt", aber "ohne oberflächliche äußere Modernisierung mit Prinzessinnen am Laptop oder Königen mit Mobiltelefon", wie Programmdirektor Volker Herres im Begleittext verspricht.

Immerhin, diesen Anspruch lösen die ersten beiden Filme, die morgen Vormittag vorab laufen, schon mal ein – und wer Otto Waalkes' Kinoklamauk "7 Zwerge" oder die trashigen Persiflagen der "ProSieben Märchenstunde" gesehen hat, wird solche Solidität zu schätzen wissen.

Löwenzahnblüten und eine lügnerische Ziege

Was allerdings nicht heißt, dass man den Grimm-Adaptionen, die sich die ARD insgesamt rund sechs Millionen Euro hat kosten lassen, nun gleich den Grimme-Preis zusprechen möchte. "Tischlein, deck dich!" (WDR), der den Reigen eröffnet, balanciert stets auf schmalem Grat zwischen Werktreue, naivem Kinder- und krachledernem Volkstheater – gelegentliche Ausrutscher inbegriffen.

Gelungen sind die sanften Veränderungen, mit denen Autor David Ungureit die Geschichte der drei Brüder auf einen Protagonisten hin verdichtet hat: "Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, mäh, mäh", meckert vorlagengemäß die lügnerische Ziege bei ihrem Herrn (Helmut Zierl) – aber hier nur über einen, den jüngsten Sohn. Enttäuscht vom mangelnden Vertrauen des Vaters ("Du glaubst der Ziege mehr als mir?"), folgt der Jüngling seinen beiden älteren, bereits regulär auf Wanderschaft gegangenen Brüdern nach.

Arg herzig dann das Folgende: Im dunklen Wald gewinnt der blondgelockte, rotwangige Max (Remo Schulze) einen putzigen Hund zum Gefährten und begegnet drollig herumfuchtelnden Räubern (unter anderen Ingo Naujoks). Leise rieseln Löwenzahnblüten durch die Luft, als er am Haus armer Schneidersleute (Winfried Glatzeder, Ursula Karusseit) eintrifft, bei denen er in Lehre geht.

Edelmann in Latzhose

Dagegen hübsch inszeniert (Regie: Ulrich König): wie Max quasi versehentlich Latzhose und "Beinkleiderhalter" erfindet, damit einen dicken Edelmann (Dietmar Bär) beglückt und seinem Meister zu Reichtum verhilft. Zum Dank erhält er als Abschiedsgeschenk den sprichwörtlichen "Knüppel aus dem Sack", dessen schlagkräftige Einsätze auf der Tonspur von fröhlichem Folk-Gefiedel begleitet werden.

Mit Hilfe des Knüppels erobert er die von verbrecherischen Wirtsleuten (Christine Neubauer, Michael Brandner) entwendeten Gesellen-Gaben seiner Brüder zurück: das wundersame "Tischlein, deck dich!" und den gerade in Krisenzeiten so wertvollen Goldesel, der auf Kommando Dukaten kackt ("Esel, reck dich, Esel streck dich, bricklebrit!"). Am Ende sind alle wichtigen Zitate und Motive abgefeiert und die erbauliche Botschaft ist unters Volk gebracht: Bleib redlich und unterschätze keinen Tollpatsch, der ein reines Herz hat!

Eine beachtliche Stardichte kennzeichnet alle ARD-Neuverfilmungen – unter anderen sind Ken Duken als König Drosselbart, Marianne Sägebrecht als Frau Holle, Kostja Ullmann als tapferes Schneiderlein sowie Axel Milberg, Hannelore Hoger, Dietmar Bär und Richy Müller dabei. Nicht immer freilich tut die Spielfreude der prominenten Darsteller den Stücken gut. Andrea Sawatzki etwa, die im MDR-Beitrag "Brüderchen und Schwesterchen" die böse Stiefmutter verkörpert, bewegt sich vor lauter Spaß an ihrer fiesen Hexenrolle immer hart am Rand der Charge.

Gleichwohl gelingt es diesem Film (Buch: Gabriele Kreis, Regie: Wolfgang Eißler) stärker als "Tischlein, deck dich!", eine wirklich märchenhafte Aura zu entfalten: Wenn sich das Brüderchen in ein Reh verwandelt, das Schwesterchen (Odine Johne) Stimmen im Wasser hört und schließlich, nachdem sie dem König ein Kind geschenkt hat, zu ihrer flehenden Beschwörungsformel ansetzt ("Was macht mein Kind, was macht mein Reh…"), dann wird auch die mystisch-dunkle Seite des Grimmschen Märchenkosmos erahnbar. Die kommt in der TV-Reihe zwischen der bonbonbunten Frau-Holle-Welt und der animierten Froschkönig-Amphibie vielleicht ein wenig kurz – aber von einem expliziten Familienprogramm mehr Düsterkeit zu fordern wäre sicher fehl am Platz.

Die ARD jedenfalls scheint sich derzeit wohlzufühlen als Märchen-Aufbereitungsanstalt: Am 25. Dezember lädt "Pilawas großes Märchenquiz" Prominente und Zuschauer zum Wissenstest, der BR steuert am 6. Januar als Zugabe noch das Hauff-Märchen "Zwerg Nase" bei, und bei entsprechender Publikumsresonanz soll 2009 eine weitere Filmstaffel folgen. Und wenn sie nicht gestorben sind ...


"Tischlein, deck dich!", 20. Dezember, 12.03 Uhr
"Brüderchen und Schwesterchen", 20. Dezember, 13 Uhr
"Der Froschkönig", 21. Dezember 10.03 Uhr
"Tischlein, deck dich!", 25. Dezember 14.05 Uhr
"König Drosselbart", 25. Dezember, 15.05 Uhr
"Frau Holle", 25. Dezember, 16.05 Uhr
"Das tapfere Schneiderlein", 26. Dezember, 14.35 Uhr

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. märchenhaft
Paul Max 20.12.2008
---Zitat von sysop--- Dabei sind die Grimm-Neufassungen besser als vermutet: solides Volkstheaterniveau. ---Zitatende--- vielleicht sollte die ard einfach nur mal auf die vielzahl von inzwischen auch auf dvd verfügbaren, und mit exzellenten schauspielern, zb. manfred krug, eberhard esche uvam., besetzten, märchenverfilmungen aus der cssr, der sowjetunion oder der ddr (defa), die bei amazon oder anderen anbietern vorhanden sind, zurückgreifen. da könnte die ard gutes kinderkino und kostenersparnis unter einen hut bringen.
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