Kontroverse um Märtyrer-Ausstellung Terroristen im Museum

Dürfen die Brüssel-Attentäter in einer Ausstellung neben Rosa Luxemburg gezeigt werden? Die Ausstellung "Märtyrermuseum" war noch in der Planungsphase, da lag schon eine Anzeige vor. Jetzt eröffnete sie.

Exponate während der Planungsphase
Sort/Hvid

Exponate während der Planungsphase

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Viele empörten sich, da war eine Auseinandersetzung noch gar nicht möglich: Anfang Mai, drei Wochen später sollte das "Märtyrermuseums" in Kopenhagen eröffnet werden, gab Ida Grarup ein Interview, das es auf Seite eins einer der größten dänischen Zeitungen schaffte. Weil sie darin ankündigte, das Projekt ihrer Künstlergruppe "The Other Eye of The Tiger" werde Menschen versammeln, die "bereit waren, für ihre Sache zu sterben". Rosa Luxemburg, Sokrates, Jeanne D'Arc etwa. Aber auch: Ibrahim El Bakraoui, der sich im März in Brüssel in die Luft sprengte mit seinem Bruder und einem weiteren Terroristen 35 Menschen tötete, Hunderte verletzte.

Der dänische Kulturminister nannte die Idee "wahnwitzig", ein Politiker der liberal-konservativen Regierungspartei "Venstre" erstatte Anzeige. Journalisten stritten sich in den Kommentarspalten, Medien aus anderen Ländern griffen die Kontroverse auf (auch SPIEGEL ONLINE). In Deutschland schrieb die "FAZ", die Ausstellung "spielt mit dem Terror"; N24, sie "würdige die Brüsseler Attentäter".

Tut sie das?

Ein alter Schlachthof, weniger als einen Kilometer vom Kopenhagener Hauptbahnhof entfernt. Außen hat die Zeit den Backstein zerfressen, innen: viel Licht durch große Fenster, weiß gekachelte Wände. Die Schienen, an denen früher die Schweinehälften aufgehängt wurden, wie vergessene Gleise an der Decke.

Fläschchen, darin: Nachbildungen von etwa Jeanne D'Arcs Haar
Boris Grimbäck

Fläschchen, darin: Nachbildungen von etwa Jeanne D'Arcs Haar

Hier ist das Märtyrermuseum eröffnet worden. "An dem Konzept haben wir nichts verändert seit der Kritik", sagt Henrik Grimbäck, gepflegte Künstlermähne, Turnschuhe und runde Brille. Mit Ida Hartrup und vier anderen bildet der 30-jährige Regiestudent The Other Eye of The Tiger.

Unbedingt sehenswert

Zitate aus wissenschaftlichen Publikationen und kleine Erklärtafeln begleiten Bilder von Menschen, die die Gruppe als Märtyrer begreift, dazu gibt es Ausstellungsstücke unter Glasglocken und in Vitrinen: Worte von Rosa Luxemburg. "Ihr stumpfen Schergen", in Schreibmaschinenschrift auf vergilbtem Papier. Neben dem Foto von Mohammed Bouazizi, dem tunesischen Gemüsehändler, der sich 2010 selbst verbrannte und die arabischen Revolutionen auslöste, ein grüner Benzinkanister.

In einem abgedunkelten Raum die Porträts von El Bakroui; auch von Omar Ismael Mustafa, der im November mit zwei anderen im Bataclan 89 Menschen in den Tod riss, und von Mohammed Atta, der eines der Flugzeuge in das World Trade Center flog. In Vitrinen, deren Beleuchtung an- und ausgeht, als würden sie blaues Licht atmen: schwarze Fetzen an einer weißen Plastikhand, eine Nachbildung des Lederhandschuhs, in dem El Bakraoui vermutlich den Auslöser der Bombe versteckte. Ein Ticket des Eagles-of-Death-Metal-Konzerts. Eine verbogene Computertastatur, bedeckt von grauer Asche, wie sie zwischen den Trümmern nach 9/11 hätte liegen können. "Wir würdigen die Attentäter nicht", sagt Grimbäck. "Wir wollen möglichst viele Aspekte beleuchten, die einen Märtyrer ausmachen können. Und dazu gehört auch, die Dinge zu verstehen, die wir als böse erleben. Das ist etwas anderes, als zu sympathisieren."

Ausstellungsraum zu Attentätern
Boris Grimbäck

Ausstellungsraum zu Attentätern

Und ja, die Qualität des unbedingt sehenswerten "Märtyrermuseums" liegt darin, die Komplexität und Wandelbarkeit des Begriffs nicht zu entwirren, sondern sie dem Besucher bewusst zu machen - ein Schritt, der möglich ist, eben weil sie auf ein normatives Urteil verzichtet. Und sich mit einer sachlichen Behutsamkeit vortastet hinaus über das, was sich in Köpfen festgedacht hat: Die Begleittexte zu den Vorgestellten sind verfasst wie knappe Lexikonartikel, die Schilder weisen bei jedem Exponat immer wieder darauf hin, dass es sich um eine Nachbildung handelt - hier liegt eine besonders fein austarierte Ernüchterung, weil sich die Künstler so der Faszination des Reliquienkults verweigern. Weil man nicht verurteilt, bedeutet das eben nicht im Umkehrschluss, dass man etwas feiert.

In den Texten vor der Eröffnung wurde - auch mal als kalkulierte Pointe - erwähnt, dass die Ausstellung in einem alten Schlachthof spiele. Aber gerade diese Umgebung eines gewachsenen Arbeitsorts - die weißen Kacheln, die Staubschlieren auf alten Waschbecken- versachlicht die Auseinandersetzung, ohne dass sie in eine überhöhte Künstlichkeit kippt (und, das nur am Rande: nebenan sind ein Atelier, ein Barbershop und ein Hipster-Fitnessstudio. Der Meatpacking District ist in Kopenhagen der zunehmend gentrifizierte Stadtteil, in dem seit einigen Jahren junge Kunst passiert, und wurde von der Gruppe nicht gezielt als Schauerort ausgewählt).

Nachbildung: Inhalt einer Bombe
Boris Grimbäck

Nachbildung: Inhalt einer Bombe

Auch über wohldosierte Verfremdung und Interaktion funktioniert ein Nachforschen, das fesselt, aber nicht gruselt: Bei Führungen, die die Gruppe anbietet, drückt ein Schauspieler die Teilnehmer neben den Fotos der islamistischen Attentäter an die Wand, die Dunkelheit durchschneiden rote, grüne, blaue Lichtblitze. Während manche Besucher noch die Vitrinen ansehen, weil sie nicht mitbekommen, was geschieht, steht man selbst gepresst am Beton und hört nur noch den Atem in sich.

Wäre die Aufregung um das Märtyrermuseum so groß gewesen, wenn die Ausstellung nur Mohammed Atta behandelt hätte und nicht den Brüssel-Attentäter, der zeitlich näher an uns ist als 9/11? Ist der Ruf nach einer moralischen Klarheit in der Kunst derzeit besonders groß, weil Ängste wachsen? Und liegt hier eine Gefahr? Das Martyrmuseum wirft lauter Fragen auf, die etwas öffnen. Fragen, um deren Antwort man im besten Sinne ringt - im Kopf, auch mit Grimbäck in diesen Kachelhallen: Er nennt die El-Bakraoui-Brüder auch im Gespräch Märtyrer, man selbst bringt es nicht über die Lippen. Welche Deutungsmacht verleiht man Islamisten, wenn man bei dieser Bezeichnung mitgeht? Grimbäck sagt: "Können sie nicht beides sein, Attentäter und Märtyrer?" Man kann diese Frage verneinen; aber man sollte sie vorher gedacht haben.

Eine Wand voller Brillen: Wessen Blick entscheidet, wer Märtyrer ist?
Boris Grimbäck

Eine Wand voller Brillen: Wessen Blick entscheidet, wer Märtyrer ist?

Eine halbe Stunde, nachdem die Ausstellung eröffnet ist, sind noch viele Plastikbecher voll Sekt übrig, wenige Besucher unterhalten sich über Religion und Märtyrertum. Die Kritiker seien in den letzten Wochen stiller geworden, sagt Grimbäck. Die Anzeige? Fallen gelassen. Der Politiker habe angekündigt, sich die Ausstellung anzusehen, begleitet von einem Journalisten. Auch der Kultusminister ist eingeladen. Grimbäck weiß nicht, ob er kommen wird.

Martyrmuseum, Staldgade 38, Kopenhagen, bis 10. Juni. Informationen zu Führungen und Informationen zu Öffnungszeiten gibt es auf der Facebook-Seite von "The Other Eye of The Tiger".



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