Magazin "Kultur & Gespenster" Lust und Notwendigkeit

"Kultur & Gespenster" ist auf Droge: Die elfte Ausgabe des Kunst-, Comic- und Theoriemagazins widmet sich in einem üppigen Schwerpunkt allerlei Sucht-, Betäubungs- und Arzneimitteln. Wie immer ein berauschendes Heft.

Textem Verlag

Sie haben es mal wieder geschafft: Die Macher des Hamburger Kunst- und Comic- und Theoriemagazins "Kultur & Gespenster" haben eine 326 Seiten dicke, schön gestaltete Ausgabe herausgebracht, die elfte insgesamt, und so feierten sie am Montagabend eine Release-Party im Golden Pudel Club.

Grund zum Feiern hatten sie allemal, denn für die vier Herausgeber Gustav Mechlenburg, Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Christoph Steinegger ist "Kultur & Gespenster" ein halsbrecherisches Projekt. Nicht wegen seines immensen intellektuellen Anspruchs, sondern finanziell. Keiner der Beteiligten bekommt ein Honorar, wie viele der 2000 gedruckten Magazine wann verkauft werden, ist nicht vorhersehbar. Wirtschaftlich sei das Magazin meist ein Nullsummenspiel, sagt Mechlenburg, sie könnten "gut einen Sponsor gebrauchen".

Zum ersten Mal am Kiosk

Die elfte Ausgabe hat allerdings beste Chancen, ein Erfolg zu werden. Weil "Kultur & Gespenster" zum ersten Mal am Kiosk verkauft wird. Vor allem aber, weil über das Thema Drogen noch nie so offen in einem Magazin geschrieben worden ist. Um Kontrollgesellschaften und die dazu passenden Medikamente geht es, "aber auch um den modischen Wirbel, der speziell im Sektor der Kulturproduktion um den Konsum von Drogen gemacht wird", schreibt der Verlag in der Ankündigung.

Der Künstler, Autor und Kurator Hans-Christian Dany und der Künstler und Kunsttheoretiker Max Hinderer sind für den Schwerpunkt verantwortlich. Beide haben sich seit Jahren mit dem Thema Drogen auseinander gesetzt. Dany zum Beispiel hat in seinem Buch "Speed - Eine Gesellschaft auf Droge" kritisiert, dass Amphetamin als Pharmazeutikum "die normalste Sache der Welt" sei, die Kinder und Soldaten legal zugeteilt bekommen würden, um "zu leisten, was von ihnen erwartet wird", und dass dasselbe Amphetamin, wenn es "Speed" heißt, als "Killerdroge" verrufen sei.

Wie immer sind die Zwischenüberschriften im Heft Zitate aus Hegels "Phänomenologie des Geistes": Unter "Die sinnliche Gewissheit" sind Fotografien von Blumenkasten-Sprengungen zu sehen, angefertigt von der kürzlich verstorbenen Künstlerin Annette Wehrmann. Der thematische Schwerpunkt ist unter "Die Lust und die Notwendigkeit" zu finden.

Dany und Hinderer analysieren in ihrem einführenden Text "Mittel & Wege" Gründe für den Drogenkonsum, schildern die Wünsche des Konsumenten und die Realität: Drogennutzung, um "eine zur Norm erklärte Bringschuld erfüllen zu können", also besser zu funktionieren.

Reise zu einem Schamanen

Die Künstlerin Ines Duojak schildert ihre Reise zu einem Schamanen in Peru, die Erfüllung ihrer Sehnsucht, den eigenen Körper hinter sich zu lassen, und etwas zu finden, was sie "wahrhaft außer sich" bringt. Berührend ist das sehr persönliche tabellarische Tagebuch einer krebskranken Frau, die über mehrere Monate jeden Tag notiert, welche Medikamente sie bekommt, wie ihr physischer Zustand ist und wie ihr psychischer, welche Gedanken und Hoffnungen sie hat.

Der Sozialwissenschaftler Aldo Legnaro schreibt über "Drogen im Szenario einer Kontrollgesellschaft", von der Queer-Theoretikerin Beatriz Preciado ist ein Textauszug aus "Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik" abgedruckt, und Max Hinderer spricht mit Diedrich Diedrichsen unter dem wunderbaren Titel "Sich mit sich selbst vollknallen" über Eigenblutdoping.

Bleibt zu hoffen, dass die Lead-Award Auszeichnungen für "Kultur & Gespenster" und die Anerkennung der Feuilletons sich dieses Mal auf die Verkaufszahlen niederschlagen.


Kultur & Gespenster Nr. 11: "Drogen". Textem Verlag, Hamburg; 12 Euro.

Weitere Release-Termine:
St. Moritz, St. Moritz Art Masters, 1.-5.9.;
Berlin, Buchhandlung Pro Quadratmeter, 24.9.;
Zürich, Corner College, 19. 11.;
Wien, Akademie, 3.12.



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