Magnum-Fotograf Kubota "Leichenfotos sind ungerecht"

Er bekam eine private Audienz bei Kim Il Sung, fotografierte als Japaner unter US-Veteranen in Pearl Harbor und erlebte den Fall von Saigon: Hiroji Kubota hat mehr als fünf Millionen Aufnahmen gemacht. An eine Maxime hat sich der gefeierte Magnum-Star dabei stets gehalten: Die Toten sollen ruhen.

Hiroji Kubota/ Magnum Photos/ Agentur Focus

SPIEGEL ONLINE: Herr Kubota, warum sind Sie Fotograf geworden?

Kubota: Ein glücklicher Zufall. Ich war befreundet mit Hiroshi Hamaya, einem japanischen Fotografen, der der Agentur Magnum zugearbeitet hat. Er fragte mich eines Tages, ob ich drei seiner Kollegen durch Tokio fahren und für sie übersetzen könnte: René Burri, Elliott Erwitt und Burt Glinn. Mich faszinierte ihre Weltgewandtheit. Japan war damals noch sehr abgeschottet, sie waren zum ersten Mal dort. Doch sie verhielten sich, als seien sie zu Hause, in einer Gesellschaft, die ganz anders war als die ihre. Am Ende wollten sie mich bezahlen, doch ich lehnte ab. Stattdessen bekam ich Geschenke - von René Burri ein altes Leica-Kameragehäuse.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht jeder Student mit einer schicken Kamera wird Fotograf.

Kubota: Das Kameragehäuse war ja nicht das einzige Geschenk. Erwitt gab mir eine Erstausgabe von Henri Cartier-Bressons Buch "The Decisive Moment". Seine phantastischen Bilder ließen mich denken: "Mein Gott - das kann man also mit Fotografie schaffen." Ich hatte nie einen Kurs in Fotografie belegt, geschweige denn in einer Dunkelkammer gearbeitet, doch ich war überzeugt, dass Fotojournalismus die richtige Arbeit für mich sein würde.

SPIEGEL ONLINE: Und dann ging es von der Uni tatsächlich direkt zu Magnum?

Kubota: Ja. Ich war mit meinen Freunden von Magnum in Kontakt geblieben, und nach meinem Abschluss bin ich 1962 nach New York gegangen. Anfangs wusste ich wenig mit mir anzufangen, aber bald gab mir Burt Glinn einen Assistentenjob. Man ließ mich im Büro Cartier-Bressons Kontaktabzüge durchgehen, und ich war noch mehr beeindruckt. 1965 bekam ich schließlich einen Magnum-Ausweis - und eine Kreditkarte! Das war sozusagen der Ritterschlag zum Vollmitglied.

SPIEGEL ONLINE: Und sind es Ihre ganze Karriere über geblieben.

Kubota: Mehr als 40 Jahre. Ich bin der Fotograf mit dem vielseitigsten Werk bei Magnum - fünf Millionen Aufnahmen bisher.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie die erste der fünf Millionen gemacht?

Kubota: In den USA - und was ich sah, überzeugte mich, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. 1963 fotografierte ich den Marsch auf Washington und hörte Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede. Danach fotografierte ich in den Südstaaten.

SPIEGEL ONLINE: Ein junger Japaner im Süden zur Zeit der Rassentrennung?

Kubota: Für viele Südstaatler war ich der erste Asiate, den sie je gesehen hatten. Aber ich habe mich nicht abschrecken lassen, und die Menschen aus dem Süden wurden ihrem Ruf als besonders gastfreundliche Leute gerecht. Schwarze, Weiße, Native Americans - sie alle hießen mich willkommen.

SPIEGEL ONLINE: Damals waren Sie einer von sehr wenigen asiatischen Fotojournalisten, bei vielen Gelegenheiten der einzige. War das problematisch?

Kubota: Nun, als ich in Pearl Harbor fotografiert habe, war das ein bisschen schwierig. Aber sogar die Veteranen bemühten sich darum, dass ich mich nicht allzu unbehaglich fühlte. Ich erinnere mich noch, wie Cornell Capa zu mir sagte: "Benimm dich einfach chinesisch!" Als ich 1975 in Saigon war, war meine Karriere in vollem Gange und ich sehr stolz darauf, der bestbezahlte Journalist dort zu sein. Zu der Zeit erwartete man, dass Asiaten weniger bekämen - diesmal war es andersherum.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Fall von Saigon 1975 erlebt?

Kubota: Ich war kein Kriegsfotograf, und die Arbeit fiel mir nicht leicht. Als der Zweite Weltkrieg in Japan endete, war ich sechs Jahre alt, und ich habe noch viele Erinnerungen daran - besonders an all die Leichen. Als ich Fotojournalist wurde, habe ich mir selbst versprochen, nie eine Leiche zu fotografieren, weil es so ungerecht gegenüber dem Verstorbenen ist. In Saigon sah ich wieder Leichen - doch ich hielt mein Versprechen. Für uns Medienleute war der Fall von Saigon eine gefährliche Zeit. Es bestand stets das Risiko, dass uns die Nordvietnamesen für Angehörige der südvietnamesischen Armee halten. Erst in den letzten paar Tagen realisierte die Bevölkerung so richtig, dass sie eingekreist war und Saigon fallen würde. Die Spannungen, die Konfusion, das Chaos - all das, was auf diese Erkenntnis folgte, ist schwer zu beschreiben. Die Leute waren verängstigt - die Angst stand in ihre Gesichter geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie da herausgekommen?

Kubota: Die letzten Leute, die fliehen konnten, waren zwei Busladungen voll Journalisten. Jeder von uns durfte nur einen Koffer mitnehmen. Ein Chinook-Transporthubschrauber sammelte uns auf. An Bord waren Marines mit 45er-Maschinengewehren im Anschlag. Es herrschte solch eine irre Eile, dass der Hubschrauber nicht mal landete: Wir zogen uns selbst hoch.

SPIEGEL ONLINE: Saigon war aber eine relativ kurze Episode. Eigentlich arbeiten Sie anders, oder? Sie besuchen Länder wieder und wieder.

Kubota: Ich bin allein in China 47-mal herumgereist, sechseinhalb Jahre lang. Als Gast des Premierministers Zhou Enlai bekam ich ungehinderten Zutritt zu allen Provinzen des Landes. Ich bin auch einer der wenigen Menschen, die nach dem Korea-Krieg alle Provinzen besucht haben. Ich habe Kim Il Sung bei mehreren Gelegenheiten fotografiert. Er hatte eine starke Präsenz, seine Stimme war sehr überzeugend, er war ein mitreißender Erzähler. Einmal hatte ich einen persönlichen Fototermin für 30 Minuten in einem seiner Büros. Die meiste Zeit las er Zeitung, oder tat zumindest so, als würde er Zeitung lesen.

SPIEGEL ONLINE: Welches der Länder, in denen Sie fotografiert haben, hat den stärksten Eindruck bei Ihnen hinterlassen?

Kubota: Burma ist mein liebstes Land. Die Menschen dort sind so tolerant und freundlich, verwurzelt im Buddhismus. Seit den Siebzigern bin ich 75-mal dort gewesen. Unter dem quasi-sozialistischen Regime von Ne Win war das Land sehr isoliert. Eine schwierige Zeit, aber die Menschen haben ihren guten Geist nicht verloren. Jetzt öffnet sich Burma und ändert sich rapide. Aus genau diesem Grund möchte ich nicht mehr dorthin zurück. Burma, wie es war, war wie ein Traum. Die Erinnerung an diesen Traum ist mir so kostbar, dass ich nicht riskieren will, sie zu verdrängen.

Das Interview führte Marc Erwin Babej



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Methusalixchen 25.09.2013
1. Fleißig, fleißig
5 Millionen Aufnahmen in 40 Jahren. 125000 pro Jahr, 342 Fotos pro Tag, jeden Tag, jede Stunde rund um die Uhr 14 Aufnahmen ...
zl1dyc 25.09.2013
2. Nord Korea und Burma
Ich war 1975/76 10 Monate in Nord Korea und 1985/86 ei Jahr in Burma. Habe aus dieser Zeit viele, bereits digitalisierte Fotos, die ich gerne veroeffentlichen moechte. Wie oennte man das machen?
Newspeak 25.09.2013
3. ...
Zitat von Methusalixchen5 Millionen Aufnahmen in 40 Jahren. 125000 pro Jahr, 342 Fotos pro Tag, jeden Tag, jede Stunde rund um die Uhr 14 Aufnahmen ...
Und nur auf eine Handvoll kommt es an... Aber der Ansatz ist an sich richtig. Wenn man DAS EINE gute Foto haben will, dann macht man normalerweise sehr viel mehr schlechte Fotos und kann dann auswählen. Nur Naive glauben, daß man nur auf den richtigen Augenblick warten müsste, um ein Foto zu machen. Dabei bemerkt man doch meistens erst hinterher, welches aus den Vielen DAS EINE ist.
xebudig 25.09.2013
4. Professionelle Kameras schießen Serien
Zitat von Methusalixchen5 Millionen Aufnahmen in 40 Jahren. 125000 pro Jahr, 342 Fotos pro Tag, jeden Tag, jede Stunde rund um die Uhr 14 Aufnahmen ...
Auch schon vor 50 Jahren haben Photographen gerne Serien geschossen. Ein Film in 2 Minuten, 2 Kameras dann wechseln. 400 Aufnahmen am Tag sind 10-20 Motive zu 10-100 Bildern pro Motiv, wahrlich nicht viel.
mulhollanddriver 25.09.2013
5. Das geht.
Zitat von Methusalixchen5 Millionen Aufnahmen in 40 Jahren. 125000 pro Jahr, 342 Fotos pro Tag, jeden Tag, jede Stunde rund um die Uhr 14 Aufnahmen ...
Ich bin selbst Reportagefotograf. 5.ooo.ooo klingt tatsächlich viel, aber ich komme auch auf etwa 5o.ooo pro Jahr, und ich reise nicht um die ganze Welt und fotografiere auch nicht jeden Tag. Damals, als analog fotografiert wurde, war das natürlich mit ziemlichen Kosten verbunden. Heute ist das unproblematisch. Der Verschlußmechanismus einer D4 ist auf 4oo.ooo Auslösungen ausgelegt, bevor man die erreicht hat, ist die Kamera längst verkauft.
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